In Spanien ist Maricarmen Abascal, eine 87-jährige Rentnerin aus Madrid, gestorben – wenige Tage nachdem sie nach 71 Jahren aus ihrer Wohnung geräumt worden war, weil sie eine Mieterhöhung um 275 Prozent ablehnte. Ihr Tod berührt den Nerv einer Nation, die seit Jahren unter einer tiefen Wohnungskrise leidet, und verwandelt das Schicksal einer einzelnen Frau in den Ruf einer ganzen Gesellschaft nach Würde und Gerechtigkeit. Was als persönliches Unglück begann, ist nun zur politischen Zäsur geworden.
Tod von Maricarmen verschärft Wohnungskrise-Proteste in Spanien
Die Immobilienspekulanten haben Maricarmen umgebracht
Was genau hat Maricarmen zur Symbolfigur gemacht? Es gibt doch viele Menschen, die aus ihren Wohnungen geräumt werden.
Sie hat sich geweigert, eine unmögliche Forderung zu akzeptieren. 275 Prozent Mieterhöhung – das war nicht verhandelbar, das war absurd. Und sie hat das öffentlich gemacht, hat nicht stillschweigend verschwunden.
Aber warum gerade sie? Wann wurde sie zur Symbolfigur – vor der Räumung oder danach?
Beides. Ihr Kampf gegen die Räumung war öffentlich, aber erst die Räumung selbst, dieser Moment mit dem Vorschlaghammer, das machte sie zur Symbolfigur. Das Bild war zu stark.
Und dann ist sie zwei Wochen später gestorben. Kann man sagen, dass die Räumung sie getötet hat?
Der Mieterbund sagt genau das – dass die Immobilienspekulanten sie umgebracht haben. Sie war völlig erschöpft, als sie ins Krankenhaus kam.
Das ist eine starke Aussage. Aber wir wissen nicht, woran sie gestorben ist. Das steht nicht in den Berichten. Es könnte eine Vielzahl von Gründen geben.
Das stimmt. Aber der Stress, die Aufregung, die jahrelange Auseinandersetzung – das hat sicher eine Rolle gespielt.
Wie hat sich die Situation nach ihrem Tod verändert?
Die Proteste sind massiv geworden. Zehntausende Menschen gehen auf die Straße unter dem Motto "Nicht eine weitere Maricarmen". Die Gewerkschaften rufen zu einem Generalstreik auf.
Und die Wohnungskrise selbst – hat sich etwas daran geändert?
Noch nicht. Aber die politische Lage hat sich verschärft. Regierungschef Sánchez hat Neuwahlen angesetzt, weil seine Mieterschutz-Dekrete gescheitert sind.
Also ist Mariacarmens Tod ein Wendepunkt in der politischen Debatte?
Es könnte einer werden. Aber das hängt davon ab, was die Wähler im November entscheiden.
El Pulso
- Eine 87-Jährige stirbt, nachdem sie gewaltsam aus ihrer Wohnung geräumt wurde – und ganz Spanien hält inne: Kerzen, Schweigeminuten, Totenwachen vor ihrem früheren Zuhause.
- Die Wut auf den Straßen schlägt in offene Anklage um: Demonstranten rufen vor dem Parlament 'Das sind keine Tode, das sind Morde' – die Rhetorik ist nicht mehr Verzweiflung, sondern Verurteilung.
- Gewerkschaften rufen für den 11. November zum Generalstreik auf, der Mieterbund mobilisiert die Zivilgesellschaft unter dem Motto 'Ni una Maricarmen más' – aus einer Zwangsräumung ist eine landesweite Bewegung geworden.
- Regierungschef Sánchez setzt Neuwahlen für den 29. November an, nachdem Mieterschutz-Dekrete im Parlament an konservativen und rechtspopulistischen Parteien scheiterten – die Wohnungsfrage spaltet das Land bis ins politische Mark.
In Spanien ist Maricarmen Abascal, eine 87-jährige Rentnerin aus Madrid, gestorben – wenige Tage nachdem sie nach 71 Jahren aus ihrer Wohnung geräumt worden war, weil sie eine Mieterhöhung um 275 Prozent ablehnte. Ihr Tod berührt den Nerv einer Nation, die seit Jahren unter einer tiefen Wohnungskrise leidet, und verwandelt das Schicksal einer einzelnen Frau in den Ruf einer ganzen Gesellschaft nach Würde und Gerechtigkeit. Was als persönliches Unglück begann, ist nun zur politischen Zäsur geworden.
Maricarmen Abascal hatte 71 Jahre in ihrer Wohnung im Madrider Retiro-Viertel gelebt, als ein Vermieter eine Mieterhöhung um 275 Prozent forderte – eine Summe, die für eine Rentnerin schlicht unmöglich war. Am 23. September brach die Polizei ihre Tür auf. Erschöpft von jahrelangem Kampf kam sie direkt ins Krankenhaus. Vom Krankenbett aus sprach sie zu ihren Landsleuten: Sie habe ihr Zuhause nicht retten können, aber sie habe gekämpft, damit andere für das kämpfen könnten, was ihnen zustand. Es waren ihre letzten Worte. Weniger als zwei Wochen später teilte der spanische Mieterbund ihren Tod mit.
Ihr Sterben traf Spanien wie ein Schlag. Auf der Puerta del Sol legten Demonstranten eine Schweigeminute ein, vor ihrem früheren Wohnhaus brannten Kerzen. Alicia del Río vom Mieterbund brachte auf den Punkt, was viele dachten: 'Die Immobilienspekulanten haben Maricarmen umgebracht.' Die Wut war nicht aus dem Nichts entstanden – Spaniens Durchschnittsmieten haben sich in zehn Jahren fast verdoppelt, mehr als 700.000 Wohnungen fehlen im Land. Maricarmen war nicht das erste Opfer, aber die erste, die das ganze Land sah.
Nach ihrem Tod verschärfte sich die Sprache der Proteste dramatisch. Hunderte zogen zum Parlamentsgebäude, wo kurz zuvor Mieterschutz-Dekrete der Regierung an konservativen und rechtspopulistischen Parteien gescheitert waren. Die Menge skandierte: 'Das sind keine Tode, das sind Morde.' Regierungschef Pedro Sánchez kondolierte und setzte Neuwahlen für den 29. November an. Die rechtspopulistische Vox warf den Linken vor, das Leid einer alten Frau 'skrupellos instrumentalisiert' zu haben – eine Reaktion, die zeigte, wie tief die Wohnungsfrage das Land spaltet.
Die Gewerkschaften riefen zum Generalstreik am 11. November auf. Überall im Land versammelten sich Menschen unter dem Motto 'Ni una Maricarmen más' – nicht eine weitere Maricarmen. Was mit einer einzigen Zwangsräumung begonnen hatte, war zur Bewegung geworden. Und was mit einer 87-Jährigen gestorben war, lebte in dieser Bewegung weiter.
Maricarmen Abascal war 87 Jahre alt, als die Polizei mit einem Vorschlaghammer die Tür ihrer Wohnung aufbrach. Sie hatte dort 71 Jahre gelebt, im Retiro-Viertel von Madrid, bis ein Vermieter eine Mieterhöhung um 275 Prozent forderte – eine Summe, die eine Rentnerin unmöglich zahlen konnte. Am 23. September wurde sie aus ihrem Zuhause geräumt. Die Aufregung und der Stress der jahrelangen Auseinandersetzung hatten sie völlig erschöpft. Sanitäter brachten sie direkt ins Krankenhaus. Vom Krankenbett aus sprach sie zu ihren Landsleuten: Sie habe es nicht geschafft, ihr Haus zu verteidigen, sagte sie, aber sie habe dafür gekämpft, damit andere für das kämpfen könnten, was ihnen zustand. Diese Worte sollten ihre letzten sein. Am Mittwoch, weniger als zwei Wochen später, teilte der spanische Mieterbund mit, dass Maricarmen gestorben war.
Ihr Tod traf Spanien wie ein Schlag. In Madrid, auf der Puerta del Sol, wo Demonstranten seit Tagen gegen die Wohnungsnot protestierten, legten Menschen eine Schweigeminute ein. Vor ihrem früheren Wohnhaus zündeten andere Kerzen an, hielten Totenwachen, legten Blumen nieder. Fernsehkameras dokumentierten die Trauer. Alicia del Río, Sprecherin des Mieterbundes, sprach im Fernsehen aus, was viele dachten: "Die Immobilienspekulanten haben Maricarmen umgebracht."
Die Wut war berechtigt. Spanien steckt in einer Wohnungskrise, die seit Jahren das Thema Nummer eins für die Bevölkerung ist. Die Durchschnittsmieten haben sich in den vergangenen zehn Jahren fast verdoppelt. Schätzungen zufolge fehlen dem Land mehr als 700.000 Wohnungen. Maricarmen war nicht das erste Opfer dieser Verhältnisse, aber sie war die erste, die das ganze Land sah. Mit ihrer Weigerung, die unmögliche Mieterhöhung zu zahlen, war sie zur Symbolfigur geworden. Tausende Menschen gingen mit dem Slogan "Wir alle sind Maricarmen" auf die Straße. In vielen Städten entstanden Protestcamps.
Nach ihrer Zwangsräumung verschärfte sich die Sprache der Protestierenden dramatisch. Am Mittwochabend zogen Hunderte Menschen vom Protestcamp zum Parlamentsgebäude. Dort waren am Freitag zuvor Regierungsdekrete für mehr Mieterschutz gescheitert – die konservativen und rechtspopulistischen Parteien hatten sie blockiert. Vor dem Parlament skandierten die Demonstranten: "Das sind keine Tode, das sind Morde" und "Mörder, Mörder". Die Rhetorik war nicht mehr nur verzweifelt, sie war anklagend geworden.
Regierungschef Pedro Sánchez, dessen linke Regierung die Dekrete einbringen wollte, hatte auf die Blockade reagiert, indem er Neuwahlen für den 29. November ansetzte. Jetzt, nach Mariacarmens Tod, kondolierte er den Angehörigen und schrieb auf X: "Mein ganzes Mitgefühl gilt der Familie und den Angehörigen von Maricarmen. Ein stiller Gruß auch an alle, die diesen Verlust heute wie ihren eigenen empfinden." Gesundheitsministerin Mónica García schrieb: "Dein Kampf hat in ganz Spanien das Bewusstsein wachgerüttelt und eine Zündschnur entzündet, die nicht mehr erlöschen wird."
Die rechtspopulistische Vox reagierte anders. Sie warf den linken Parteien vor, "skrupellos das Leid eines älteren Menschen instrumentalisiert zu haben", um von der Verantwortung der Regierung für die Wohnungskrise abzulenken. Es war eine Reaktion, die zeigte, wie tief die Wohnungsfrage in Spaniens Politiklandschaft spaltet.
Die Gewerkschaften kündigten einen Generalstreik für den 11. November an. Der Mieterbund rief die Zivilgesellschaft auf, den Kampf fortzusetzen, damit es "keine weitere Maricarmen" mehr gebe. Pepe Álvarez, Generalsekretär der Gewerkschaft UGT, ermunterte die Spanier, "aus Wut und Schmerz" auf die Straße zu gehen – als Ehrung für Maricarmen und für die Zehntausenden, denen "ein Zuhause verwehrt wird". Überall im Land versammelten sich Menschen unter dem Motto "Ni una Maricarmen más" – nicht eine weitere Maricarmen. Was mit einer einzelnen Zwangsräumung begonnen hatte, war zur Bewegung geworden. Und was mit einer 87-Jährigen gestorben war, lebte in dieser Bewegung weiter.
Citas Notables
Ich habe es nicht geschafft, mein Haus zu verteidigen. Aber ich habe dafür gekämpft, damit auch andere für das kämpfen, was ihnen zusteht— Maricarmen Abascal vom Krankenbett
Dein Kampf hat in ganz Spanien das Bewusstsein wachgerüttelt und eine Zündschnur entzündet, die nicht mehr erlöschen wird— Gesundheitsministerin Mónica García