Serbiens Studenten fahren gegen Vucic – auf dem Fahrrad

16 Menschen starben beim Einsturz des Bahnhofsvordachs in Novi Sad 2022; Demonstranten wurden in Valjevo von Polizisten brutal verprügelt.
Sie können die Wahrheit nicht wegnehmen
Ein Professor hält eine emotionale Rede, nachdem Polizei sein Büro stürmt – bevor Schmutzkampagnen seinen Ruf zerstören.
Mark

Warum ist diese Studentenbewegung so anders als andere Oppositionsbewegungen in der Region?

Mimi

Sie haben bewusst keine charismatische Führungsfigur. Das war eine strategische Entscheidung, um nicht zur Zielscheibe von Schmutzkampagnen zu werden – aber es hat auch bedeutet, dass sie verletzlicher sind.

Luke

Aber Vladan Dokic war doch das Gesicht der Bewegung, oder? Und genau das ist schiefgegangen.

Mimi

Ja, genau. Er wurde von den Medien, die Vucic kontrolliert, systematisch angegriffen. Jetzt ist er nicht einmal mehr auf der Wahlliste.

Mark

Wie funktioniert dieser Wahlkampf per Fahrrad eigentlich strategisch?

Mimi

Sie fahren durch konservative Regionen, wo Vucic lange Zeit stark war. Sie wollen direkt mit Menschen sprechen, ihnen zeigen, dass es Alternativen gibt.

Luke

Aber funktioniert das wirklich? Die Umfragen zeigen sie auf Augenhöhe mit Vucic – aber sind das verlässliche Zahlen, wenn die meisten Menschen ihre Informationen aus Vucic-kontrollierten Medien bekommen?

Mimi

Das ist die zentrale Frage. Die Studierenden hoffen, dass direkte Begegnungen Menschen erreichen, die sonst nur Propaganda sehen.

Mark

Was passiert, wenn sie gewinnen?

Mimi

Sie wollen eine Art Expertenregierung mit Professoren und Wissenschaftlern. Bessere Bildung, echte Rechtsstaatlichkeit, eine klare EU-Perspektive.

Luke

Und wenn sie verlieren? Werden die Schmutzkampagnen dann noch intensiver?

Mimi

Das ist das Risiko, das jeder eingeht, der sich gegen Vucic stellt. Die Anwältin Jana Acimovic Planojevic wurde persönlich von Vucic attackiert – erfundene Geschichten über ihren Vater wurden verbreitet.

Mark

Wie halten die Studierenden das psychologisch aus?

Mimi

Marija sagte: "Wir tun das aus vollem Herzen." Das ist nicht naiv – das ist Entschlossenheit.

  • Bahnhofsvordach-Einsturz in Novi Sad 2022: 16 Tote
  • Studentenbewegung tritt als dritte Kraft an
  • Wahl am 25. Oktober 2026
  • Etwa 120 Studenten fahren per Fahrrad Wahlkampf
  • Umfragen zeigen Studierenden auf Augenhöhe mit Vucic-Lager

Studentenbewegung tritt als dritte Kraft an, nachdem ein Bahnhofseinsturz 2022 in Novi Sad 16 Tote forderte und Proteste auslöste. Vucic-kontrollierte Medien führen Schmutzkampagnen gegen Gegner durch; Professoren und Anwälte werden persönlich attackiert.

Serbische Studenten führen unkonventionellen Wahlkampf per Fahrrad gegen Präsident Vucic. Bei der Wahl am 25. Oktober könnten sie laut Umfragen auf Augenhöhe mit dem Vucic-Lager konkurrieren.

Marija zieht ihre Regenjacke über und steigt auf ihr Fahrrad. Die 22-jährige Medizinstudentin weiß noch nicht, dass dieser Tag sie an ihre Grenzen treiben wird. Seit Tagen ist sie mit anderen Studierenden unterwegs, und heute führt ihre Route durch eine ländliche Region südwestlich von Belgrads – konservatives Gebiet, in dem viele Menschen lange Zeit Aleksandar Vucic unterstützten. Das Ziel ist das kleine Städtchen Osecina. "Wir hoffen, dass wir die Menschen dort erreichen und ihnen erklären können, was im Land wirklich los ist", sagt sie.

Das, was im Land los ist, begann vor zwei Jahren mit einer Katastrophe. Ein Bahnhofsvordach in Novi Sad kollabierte und tötete 16 Menschen. Die Trauer verwandelte sich schnell in Wut. Die Studierenden sahen in diesem Unglück nicht nur eine Tragödie, sondern ein Symbol für Korruption und Machtmissbrauch im System Vucic. Aus den Protesten wuchs eine Bewegung heran, die nun als dritte Kraft bei der Wahl am 25. Oktober antreten wird. Sie fordern einen Neustart: bessere Bildung, echte Rechtsstaatlichkeit, eine klare Perspektive auf die Europäische Union. Die autokratischen Tendenzen Vucics, seine Nähe zu Russland und sein Umgang mit den Protesten haben diese Forderungen nur dringlicher gemacht.

Unter den Kandidaten finden sich viele Professoren und Wissenschaftler – die Studierenden stellen sich eine Art Expertenregierung vor. Das unterscheidet sie von ähnlichen Bewegungen anderswo auf dem Balkan. In Ungarn führte Peter Magyar sein Bündnis mit charismatischer Präsenz zum Sieg gegen Viktor Orban. Serbiens Studentenbewegung hat bewusst keine solche Führungsfigur. Das ist Absicht, nicht Mangel.

Doch die Abwesenheit eines Gesichts wurde zum Problem. Der Professor Vladan Dokic, Rektor der Universität Belgrad, unterstützte die Proteste öffentlich. Nach einem tragischen Todesfall an der Uni stürmten Polizeieinheiten sein Büro. Dokic trat auf den Balkon und hielt eine emotionale Rede vor der Menge im Hof: "Sie können Receiver und Computer wegnehmen, aber die Wahrheit können sie nicht wegnehmen." Plötzlich hatte die Bewegung ein Gesicht. Dann begann, was Vucics Gegner als systematische Schmutzkampagne bezeichnen. Die von Vucic kontrollierten Medien – für viele Serben die einzige Informationsquelle – zerstörten Dokics Ruf methodisch. Heute steht er nicht einmal mehr auf der Wahlliste.

Das gleiche Schicksal trifft alle, die sich öffentlich gegen Vucic stellen. Die Anwältin Jana Acimovic Planojevic vertritt Opfer eines Polizeieinsatzes in Valjevo, wo Demonstranten vor einem Jahr von Polizisten brutal verprügelt wurden. Sie setzte sich für Aufklärung ein und wurde selbst zur Zielscheibe. Vucic attackierte sie persönlich im Fernsehen. "Am schlimmsten waren die Geschichten, die sie über meinen Vater erfunden haben", berichtet sie. "Ihm wurde vorgeworfen, als Unternehmer angeblich Ammoniak vergraben und so die ganze Stadt vergiftet zu haben, sodass viele hier an Krebs verstorben seien." Trotzdem unterstützt sie die Studierenden, die sich explizit für Rechtsstaatlichkeit einsetzen.

Als Marija und etwa 120 andere Radfahrer in Osecina ankommen, warten bereits Vertreter der Vucic-Partei auf sie. Marija hat Diabetes und musste mehrfach absteigen – die Hügel und das Regenwetter überforderten sie, bis Mitstreiter sie schoben. Der Gemeinderat-Vorsitzende Svetozar Gacic empfängt sie mit der Botschaft, dass Vucic das Land vorangebracht hat, besonders die Infrastruktur. "Hier, in unserer Gemeinde, kann man mit bloßem Auge sehen, was alles gemacht worden ist", sagt er. Auf die Frage zum EU-Beitritt antwortet der Bürgermeister ausweichend. Gacic springt ein: "Wir unterstützen die Politik unseres Präsidenten Aleksandar Vucic, der sich für europäische Integration einsetzt – und für gute Beziehungen zu unserem brüderlichen Russland."

Doch nicht alle in Osecina sind Gegner. Ein Stück weiter empfangen andere Einheimische die Studierenden mit Beifall, Essen und Trinken. "Sie haben die Türen und Fenster weit geöffnet, damit die Menschen endlich wieder einen Hauch von Freiheit spüren können", sagt ein Mann. Ein anderer steht mit Tränen in den Augen: "Alle Achtung vor ihnen. Das sind unsere Kinder! Wir werden alle gemeinsam dafür kämpfen, dass dieser Wahnsinn ein Ende findet. Wir setzen unsere Hoffnung auf Gott und auf diese Jugend." Marija steht mittendrin, erschöpft aber glücklich: "Wir tun das aus vollem Herzen. Und wir teilen unsere positive Energie mit allen hier."

Umfragen zeigen die Studentenliste inzwischen auf Augenhöhe mit dem Vucic-Lager. Die Wahl in zwei Wochen könnte für Serbien und den ganzen Balkan historisch werden.

Sie haben die Türen und Fenster weit geöffnet, damit die Menschen endlich wieder einen Hauch von Freiheit spüren können
— Ein Einwohner von Osecina
Wir tun das aus vollem Herzen. Und wir teilen unsere positive Energie mit allen hier
— Marija, 22-jährige Medizinstudentin
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