Kosovo vermied wiederholte Neuwahlen durch die Wahl von Justina Shiroka-Pula als dritter weiblicher Präsidentin des jüngsten europäischen Staates kurz vor Ablauf einer verfassungsrechtlichen Frist. Das Parlament verabschiedete gleichzeitig Änderungen am Sondertribunal, die dessen Mandat einschränken und eine Bedingung der PDK für die Unterstützung der Präsidentenwahl waren.
Kosovo wählt Präsidentin und ändert Tribunal-Gesetz in politischem Kompromiss
Justiz zum Verhandlungsobjekt in einer politischen Krise
Warum war diese Präsidentenwahl so dringend? Was wäre passiert, wenn sie nicht bis Mitternacht gewählt worden wäre?
Die Verfassung sieht vor, dass bei Scheitern der Wahl Neuwahlen ausgerufen werden müssen. Kosovo hatte bereits 2024 und 2025 Wahlen abgehalten. Eine dritte Wahl in zwei Jahren hätte das Land weiter gelähmt.
Aber warum konnte sich das Parlament nicht einigen? War es nur Uneinigkeit, oder ging es um etwas Tieferes?
Es ging um die UCK-Verurteilungen. Das Tribunal hatte vier ehemalige Befreiungskämpfer schuldig gesprochen. Die PDK wollte deren Verurteilungen anfechten können. Kurti brauchte ihre Stimmen für die Präsidentenwahl.
Also war die Präsidentenwahl der Preis, den Kurti zahlen musste?
Genau. Die PDK sagte: Wir unterstützen deine Präsidentin, aber nur wenn ihr das Tribunalsgesetz ändert.
Und die Gesetzesänderungen — wie konkret schwächen sie das Tribunal?
Sie verkürzen den Zeitraum, für den das Tribunal zuständig ist, um etwa ein Jahr. Sie setzen eine Höchststrafe von 15 Jahren fest. Und sie erlauben dem Präsidenten, Begnadigungen auszusprechen.
Das klingt, als würde Kosovo das Tribunal selbst untergraben.
Aber Hamza von der PDK sagt, das Gesetz ziele nicht auf Auflösung ab, sondern auf Klarheit des Mandats. Ist das glaubwürdig?
Das ist umstritten. Experten wie Rashiti sagen, die Änderungen könnten als Einmischung in die Unabhängigkeit des Gerichts erscheinen.
Und die Proteste in Prishtina — was wollten die Demonstranten?
Sie wollten, dass das Parlament geschlossen für die Änderungen stimmt, als Ausdruck eines nationalen Konsenses. Nicht als Deal um die Präsidentenwahl.
Also war der Prozess das Problem, nicht nur das Ergebnis?
Ja. Die Demonstranten sahen, dass Justiz zum Verhandlungsobjekt wurde.
Wird das Tribunal die Änderungen akzeptieren?
Das ist unklar. Miftaraj sagt, ohne internationale Konsultationen könnte das Gesetz praktisch wirkungslos bleiben. Die USA und die EU müssen einverstanden sein.
Und das ist noch nicht geschehen. Das ist der nächste Kampf.
Der Puls
- Justina Shiroka-Pula, 72-jährige Ökonomin, zur Präsidentin gewählt, 6. Oktober 2026, kurz vor Ablauf verfassungsrechtlicher Frist
- Gesetzesänderungen zum Sondertribunal: Zeitraum verkürzt von Januar 1998 auf 1. Juli 1999; Höchststrafe 15 Jahre; Begnadigungsrecht des Präsidenten
- Vier ehemalige UCK-Führer (Thaci, Veseli, Krasniqi, Selimi) am 16. September 2026 verurteilt, insgesamt 81 Jahre Haft
- Änderungen waren Bedingung der PDK für Unterstützung der Präsidentenwahl
Kosovo vermied wiederholte Neuwahlen durch die Wahl von Justina Shiroka-Pula als dritter weiblicher Präsidentin des jüngsten europäischen Staates kurz vor Ablauf einer verfassungsrechtlichen Frist. Das Parlament verabschiedete gleichzeitig Änderungen am Sondertribunal, die dessen Mandat einschränken und eine Bedingung der PDK für die Unterstützung der Präsidentenwahl waren.
Kosovo hat nach 20 Monaten politischer Krise die 72-jährige Ökonomin Justina Shiroka-Pula zur Präsidentin gewählt. Die Wahl war Ergebnis eines Kompromisses zwischen Ministerpräsident Albin Kurti und der Demokratischen Partei Kosovos, verbunden mit umstrittenen Änderungen am Gesetz über das Kriegsverbrechertribunal.
Mit wenigen Stunden zu Verschenken hat Kosovo eine politische Sackgasse durchbrochen, die das Land zwanzig Monate lang gelähmt hatte. In der Nacht zum 7. Oktober 2026, unmittelbar vor Ablauf einer verfassungsrechtlichen Frist, wählte das Parlament die 72-jährige Ökonomin Justina Shiroka-Pula zur Präsidentin. Sie ist die dritte Frau in diesem Amt des jüngsten europäischen Staates. Ohne diese Wahl hätten erneute Neuwahlen folgen müssen — das zweite Mal in zwei Jahren. Stattdessen öffnet sich jetzt ein Weg aus der Lähmung.
Die Wahl war kein Sieg einer Partei, sondern das Ergebnis eines Handels zwischen den beiden größten Kräften im Parlament. Ministerpräsident Albin Kurti, dessen Partei Vetevendosje die Juniwahl 2026 gewonnen hatte, brauchte die Stimmen der Demokratischen Partei Kosovos (PDK), um eine Präsidentin zu wählen. Die PDK, gegründet vom früheren Präsidenten Hashim Thaci, stellte eine Bedingung: Das Gesetz über das Sondertribunal musste geändert werden. Dieses Tribunal in Den Haag war 2015 vom kosovarischen Parlament selbst gegründet worden, um Kriegsverbrechen der UCK, der kosovarischen Befreiungsarmee, während des Krieges 1998/99 zu untersuchen.
Die Dringlichkeit dieser Bedingung war unmittelbar. Am 16. September 2026 hatte das Tribunal Thaci und drei weitere ehemalige UCK-Führungspersonen — Kadri Veseli, Jakup Krasniqi und Rexhep Selimi — wegen Kriegsverbrechen verurteilt. Zusammen erhielten sie 81 Jahre Haft. In Kosovo werden diese Männer als Helden des Befreiungskampfes verehrt. Die PDK wollte das Tribunal schwächen, bevor die Berufungsverfahren begannen.
In derselben Nacht, in der Shiroka-Pula gewählt wurde, verabschiedete das Parlament die Gesetzesänderungen. Das neue Gesetz verkürzt den Zeitraum, für den das Tribunal zuständig ist, von Januar 1998 bis Dezember 2000 auf den 1. Juli 1999 bis zum 31. Dezember 2000. Es setzt eine Höchststrafe von 15 Jahren fest, erlaubt die Verbüßung von Strafen in Kosovo statt in Den Haag und ermöglicht dem Präsidenten, Begnadigungen auszusprechen. Das Mandat für Ermittlungen zu Organhandel bleibt unangetastet. Bedri Hamza, Vorsitzender der PDK, betonte, das Gesetz ziele nicht darauf ab, das Tribunal aufzulösen, sondern nur sein Mandat klarer zu definieren.
Shiroka-Pula selbst war von 2008 bis 2011 Energie- und Bergbauministerin unter Thaci. Von November 2025 bis zu ihrer Wahl leitete sie die kosovarische Akademie der Wissenschaften und Künste. Ihre erste Aufgabe als Präsidentin wird sein, das neue Gesetz zu verkünden.
Politikexperte Naim Rashiti von der Balkan Policy Research Group sieht in der Wahl und den Gesetzesänderungen einen ersten Brückenschlag zwischen Regierung und Opposition. Die Wahl selbst sei verfassungskonform erfolgt, sagt er. Doch die Änderung des Tribunalsgesetzes komme "zu spät und könnte als Einmischung in die Arbeit des Sondertribunals erscheinen". Rashiti weist darauf hin, dass das Tribunal seit seiner Gründung ohne externe Kontrollmechanismen operiert hat — weder Kosovo noch die EU noch internationale Organisationen haben Überwachungsstrukturen etabliert. Politischer Druck helfe dem Land nicht weiter.
Ehat Miftaraj vom Kosovo Institute of Justice warnt, dass die Gesetzesänderungen ohne Beteiligung internationaler Partner schwer praktische Wirkung entfalten können. Er fordert unverzügliche Konsultationen mit führenden EU-Ländern und den USA, damit die Änderungen rechtlich bindend werden. Ohne diese Abstimmung bleiben sie möglicherweise Papier.
In Prishtina gab es in den Tagen vor der Abstimmung teils gewaltsame Proteste. Demonstranten forderten, das Tribunalsgesetz nicht zum Spielball eines politischen Deals zu machen. Sie wollten, dass das Parlament geschlossen für Änderungen stimmt — als Ausdruck eines nationalen Konsenses, nicht als Tausch gegen die Präsidentenwahl. Doch genau das ist geschehen. Kosovo hat seine institutionelle Krise gelöst, aber um den Preis einer Verflechtung von Justiz und Machtpolitik, die internationale Beobachter mit Sorge betrachten.
Bemerkenswerte Zitate
Das Gesetz zielt weder darauf ab, das Sondertribunal aufzulösen noch die Ermittlungen zu verhindern, sondern die Grenzen des Mandats und der Befugnisse klarer zu definieren.— Bedri Hamza, Vorsitzender der Demokratischen Partei Kosovos
Das Vorgehen Kosovos kommt zu spät und könnte als Einmischung in die Arbeit des Sondertribunals erscheinen.— Naim Rashiti, Politikexperte der Balkan Policy Research Group