Sands betonte, dass Völkerrecht universell gelten müsse und Kritik an Israel weder antisemitisch noch anti-israelisch sei, sondern die Wahrheit. Der britisch-französische Jurist, dessen Familie vom Holocaust geprägt wurde, forderte Deutschland auf, seine historische Verantwortung ernst zu nehmen und Unrecht überall zu benennen.
Friedenspreisträger Sands fordert Deutschland auf: Kritik an Israels Gaza-Politik ist keine Antisemitismus
Das Recht und Gesetze gelten universell, nicht selektiv
Warum war es so wichtig, dass Sands das in dieser Rede gesagt hat? Es hätte doch auch einfach ein Dankeschön sein können.
Weil Sands sagt, dass Schweigen selbst eine Form der Schuld ist. Für ihn ist das nicht abstrakt—seine Familie wurde vom Holocaust geprägt, und er hat gelernt, dass Stille Unrecht ermöglicht.
Aber die Frage ist: Welche Völkerrechtsverletzungen meint er konkret? Er nennt den 7. Oktober und dann Gaza und Westjordanland. Das sind sehr unterschiedliche Situationen.
Ja, aber sein Punkt ist, dass man nicht selektiv Recht anwenden kann. Entweder Völkerrecht gilt überall, oder es gilt nirgends.
Und warum applaudierte Steinmeier nicht?
Das ist die zentrale Spannung. Steinmeier sitzt dort als Repräsentant eines Staates, der Israel als Sicherheitsgarant sieht. Sands fordert ihn auf, das zu kritisieren. Das ist politisch sehr heikel.
Aber Gremmels und andere würdigten die Rede. Also nicht alle in Deutschland lehnen das ab.
Ist Sands' Unterscheidung—dass Kritik an Israel nicht antisemitisch ist—überzeugend?
Das hängt davon ab, wie man Kritik formuliert. Sands selbst ist jüdisch und kommt aus einer Familie von Holocaust-Opfern. Das gibt ihm eine bestimmte Autorität. Aber die Unterscheidung selbst ist nicht neu.
Vielleicht ist das der Punkt. Er sagt nicht, dass die Unterscheidung neu ist. Er sagt, dass Deutschland sie anerkennen muss.
Und was ist mit seiner Forderung, dass Künstler und Journalisten nicht zum Schweigen gebracht werden dürfen?
Das ist eine wichtige Forderung, aber auch hier: Wer bringt sie zum Schweigen? Das ist in Deutschland nicht der Staat. Es ist eher ein sozialer Druck, eine Debattenkultur, die bestimmte Kritik als problematisch markiert.
Genau. Und das ist das, was Sands meint, wenn er vom "lauten Schweigen" spricht. Es ist nicht, dass niemand spricht. Es ist, dass bestimmte Dinge nicht gesagt werden dürfen.
Der Puls
- Philippe Sands erhielt den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels am 11. Oktober 2026
- Sands forderte, dass Kritik an Israels Vorgehen in Gaza und Westjordanland nicht als Antisemitismus behandelt werden darf
- Bundespräsident Steinmeier applaudierte der Rede nicht, während Kulturminister Gremmels sie würdigte
- Sands ist Jurist beim Internationalen Strafgerichtshof und Schriftsteller, dessen Familie vom Holocaust geprägt wurde
Sands betonte, dass Völkerrecht universell gelten müsse und Kritik an Israel weder antisemitisch noch anti-israelisch sei, sondern die Wahrheit. Der britisch-französische Jurist, dessen Familie vom Holocaust geprägt wurde, forderte Deutschland auf, seine historische Verantwortung ernst zu nehmen und Unrecht überall zu benennen.
Der Jurist Philippe Sands erhielt den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels und kritisierte in seiner Dankesrede das deutsche Schweigen zu Völkerrechtsverletzungen Israels in Gaza und dem Westjordanland.
Philippe Sands stand am Sonntagmorgen in der Frankfurter Paulskirche und sprach zu einem Publikum, das sich nicht einig war, ob er recht hatte. Der britisch-französische Jurist und Schriftsteller hatte soeben den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhalten, und er nutzte die Gelegenheit nicht für Dankbarkeit allein, sondern für eine Forderung: Deutschland müsse aufhören zu schweigen über Völkerrechtsverletzungen, überall dort, wo sie geschehen.
Sands baute seine Rede auf einem einfachen Satz auf. "Frieden braucht Gerechtigkeit. Gerechtigkeit braucht Regeln. Regeln brauchen das Recht." Dann kam der Kern: "Das Recht und Gesetze gelten universell, nicht selektiv." Das war die Botschaft an Deutschland. Er würdigte das Land dafür, sich wie kein anderes mit seinen historischen Verbrechen auseinandergesetzt zu haben, dafür, Gräuel angeprangert und dagegen gekämpft zu haben. Aber dann sagte er etwas, das im Saal zu Unruhe führte. Zu Israel, zum Gazastreifen und zum Westjordanland sei "das deutsche Schweigen bis heute laut".
Das war eine Provokation, aber Sands machte deutlich, dass es keine sein sollte. Kritik an Israels Handlungen sei weder antisemitisch noch anti-israelisch, sagte er. Es sei die Wahrheit. Er benannte konkret: "Völkerstraftaten wurden am 7. Oktober auf dem Territorium Israels und anschließend auf dem Territorium Palästinas, im Gazastreifen und im Westjordanland begangen." Eine echte Staatsräson für Deutschland müsse bedeuten, über Völkerstraftaten zu sprechen, "durch wen auch immer sie begangen würden, auch wenn es Freunde, vor allem wenn es Freunde sind". Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier applaudierte nicht.
Sands erklärte seine Position aus seiner eigenen Geschichte heraus. Er wurde 1960 in London geboren, aufgewachsen in einer jüdischen Familie, in der viele Angehörige Opfer des Holocaust geworden waren. Das Schweigen der Familie über dieses Trauma belastete ihn. Später reiste er nach Lemberg und suchte nach den Wurzeln seiner Familie. Dort stieß er auf die Biografien von Hersch Lauterpacht und Raphael Lemkin, zwei Juristen, die nach 1945 die völkerrechtlichen Begriffe "Verbrechen gegen die Menschlichkeit" und "Genozid" prägen sollten. Diese Entdeckung verband sich mit seiner Arbeit als Menschenrechtsanwalt beim Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag.
Sands sieht Recht und Literatur als Werkzeuge gegen das Schweigen. "Recht und Literatur kommen zusammen, indem sie Geschichten erzählen, Denkanstöße geben, den Mächtigen die Wahrheit sagen, Vorurteilen und Doppelmoral entgegentreten, Dinge ausgraben, die manche gern verbergen würden." Er forderte, dass Autorinnen und Journalisten, Sänger und Dichterinnen, Filmemacher nicht zum Schweigen gebracht, ausgeschlossen oder bestraft werden dürften, wenn sie Völkerstraftaten anprangern.
Hessens Kunstminister Timon Gremmels würdigte die Rede als Mahnung zur Verteidigung des Völkerrechts und der Menschenrechte. "Gerade in Zeiten großer Konflikte braucht es den Mut, Unrecht klar zu benennen und die Würde aller Menschen gleichermaßen zu verteidigen", sagte Gremmels. Die österreichische Historikerin Mirjam Zadoff, Direktorin des NS-Dokumentationszentrums in München, hob in ihrer Laudatio hervor, dass Sands die Welt nicht in eine Achse des Guten oder Bösen aufteile. Sebastian Guggolz, Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, lobte Sands' schriftstellerische Leistung als "Befreiungsschlag für den Juristen", der "sein meisterhaftes Gespür für mehrdeutige Situationen" zeige.
Zur Eröffnung der Veranstaltung hatte Frankfurts Oberbürgermeister Mike Josef an Fritz Bauer erinnert, den früheren hessischen Generalstaatsanwalt, der den Frankfurter Auschwitzprozess ab 1963 angestoßen hatte. Bauer habe gesagt, dass "Anpassung an einen Unrechtsstaat Unrecht ist". Josef warnte auch vor Rechtsextremisten in Regierungsverantwortung. Die Spannung zwischen Sands' Forderung und Steinmeiers Reaktion blieb im Raum stehen—eine Spannung, die zeigt, wie schwierig es für Deutschland ist, zwischen seiner historischen Verantwortung und seinen gegenwärtigen Allianzen zu navigieren.
Bemerkenswerte Zitate
Völkerstraftaten wurden am 7. Oktober auf dem Territorium Israels und anschließend auf dem Territorium Palästinas, im Gazastreifen und im Westjordanland begangen— Philippe Sands in seiner Dankesrede
Eine echte Staatsräson für Deutschland müsse das Schweigen über Völkerstraftaten brechen—durch wen auch immer sie begangen würden, auch wenn es Freunde sind— Philippe Sands