Jüdische Stimmen gespalten: Linkspartei oder AfD – wer ist die größere Gefahr?

Jüdische Gemeindemitglieder berichten von gestiegener Angst und Rassismus im Alltag seit dem 7. Oktober 2023.
Jetzt ist 1930. Wir müssen uns jetzt gemeinsam gegen die Rechten wehren.
Glimbovski warnt vor Zersplitterung und sieht die Bekämpfung des Rechtsextremismus als dringende Aufgabe des Moments.
Mark

Was genau hat sich für jüdische Menschen in Deutschland seit Oktober 2023 verändert?

Mimi

Die Angst ist gestiegen. Salomo spricht von mangelnder Solidarität, davon, dass die Trauer der jüdischen Gemeinschaft schnell beiseitegewischt wurde. Glimbovski beobachtet, dass ihre Familie und Freunde deutlich mehr Angst im Alltag verspüren, mehr Rassismus und Antisemitismus erleben.

Luke

Das sind Wahrnehmungen. Gibt es Zahlen dazu – Übergriffe, Anzeigen, dokumentierte Vorfälle?

Mark

Warum sehen Salomo und Glimbovski die Bedrohung so unterschiedlich?

Mimi

Sie unterscheiden sich in ihrer Einschätzung, welche politische Kraft die größere Gefahr darstellt. Salomo sieht die Linke als »Super-GAU«, Glimbovski sieht die AfD als die eigentliche Bedrohung und warnt vor Zersplitterung.

Luke

Aber beide kritisieren beide Parteien, oder? Salomo sagt, er blickt »mit Sorge« auf die AfD. Das ist wichtig zu nennen – es ist nicht so einfach wie »Salomo gegen Linke, Glimbovski gegen AfD«.

Mark

Glimbovski hat einen offenen Brief unterzeichnet, der Antisemitismus-Vorwürfe gegen die Linke als Propaganda abtut. Das ist eine starke Position.

Mimi

Sie argumentiert, dass Antisemitismus in allen Milieus existiert und dass die Linke gezielt angegriffen wird, um ihre Wahlversprechen zu verhindern. Für sie ist das ein Ablenkungsmanöver.

Luke

Aber der Brief sagt »Propaganda« – das ist eine Charakterisierung, nicht eine Widerlegung. Gibt es dokumentierte antisemitische Vorfälle in der Linken oder nicht? Das bleibt offen.

Mark

Glimbovski vergleicht die Lage mit 1930. Das ist ein sehr starkes Bild.

Mimi

Sie meint, dass die Bedrohung durch Rechtsextremismus so groß ist, dass jüdische Gemeindemitglieder sich jetzt nicht mit internen Konflikten zersplittern dürfen. Sie sagt: »Jetzt ist der Zeitpunkt, wo wir uns gemeinsam gegen die Rechten wehren müssen."

Luke

Das ist eine strategische Aussage über Prioritäten, nicht über die tatsächliche Gefahr, die von der Linken ausgeht. Sie sagt nicht, dass die Linke ungefährlich ist – sie sagt, dass die AfD gefährlicher ist und dass Einheit jetzt wichtiger ist.

Mark

Was bedeutet es, dass die jüdische Gemeinschaft selbst so gespalten ist?

Mimi

Es bedeutet, dass es keine einheitliche jüdische Position gibt. Salomo und Glimbovski sprechen beide aus ihrer Erfahrung, aber sie kommen zu unterschiedlichen Schlussfolgerungen. Das ist legitim, aber es zeigt auch, wie tief die Verunsicherung geht.

Luke

Und wir wissen nicht, wie repräsentativ diese beiden sind. Der offene Brief hat mehrere Unterzeichner – wie viele? Wie viele jüdische Berliner teilen Salomos Sicht? Das wäre wichtig zu wissen.

  • Seit dem 7. Oktober 2023 berichten jüdische Berliner von wachsender Angst und dem Gefühl, ihr eigenes Land nicht mehr wiederzuerkennen.
  • Ein offener Brief jüdischer Berliner, der Antisemitismus-Vorwürfe gegen die Linke als Propaganda bezeichnet, entfacht heftigen Streit innerhalb der Gemeinschaft.
  • Ben Salomo bezeichnet eine mögliche Regierungsbeteiligung der Linkspartei als 'Super-GAU' und fordert organisierten Widerstand gegen diesen Teil des politischen Spektrums.
  • Milena Glimbovski warnt vor einer Zersplitterung der demokratischen Kräfte und zieht eine beunruhigende Parallele zum Jahr 1930.
  • Die Spaltung zwischen den beiden Positionen zeigt: Der tiefste Riss verläuft nicht nur zwischen Juden und der Mehrheitsgesellschaft, sondern mitten durch die jüdische Gemeinschaft selbst.

In Berlin ringen zwei jüdische Stimmen um die Frage, welche politische Bedrohung in einer Zeit gestiegener Angst und alltäglichen Antisemitismus schwerer wiegt. Ben Salomo sieht in der Linkspartei eine existenzielle Gefahr für jüdisches Leben, während Milena Glimbovski den Rechtsextremismus als die drängende Herausforderung unserer Zeit begreift. Ihre Debatte, ausgelöst durch den Angriff der Hamas am 7. Oktober 2023, spiegelt eine tiefere Wahrheit wider: Auch innerhalb verfolgter Gemeinschaften ist Einigkeit kein Selbstverständnis, sondern ein mühsam errungenes Gut.

In einer Berliner Synagoge legt Ben Salomo die Gebetsriemen an – ein Ritual, das Denken, Fühlen und Handeln verbinden soll. Seit dem Hamas-Angriff vom 7. Oktober 2023 hat sich für den 48-jährigen Musiker und Bildungsaktivisten vieles verändert. Er spricht weiterhin an Schulen über Judentum und den Nahostkonflikt, doch sein Blick auf Deutschland, seine Heimat, ist ein anderer geworden. Er vermisst Solidarität und beobachtet, wie die Trauer seiner Gemeinschaft rasch beiseitegeschoben wurde.

Milena Glimbovski, 36-jährige Unternehmerin und Autorin, teilt diese Sorge. Auch sie erlebt, wie Angst in ihrem Umfeld gewachsen ist. Doch hier enden die Gemeinsamkeiten. Glimbovski hat einen offenen Brief unterzeichnet, der Antisemitismus-Vorwürfe gegen die Linkspartei als politische Propaganda wertet und ein rot-grün-rotes Bündnis befürwortet. Für sie ist der erstarkende Rechtsextremismus – verkörpert durch die AfD – die eigentliche Bedrohung. Sie setzt auf Dialog, spricht offen über ihr Judentum, auch gegenüber Muslimen, und warnt davor, die demokratischen Kräfte durch interne Konflikte zu schwächen.

Salomo reagierte auf den Brief mit Wut. Er hält die Linkspartei für die antisemitischste Partei Deutschlands und eine mögliche Regierungsbeteiligung für einen 'Super-GAU'. Zwar erkennt er die Gefahr durch die AfD an, doch er fordert, dass die Gesellschaft nun auch der Linken entschlossen entgegentritt – so wie sie es gegenüber den Rechtsextremen bereits tue. Glimbovski hingegen beschwört den Zusammenhalt: 'Jetzt ist der Zeitpunkt, wo wir uns gemeinsam gegen die Rechten wehren müssen. Alle zusammen.'

Die Debatte der beiden Berliner macht sichtbar, was der 7. Oktober auch innerhalb der jüdischen Gemeinschaft ausgelöst hat: keine Einheit, sondern eine tiefe Spaltung darüber, welche Bedrohung zuerst bekämpft werden muss. Diese Uneinigkeit selbst ist vielleicht das eigentliche Zeichen der Zeit.

In einer Berliner Synagoge legt sich Ben Salomo die Gebetsriemen an – ein rituelles Handeln, das Kopf, Herz und Hand verbindet, Denken, Fühlen und Handeln. Seit dem Angriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 hat sich für den 48-jährigen Musiker vieles verschoben. Sein Handeln ist gleich geblieben: Er spricht weiterhin an Schulen über das Judentum und den Nahostkonflikt. Aber sein Denken und Fühlen haben sich fundamental verändert – vor allem in Bezug auf Deutschland, seine Heimat.

Salomo und Milena Glimbovski, eine 36-jährige Unternehmerin und Autorin, teilen eine tiefe Sorge. Beide sind Juden aus Berlin. Beide haben erlebt, wie sich die Angst in ihrer Gemeinschaft seit Oktober 2023 vermehrt hat. Glimbovski beobachtet, dass ihre Familie und jüdische Freunde deutlich mehr Angst verspüren. Salomo drückt es schärfer aus: »Teilweise können wir dieses Land gar nicht mehr wiedererkennen, wie es sich hier gewandelt hat.« Er spricht von mangelnder Solidarität der Mehrheitsgesellschaft, davon, wie schnell die Trauer der jüdischen Gemeinschaft beiseitegewischt wurde, um den Blick auf Gaza zu richten.

Doch hier endet die Gemeinsamkeit. Die beiden Berliner unterscheiden sich fundamental darin, welche Bedrohung sie für größer halten. Salomo sieht in einer möglichen Regierungsbeteiligung der Linkspartei in Berlin einen »Super-GAU«. Er betrachtet die Partei als »die antisemitischste Deutschlands«. Für ihn ist dies eine existenzielle Gefahr für jüdisches Leben, nicht nur in Berlin, sondern deutschlandweit. Glimbovski hingegen argumentiert, dass Antisemitismus in allen politischen Milieus und Parteien existiert. Sie hat einen offenen Brief von Berliner Jüdinnen und Juden unterzeichnet, der die Vorwürfe gegen die Linke als »Propaganda« charakterisiert und ein rot-grün-rotes Bündnis fordert. Für sie kommt die wahre Gefahr von rechts – von der AfD.

Glimbovski setzt auf Dialog als Werkzeug gegen Spaltung. Sie trägt keinen Davidstern, ist nicht gläubig, aber sie erzählt von ihrem Judentum als Kultur. Wenn sie Menschen kennenlernt, spricht sie offen darüber, dass sie Jüdin ist – auch Muslimen gegenüber. Manchmal ist sie die erste jüdische Person, die sie treffen. Diese Haltung prägt auch ihre Sicht auf die Linke: Sie argumentiert, dass die Partei angegriffen wird, um zu verhindern, dass sie ihre Wahlversprechen erfüllt, etwa die Vergesellschaftung großer Konzerne, die das Leben in der Stadt unbezahlbar machen. Die Wahl eines AfD-Landtagspräsidenten schockiert sie zutiefst. »Es macht mir wesentlich mehr Sorgen als ein paar linke Antisemiten, die irgendwie Quatsch verzapfen."

Salomos Reaktion auf den offenen Brief war Wut. Er sieht die jüdischen Linkspartei-Unterstützer als kleine Minderheit, die die Folgen der Wahl völlig falsch einschätzt. Zwar blickt auch er mit Sorge auf die AfD, aber gegen die Rechtsextremen gebe es bereits gesellschaftlichen Widerstand. Bei der Linken müsse es ähnlich laufen. Er wünscht sich, dass man »seine Kräfte sammelt und sich organisiert und endlich halt auch anfängt, diesen anderen extremistischen Teilen in Deutschland was entgegenzusetzen«.

Glimbovski sieht die Prioritäten anders. Sie vergleicht die gegenwärtige Lage mit dem Jahr 1930. »Jetzt ist der Zeitpunkt, wo wir uns gemeinsam gegen die Rechten wehren müssen. Alle zusammen. Sonst haben wir in ein paar Jahren bei der nächsten Bundestagswahl alle eine große böse Überraschung." Für sie ist die Bekämpfung des Rechtsextremismus die dringende Aufgabe dieses Moments – nicht die Zersplitterung der Kräfte durch Konflikte innerhalb der Linken.

Die Debatte zwischen Salomo und Glimbovski offenbart tiefe Risse innerhalb der jüdischen Gemeinschaft Deutschlands. Beide erleben Angst, beide erleben gestiegenen Antisemitismus im Alltag. Aber sie priorisieren die Bedrohungen unterschiedlich. Während Salomo die Linke als unmittelbare Gefahr für jüdisches Leben in Deutschland sieht, warnt Glimbovski vor einer Zersplitterung der Kräfte in einem Moment, in dem der Rechtsextremismus erstarkt. Diese Spaltung selbst ist vielleicht das eigentliche Zeichen der Zeit – nicht nur zwischen Juden und der Mehrheitsgesellschaft, sondern innerhalb der jüdischen Gemeinschaft selbst.

Teilweise können wir dieses Land gar nicht mehr wiedererkennen, wie es sich hier gewandelt hat nach dem 7. Oktober.
— Ben Salomo, Musiker
Das ist tatsächlich ein Super-GAU gewesen. Das fühlt sich für uns an, in der Mehrheitsperspektive, für uns Juden wie ein Super GAU an. Dass diese Partei sich für uns wirklich so anfühlt, als sei sie im Prinzip die antisemitischste Partei Deutschlands.
— Ben Salomo, Musiker
Ich bin geschockt, wie gestern ein AfD-Landtagspräsident gewählt werden konnte in Deutschland. Es kommt nicht in meinen Kopf rein, dass es tatsächlich passiert ist. Und das macht mir tatsächlich wesentlich mehr Sorgen als ein paar linke Antisemiten, die irgendwie Quatsch verzapfen.
— Milena Glimbovski, Unternehmerin
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