Über 1.200 Menschen starben beim Hamas-Anschlag 2023; Zehntausende erinnerten sich im Yarkon-Park in Tel Aviv mit einer zentralen Gedenkveranstaltung. Überlebende und Angehörige teilten persönliche Geschichten; Maurice Shnaider verlor fünf Familienmitglieder, darunter seine Schwester und deren zwei Kinder als Geiseln.
Israels dritter Jahrestag des 7. Oktober: Trauer, Erinnerung und politischer Protest
Ist das ein Feind? Das reicht doch. Glaubst du, dass das reicht?
Was hat dich am meisten überrascht an diesem Jahrestag — dass die Gedenkveranstaltung unabhängig vom Staat organisiert wurde?
Das war tatsächlich bedeutsam. Es zeigt, dass die Trauer und die Fragen nach Verantwortung nicht zusammenpassen — zumindest nicht in diesem Moment. Die Menschen wollten erinnern, aber nicht unter der Ägide derer, die sie für das Versagen verantwortlich machen.
Aber wir sollten vorsichtig sein: Wir wissen nicht, ob die Organisatoren bewusst den Staat ausschlossen oder ob die Regierung sich selbst fernhielt. Das ist ein wichtiger Unterschied.
Maurice Shnaiders Geschichte — fünf Familienmitglieder verloren, darunter zwei kleine Kinder als Geiseln. Wie repräsentativ ist das für das, was an diesem Tag geteilt wurde?
Seine Geschichte ist bekannt in Israel, besonders die Geschichte von Shiri Bibas und ihren Söhnen. Aber die Quelle sagt, dass es "schier unzählige" andere Erlebnisse gab. Wir wissen nicht, wie viele Menschen ähnliche Verluste erlitten haben.
Genau. Die Quelle nennt über 1.200 Todesopfer insgesamt, aber wir wissen nicht, wie viele davon Geiseln waren oder wie viele Familien mehrere Angehörige verloren haben. Shnaiders Fall könnte ein extremes Beispiel sein.
Die Proteste gegen die Regierung — wie groß waren die im Vergleich zu den Gedenkveranstaltungen?
Das wird nicht klar gemacht. Wir wissen, dass es Proteste gab, in Jerusalem, vor der Knesset und in Tel Aviv. Aber die Quelle konzentriert sich auf die zentrale Veranstaltung im Yarkon-Park mit Zehntausenden.
Richtig. "Zehntausende" ist auch vage. Waren es 10.000? 100.000? Und wie viele protestierten? Das ist ein großes Loch in der Berichterstattung.
Netanjahu sagte, die Regierung werde ihren Auftrag erfüllen. Was bedeutet das konkret?
Er meinte, dass die Regierung alle Mörder zur Rechenschaft ziehen werde. Das ist eine Anspielung auf die laufenden Operationen gegen die Hamas.
Aber das ist auch eine politische Aussage, gemacht während eines Wahlkampfes. Wir sollten nicht so tun, als wäre das eine neutrale Erklärung. Und wir wissen nicht, wie diese Aussage von den Protestierenden aufgenommen wurde.
Le Pouls
- Über 1.200 Menschen starben beim Hamas-Anschlag am 7. Oktober 2023
- Zehntausende versammelten sich im Yarkon-Park in Tel Aviv zur zentralen Gedenkveranstaltung
- Maurice Shnaider verlor fünf Familienmitglieder, darunter seine Schwester und deren zwei Kinder als Geiseln
- Wahlen in Israel stehen Ende Oktober an
- Proteste gegen die Regierung fanden in Jerusalem, vor der Knesset und in Tel Aviv statt
Über 1.200 Menschen starben beim Hamas-Anschlag 2023; Zehntausende erinnerten sich im Yarkon-Park in Tel Aviv mit einer zentralen Gedenkveranstaltung. Überlebende und Angehörige teilten persönliche Geschichten; Maurice Shnaider verlor fünf Familienmitglieder, darunter seine Schwester und deren zwei Kinder als Geiseln.
Israel gedenkt am dritten Jahrestag des Hamas-Anschlags vom 7. Oktober 2023 mit großen Gedenkveranstaltungen. Zehntausende versammelten sich in Tel Aviv, während es auch Proteste gegen die Regierung gab.
Im Yarkon-Park von Tel Aviv saß ein Mann am Klavier auf einer Bühne, die groß genug für ein Popkonzert wirkte, und sang eine alte Frage: Wem gehört die Luft? Das Land und das Meer? Sein Gesicht erschien auf meterhohen Bildschirmen, neben ihm die Nachbildung eines ausgebrannten Hauses, davor ein verkohlter Pick-up und umgestürzte Toilettenkabinen — Symbole des Terrors, den die Hamas vor drei Jahren in den Kibbuzim und auf dem Nova-Musikfestival angerichtet hatte. Zehntausende Menschen saßen auf Plastikstühlen vor dieser Bühne, um sich an den 7. Oktober 2023 zu erinnern, an einen Tag, der mehr als 1.200 Menschen das Leben kostete.
Maurice Shnaider war einer von ihnen. Er saß in der Menge und erzählte seine Geschichte — eine Geschichte, die sich an diesem Tag millionenfach wiederholte, aber für ihn einzigartig war. Am 7. Oktober verlor er fünf Familienmitglieder: seine Schwester, seinen Schwager, seine Nichte und deren zwei Kinder. Die Nichte, Shiri Bibas, und ihre beiden rothaarigen Söhne Ariel und Kfir waren als Geiseln in die Gefangenschaft der Hamas genommen worden und dort gestorben. Ariel war nur vier Jahre alt. "Ist das ein Feind?", fragte Shnaider in die Stille hinein. Seine Mutter war eine Holocaustüberlebende. "Das reicht doch", sagte er. "Glaubst du, dass das reicht? Nein, ich glaube nicht. Jetzt passiert wieder so was. Zum zweiten Mal in meinem Leben. Wieso?"
Die Gedenkveranstaltung im Yarkon-Park war nur eine von vielen, die über den ganzen Tag verteilt im Land stattfanden. Viele begannen um 6:29 Uhr morgens — genau zu der Zeit, als vor drei Jahren in ganz Israel die Sirenen schrillten und der Anschlag begann. Überlebende und Hinterbliebene versammelten sich auf dem Festivalgelände des Nova, besuchten die betroffenen Kibbuzim oder suchten Trost an den Gräbern ihrer Angehörigen. Auf den Bildschirmen im Park erschienen die Namen aller über 1.200 Todesopfer in goldenen Buchstaben — eine Litanei der Trauer, die niemand vollständig erfassen konnte.
Aber neben der Trauer gab es auch Wut. In Jerusalem, vor der Knesset und auf den Straßen Tel Avivs, protestierten Menschen gegen die Regierung. Sie forderten den Rücktritt und die Einsetzung einer unabhängigen Untersuchungskommission, die klären sollte, warum Israels Regierung den Terror vom 7. Oktober nicht hatte kommen sehen und nicht hatte verhindern können. Die zentrale Gedenkveranstaltung am Abend war von einem unabhängigen Verein organisiert worden, nicht vom Staat — kein Regierungsvertreter trat auf. Das war eine bewusste Abwesenheit, ein Zeichen der Spannung zwischen Trauer und Verantwortung.
Die Wahlen standen Ende Oktober an, und das Gedenken fand mitten im Wahlkampf statt. Oppositionspolitiker machten Premierminister Benjamin Netanjahu dafür verantwortlich, dass Israel nicht vorbereitet gewesen war. Netanjahu selbst betonte an diesem Tag, dass die Regierung ihren Auftrag erfüllen werde und alle Mörder zur Rechenschaft ziehen würde. Es war eine Erklärung, die in einem Land abgegeben wurde, das sich selbst befragte, wie es zu diesem Punkt gekommen war.
Am Ende des Tages, nachdem Shnaider auch am Grab seiner Familienmitglieder gewesen war, sagte er, dass ihn die vielen Menschen bei der Gedenkveranstaltung stolz machten. "Wie es mir meine Mutter beigebracht hat, ein stolzer Jude zu sein, stolz darauf zu sein, wer ich bin." Es war ein Satz, der Trauer und Widerstand in sich trug, die Fähigkeit, nach einem Abgrund weiterzuleben und dabei die eigene Würde zu bewahren.
Citations marquantes
Es hat mein Leben für immer verändert, weil fünf Familienmitglieder von mir getötet wurden.— Maurice Shnaider
Die Regierung werde ihren Auftrag erfüllen und alle Mörder zur Rechenschaft ziehen.— Premierminister Benjamin Netanjahu