Bekannte iranische Musiker wie Bijan Mortazavi und Mohsen Namjoo sind nach Jahren im Exil in den Iran zurückgekehrt, nachdem das Kulturministerium Listen mit über 100 prominenten Iranern erstellte. Seit der Revolution 1979 war Musik ein Konfliktfeld: Das Regime versuchte sie zu verbieten, doch sie kehrte als revolutionäres Werkzeug und später als Ausdruck weiblicher Emanzipation zurück.
Iran nutzt Musik als politisches Instrument – doch Künstler nutzen sie zum Widerstand
Musik wurde zur Waffe: Die Trauernden konnten selbst eine Verbindung zu ihr herstellen
Warum ist es für den iranischen Staat so wichtig, dass diese Künstler zurückkehren? Was gewinnt das Regime davon?
Es geht um Legitimität und Kontrolle. Wenn prominente Künstler aus der Diaspora zurückkehren, signalisiert das nach außen, dass der Iran offen ist, dass es keine Verfolgung gibt. Gleichzeitig hofft der Staat, diese Künstler für sich zu nutzen – ihre Rückkehr selbst wird zur politischen Botschaft.
Aber wir wissen nicht wirklich, ob Mortazavi und Namjoo unter Druck zurückgekehrt sind oder freiwillig. Namjoo sagt, er wolle Zeit mit seiner Familie verbringen – das könnte ehrlich sein, oder es könnte eine Erklärung sein, die er geben musste. Das ist wichtig zu unterscheiden.
Und wie passt das zu dem, was Raissadat über Musik als Widerstand sagt? Das klingt wie zwei völlig entgegengesetzte Bewegungen.
Genau das ist der Punkt. Der Staat versucht, Musik zu instrumentalisieren, aber Musik hat sich immer wieder dem entzogen. Sie war verboten, dann wurde sie revolutionär, dann wurde sie weiblich, dann wurde sie westlich. Und jetzt, nach den Protesten, ist sie zur Sprache der Trauer und des Widerstands geworden.
Aber wir sollten vorsichtig sein: Raissadat beschreibt das, was sie beobachtet hat, aber wir wissen nicht, wie verbreitet diese Praktiken wirklich sind. Sie spricht von einigen Beerdigungen, nicht von allen. Das ist ein wichtiger Unterschied.
Was bedeutet es, dass Frauen jetzt ohne Kopftuch Gitarre spielen und öffentlich auftreten?
Das ist eine direkte Herausforderung an die Ordnung, die der Staat seit 1979 durchzusetzen versucht. Es ist nicht nur Musik – es ist die Körper der Frauen, ihre Sichtbarkeit, ihre Stimme. Alles zusammen.
Aber auch hier: Wir sehen das in sozialen Netzwerken. Das heißt nicht, dass es überall im Land passiert oder dass es ohne Risiko ist. Die Informationssperre macht es schwer zu sagen, wie groß diese Bewegung wirklich ist.
O Pulso
- Bijan Mortazavi nach 47 Jahren im Ausland zurückgekehrt
- Iranisches Kulturministerium erstellte Listen mit über 100 prominenten Iranern im Ausland
- Ayatollah Khomeini erklärte Musik 1979 für schädlich und forderte ihre Abschaffung
- Tausende Demonstrierende bei Protesten Ende Dezember 2025 und Januar 2026 getötet
- Familien nutzten Musik bei Beerdigungen als bewussten Protest gegen religiöse Traditionen
Bekannte iranische Musiker wie Bijan Mortazavi und Mohsen Namjoo sind nach Jahren im Exil in den Iran zurückgekehrt, nachdem das Kulturministerium Listen mit über 100 prominenten Iranern erstellte. Seit der Revolution 1979 war Musik ein Konfliktfeld: Das Regime versuchte sie zu verbieten, doch sie kehrte als revolutionäres Werkzeug und später als Ausdruck weiblicher Emanzipation zurück.
Der iranische Staat versucht, prominente Musiker aus der Diaspora zurückzuholen, um Musik zu kontrollieren. Gleichzeitig wird Musik zum Symbol des Widerstands gegen das Regime.
Der iranische Staat hat ein Problem mit der Musik – oder besser gesagt, mit dem, was die Musik bedeutet. Nach 47 Jahren im Ausland ist der Violinist und Komponist Bijan Mortazavi in den Iran zurückgekehrt. Im Juli 2026 spielte er seine berühmte weiße Geige bei der Abschlussveranstaltung der Fußball-Weltmeisterschaft mit dem New York Philharmonic Orchestra auf. Jetzt veröffentlicht er und seine Frau Videos aus Teheran, in denen sie durch die Stadt spazieren, während Passanten den Musiker freundlich begrüßen. Auch der Sänger Mohsen Namjoo ist nach etwa 20 Jahren im Exil zurückgekommen. Namjoo verbindet traditionelle persische Musik mit Blues, Rock, Jazz und Folk – eine experimentelle Mischung, die ihm 2009 eine fünfjährige Haftstrafe in Abwesenheit einbrachte, weil ihm vorgeworfen wurde, heilige Stätten beleidigt und Koranverse verhöhnt zu haben.
Diese Rückkehren sind kein Zufall. Am 27. August erklärte Abbas Salehi, der Minister für Kultur und Islamische Führung, der Zeitung Farhikhtegan, dass sein Ministerium Listen mit den Namen von mehr als 100 prominenten Iranern erstellt habe, die im Ausland leben. Das Ziel ist klar: Hindernisse für ihre Rückkehr zu beseitigen. Salehi betonte, dass sogar Kritiker der Islamischen Republik jederzeit zurückkehren könnten – sie müssten nicht einmal öffentlich auftreten, ein einfacher Besuch genüge. Der Menschenrechtsanwalt Sina Yousefi weist auf einen Widerspruch hin: Das internationale Recht, dem auch der Iran beigetreten ist, garantiert jedem das Recht, in sein eigenes Land einzureisen, ohne dass dieses Recht von der politischen Loyalität abhängt. Die Strategie des Regimes, bekannte Persönlichkeiten zurückzuholen, ist nicht neu, sagt die Ethnomusikologin Sepideh Raissadat, die sich seit Jahren mit der Geschichte der persischen Musik beschäftigt. Besonders die Reformisten hätten gehofft, dass bestimmte Künstler die roten Linien weniger stark überschritten hätten und sich zur Zusammenarbeit gewinnen ließen.
Um zu verstehen, warum Musik für den iranischen Staat so wichtig ist, muss man bis 1979 zurückgehen. Die Revolution war, wie Raissadat sagt, eine Revolution gegen die Musik. Der Revolutionsführer Ayatollah Ruhollah Khomeini erklärte Musik bereits im Juli 1979 öffentlich für schädlich und forderte ihre vollständige Abschaffung. In einer Ansprache an Mitarbeiter von Radio Darya am 21. Juli 1979 soll er Musik als Verrat am Land und Verrat an der Jugend bezeichnet haben. Wenige Tage später zitierte ihn die Zeitung Keyhan mit den Worten, Musik sei wie eine Droge und müsse vollständig beseitigt werden. Doch während des Iran-Irak-Krieges von 1980 bis 1988 kehrte Musik zurück – in Form von revolutionären und religiösen Liedern, die Gefühle von Nationalstolz und Zugehörigkeit mobilisieren sollten. Selbst die weibliche Stimme ließ sich nicht vollständig aus dem öffentlichen Raum verdrängen. Sie kehrte über den Chorgesang zurück, sagt Raissadat.
Der Konflikt zwischen Staat und Musik ging jedoch weiter. Jahrelang durften im iranischen Fernsehen keine Musikinstrumente gezeigt werden. Auf den Straßen wurden Instrumente beschlagnahmt oder zerstört. Musiker versteckten ihre Geigen und Gitarren im Auto. Verbotene Musik zu Hause zu hören wurde zur politischen Handlung. Als Frauen begannen zu singen, wurde auch das zur politischen Handlung. Die iranische Popmusik entwickelte sich in bewusstem Gegensatz zur amerikanischen Musik aus Los Angeles. In den vergangenen zehn Jahren haben soziale Netzwerke an Bedeutung gewonnen – sie stehen nicht vollständig unter staatlicher Kontrolle und haben dadurch großen Einfluss. Heute zeigt sich dieser Wandel besonders deutlich bei jungen Menschen: Junge Frauen spielen ohne Kopftuch Gitarre und treten öffentlich auf.
Doch die bedeutsamste Entwicklung beobachtet Raissadat bei den Angehörigen der Menschen, die bei den landesweiten Protesten Ende Dezember 2025 und im Januar 2026 getötet wurden. Die Proteste begannen am 28. Dezember 2025 und wurden von Sicherheitskräften gewaltsam niedergeschlagen. Menschenrechtsorganisationen berichten von Tausenden getöteten Demonstrierenden; genaue Zahlen sind aufgrund der Informationssperre nicht bekannt. Das Wichtigste, das Raissadat in diesen Jahren beobachtet hat, war die Nutzung von Musik durch die Hinterbliebenen. Bei einigen Beerdigungen verwandelten Familien die Trauerfeier um ihre getöteten Angehörigen in eine neue Form des Protests. Statt religiöser Gesänge erklang Musik, Angehörige sangen und tanzten. Sie setzten damit einen bewussten Kontrast zu den traditionellen religiösen Trauerritualen – ein Gegensatz, der in der schiitischen Tradition beispiellos ist.
Musik wurde zur Waffe. Die Trauernden konnten sich selbst eine Verbindung zu ihr herstellen, und zugleich stand sie im direkten Widerspruch zu dem, wofür das politische System steht. Das Tanzen in weißer Kleidung wurde selbst zum Ausdruck dieses Widerstands. Der Staat hatte versucht, Musik zu kontrollieren, sie als Werkzeug der Macht einzusetzen, bekannte Künstler zurückzuholen, um sie in den Dienst der Ordnung zu stellen. Aber die Musik entzog sich. Sie wurde zur Sprache derer, die keine andere Stimme mehr hatten.
Citações Notáveis
Die Revolution von 1979 im Iran war eine Revolution gegen die Musik. Musik gehörte zu den roten Linien.— Sepideh Raissadat, Ethnomusikologin
Musik wurde zu einer Waffe: Die Trauernden konnten selbst eine Verbindung zu ihr herstellen, und zugleich stand sie im Widerspruch zu dem, wofür das politische System steht.— Sepideh Raissadat