Anne Carson: Die Punk-Philosophin gewinnt den Literaturnobelpreis

Der Zweifel steht am Anfang, nicht die Gewissheit
Carsons Philosophie, abgeleitet von Descartes' vollständigem Satz, prägt ihr gesamtes literarisches Werk.
Mark

Was macht Anne Carson für dich so besonders – ist es die Art, wie sie antike Texte neu erzählt?

Mimi

Es ist mehr als das. Sie fragt, warum wir überhaupt glauben, dass wir antike Texte verstanden haben. Sie nimmt eine kleine Stelle – einen Hund, der getötet wird – und macht daraus eine Frage, die heute brennt.

Luke

Aber ist das nicht einfach Interpretation? Jeder Leser macht das doch irgendwie.

Mimi

Nein, weil Carson es nicht versteckt. Sie zeigt dir, dass sie zweifelt. Sie gibt dir keine Antwort.

Mark

Du hast erwähnt, dass ihre Auftritte Ereignisse sind. Was passiert da wirklich?

Mimi

Sie erzählt. Manchmal singt sie. Manchmal wechselt sie die Perspektive – plötzlich bist du eine Wolke, plötzlich ein Kiesel. Und die ganze Zeit stellt sie Fragen.

Luke

Aber wie viele Menschen waren bei diesem Auftritt in Berlin wirklich da? Der Text sagt 700, aber ist das verifiziert?

Mimi

Das ist das, was berichtet wurde. Ich kann dir nicht mehr sagen.

Mark

Ihre Bücher – sind sie schwer zu lesen?

Mimi

Sie sind unbequem. Die Schrift folgt nicht immer den Zeilen. Manchmal bricht sie ab. Das ist absichtlich.

Luke

Also experimentell. Aber funktioniert das? Oder ist es manchmal auch nur Spielerei?

Mimi

Das ist die Frage, die Carson dir stellt. Sie antwortet nicht.

Mark

Und der Nobelpreis – ändert das etwas für sie?

Mimi

Vielleicht. Mehr Menschen werden ihre Bücher lesen. Aber Carson wird weiter zweifeln.

  • Anne Carson, 76 Jahre alt, kanadische Schriftstellerin und Altphilologin
  • Nobelpreis für Literatur 2026
  • Bekannte Werke: "Der bittersüße Eros", "Rot", "Norma Jean Baker of Troy"
  • Auftritt in Berlin vor 700 Zuschauern

Carson hinterfragt systematisch vermeintliche Gewissheiten und bricht mit literarischen Konventionen durch Mischung von Lyrik, Essay und visuellen Elementen. Sie verbindet antike Figuren mit modernen Fragen und Sehnsüchten, etwa indem sie Herakles als unsicheren Teenager oder Geryon als homosexuellen Einzelgänger darstellt.

Die kanadische Schriftstellerin und Altphilologin Anne Carson wurde mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet. Die 76-Jährige begeistert mit ihrer unkonventionellen Herangehensweise an antike Texte und ihre experimentellen Schreibformen.

Anne Carson ist eine Frau, die ihre Leser zum Zweifeln bringt – und das ist ihr größtes Kompliment. Die soeben zur Literaturnobelpreisträgerin gekürte kanadische Schriftstellerin und Altphilologin hat eine Methode, die so einfach wie radikal ist: Sie misstraut dem, was alle zu wissen glauben. In einem kürzlichen Gespräch mit der norwegischen Autorin Linn Ullmann erzählte Carson von einer Entdeckung, die ihr Leben als Denkerin prägt. Der französische Philosoph Descartes, so erklärte sie, wird überall mit seinem Satz "Ich denke, also bin ich" zitiert. Doch wer das Original liest, findet etwas anderes: "Ich zweifle, also denke ich, also bin ich." Der Zweifel steht am Anfang, nicht die Gewissheit. Das ist Carson in einer Nussschale – eine Philosophin, die Fragen stellt, wo andere Antworten geben.

Die 76-Jährige hat ihr ganzes Werk auf diesem Fundament gebaut. Sie studierte Altertumswissenschaften, unterbrach das Studium mehrfach, schrieb sich in verschiedene Fächer ein, aber das Schreiben ließ sie nie los. Früh schon wurde sie mit Preisen überhäuft. Ihre Bücher "Der bittersüße Eros", in dem sie das Begehren zur Zeit der Dichterin Sappho erforscht, und "Rot" gehören zu ihren bekanntesten Werken. Ihre Übersetzungen griechischer Klassiker werden heute auf zahlreichen Theaterbühnen aufgeführt. Doch Carson ist nicht nur Gelehrte – sie ist eine Künstlerin, die antike Texte wie Rohstoff behandelt und sie in die Gegenwart zieht.

In "Rot" etwa feiert sie den griechischen Dichter Stesichoros, der im 6. Jahrhundert vor Christus lebte. Carson sieht in ihm den Erfinder des Adjektivs – den Mann, der zuerst sagte, dass Helena nicht immer schön sein muss, dass der Tod nicht immer schlecht ist, dass Eros nicht immer bittersüß sein muss. "All die Zustände in der Welt tauchten plötzlich an die Oberfläche", schreibt Carson über diesen Moment. Das ist ihre Arbeit: Festgefrorene Bedeutungen aufzubrechen und zu zeigen, dass alles anders sein könnte.

Ihre Bücher brechen ständig mit dem, was Leser erwarten. Die Schrift folgt nicht immer den Zeilen, formt sich manchmal zu Bildern, bricht mittendrin ab. Die Textform wechselt zwischen Lyrik, Essay und historischem Fragment. Herakles, der unbesiegbare Held der griechischen Mythologie, wird plötzlich ein unsicherer Teenager mit einem Faible für Vulkane. Geryon, das geflügelte Monster aus der antiken Sage, wird zu einem heranwachsenden Einzelgänger mit homosexuellem Begehren. Carson macht sie zu Menschen unserer Zeit, mit heutigen Sehnsüchten und heutigen Fragen. In ihrer Gedichtreihe "TV Men" stellt sie bekannte Figuren – Hektor, Antigone, der biblische Lazarus – vor unbequeme Fragen. Sie fragt, wie sich Lazarus gefühlt haben mag, als er plötzlich aus seinem Grab herausgerissen und zum Leben gezwungen wurde. War er wirklich erfreut darüber? Eine Antwort gibt sie nicht. Der Zweifel bleibt.

Carson verbindet Fragen und Zweifel kunstvoll zu großen, jahrhunderteüberspannenden Bögen. Sie lässt den altgriechischen Historiker Longinus mit Michelangelo in den Austausch kommen. Sie setzt Marilyn Monroe und die schöne Helena von Troja zueinander in Relation in ihrem Werk "Norma Jean Baker of Troy" – ein "gesprochenes und gesungenes Stück", denn Carsons Texte sind meist auch Performances. Sie wird daher die "Punk-Philosophin" genannt, und wer sie live erlebt, versteht warum. Vor kurzem trat sie in Berlin vor 700 begeisterten Fans auf. Ihr Thema war nicht weniger als die Schöpfung selbst, deren Entstehung sie neu nacherzählt. "Bevor die Galaxien entstanden habe ich mir ein paar Notizen gemacht", sagte sie – und dann legte sie los. Mit unbändigem Wissen, mit der Freude daran, die Perspektiven zu wechseln, mal als Wolke, mal als Kiesel. Und immer wieder Fragen, die man sich so noch nicht gestellt hat: Hatte Godot, die Figur aus Samuel Becketts Stück, auf den bis zum Schluss gewartet wird, vielleicht ganz simple Gründe, warum er nicht kommt?

Carson selbst sagt: "Es ist die Aufgabe der Autorin, auf die kleinen Dinge zu achten." In "Rot" fällt ihr ein kleiner Satz aus der antiken Sage auf: Herakles tötete nicht nur Geryon, er tötete auch dessen kleinen Hund. Warum diese unnötige Gewalt? Eine weitere große Frage, die beim Lesen sehr gegenwärtig wirkt. Carson möchte die Gehirne der Menschen bewegen, zum Nachdenken anregen, zum Selberdenken. Ihre Bücher sind eine Einladung dazu – und jetzt, mit dem Nobelpreis, wird diese Einladung gehört.

Es ist die Aufgabe der Autorin, auf die kleinen Dinge zu achten
— Anne Carson
In Wirklichkeit steht dort 'Dubito, ergo cogito, ergo sum' – 'Ich zweifle, also denke ich, also bin ich'
— Anne Carson über Descartes
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