KI-Forscher wehren sich gegen Weltuntergangsszenarien

Nach zehn Jahren hat das Wissen über KI immer noch Vorschulniveau
Informatikprofessor Kersting beklagt mangelnde KI-Bildung in Deutschland auf allen Ebenen.
Mark

Warum ärgern sich diese Forscher eigentlich so über die Weltuntergangsszenarien? Geht es ihnen nur darum, dass sie schlecht für die Branche sind?

Mimi

Nein, es geht tiefer. Sie sagen, dass die Risiken real sind und reguliert werden müssen – aber sie bezweifeln, dass die Tech-Chefs aus reinem Altruismus warnen. Sie vermuten kommerzielle und geopolitische Motive dahinter.

Luke

Das ist aber eine Vermutung, richtig? Kersting und Klüwer spekulieren über die Motive von Altman und Amodei. Das ist nicht verifiziert.

Mark

Okay, verstanden. Aber was ist denn ihre Alternative? Sollen wir die Risiken einfach ignorieren?

Mimi

Nein. Sie sagen: Ja, es gibt Risiken, aber lasst uns auch über die Chancen sprechen. Und sie zeigen praktische Beispiele – ein Hausnotruf für Ältere, Energiesparen bei Merck, automatische Dokumentation von Arztgesprächen.

Luke

Das sind gute Beispiele, aber sie sind auch selektiv. Das sind Erfolgsgeschichten aus Hessen. Wie viele KI-Start-ups scheitern? Das wird nicht erwähnt.

Mark

Und was fordern sie konkret von der Politik?

Mimi

Bessere KI-Bildung in Schulen, vereinfachte Gründungsregeln, "Sonderzonen" zum Experimentieren, mehr Investitionen, und dass Professoren leichter Firmen gründen können.

Luke

Das sind legitime Forderungen, aber es ist auch klar, dass Kersting und Klüwer Lobbyisten sind – für Hessian.AI und AI Nation. Sie haben ein Interesse daran, dass mehr Geld in KI fließt. Das sollte man im Hinterkopf behalten.

Mark

Sind sie denn unglaubwürdig deswegen?

Mimi

Nicht unglaubwürdig, aber interessengebunden. Das macht ihre Argumente nicht falsch, aber es erklärt, warum sie so argumentieren.

Luke

Genau. Und noch etwas: Sie kritisieren, dass Europa im Hintertreffen ist. Aber ob das wirklich ein Problem ist – ob es schlecht ist, dass wir nicht die größten KI-Modelle selbst entwickeln – das ist eine politische Frage, keine technische.

  • 237 aktive oder in Gründung begriffene KI-Start-ups in Hessen im vergangenen Jahr
  • Merck-Kühlsystem: 21 Prozent Stromersparnis durch Etalytics-Software
  • Kersting und Klüwer leiten Hessian.AI und AI Nation, Netzwerke zur KI-Förderung
  • Professoren dürfen maximal 8 Stunden pro Woche Nebentätigkeit ausüben

Kristian Kersting und Tina Klüwer bezweifeln, dass Tech-Chefs aus reinem Altruismus vor KI-Gefahren warnen, und vermuten kommerzielle oder geopolitische Motive dahinter. Hessische KI-Start-ups entwickeln praktische Lösungen: von Hausnotrufen für Ältere über Energiesparen bis zur automatischen Dokumentation von Arztgesprächen.

Künstliche-Intelligenz-Forscher in Hessen kritisieren apokalyptische Szenarien über KI und argumentieren, dass die Risiken beherrschbar sind. Sie zeigen praktische Anwendungen, die den Alltag verbessern, fordern aber mehr Investitionen und bessere Rahmenbedingungen für Start-ups.

Kristian Kersting hat genug gehört. Der Informatikprofessor an der TU Darmstadt sitzt in Diskussionen, in denen es immer um dasselbe geht: dass künstliche Intelligenz bald die Weltherrschaft übernehmen wird, dass denkende Maschinen das Internet kapern, Produktionsstätten okkupieren, Roboterarmeen aufstellen und die Menschheit auslöschen könnten. "Ich bin es langsam leid", sagt er. Auch Tina Klüwer, die als Wissenschaftlerin, Unternehmerin und Abteilungsleiterin im Bundesforschungsministerium gearbeitet hat, ist "extrem genervt" von diesen Horrorszenarien, die derzeit in Medien und Debatten grassieren.

Beide Forscher wollen nicht missverstanden werden. Künstliche Intelligenz birgt tatsächlich Risiken, und ihr Einsatz muss reguliert werden – darin sind sie sich einig. Aber sie bezweifeln die Motive derer, die diese Szenarien am lautesten beschwören. Kersting vermutet, dass die Chefs von Unternehmen wie OpenAI und Anthropic ihre Warnungen nutzen, um ihre Firmen als kritische Infrastruktur einstufen zu lassen und sich so aus der Haftung zu befreien. Klüwer sieht ein geopolitisches Kalkül: Wenn andere Länder angesichts apokalyptischer Warnungen in "Schockstarre" verfallen oder strikte Regularien erlassen, profitieren die USA. Europa hinkt bei dieser Technologie bereits hinterher, und die Gefahr besteht, dass europäische KI-Entwicklungen am Ende nur noch die "Glasur auf der Torte" bilden, während die großen Sprachmodelle aus dem Ausland eingekauft werden müssen.

Kersting bringt noch einen wirtschaftlichen Aspekt ein: Mit der exponentiell wachsenden Leistung von KI-Systemen steigen auch die Kosten für ihre Weiterentwicklung exponentiell. Irgendwann könnte das für die Unternehmen unwirtschaftlich werden. Gegenüber ihren Geldgebern könnten sie dann behaupten, sie verlangsamten die Forschung aus Sicherheitsgründen – nicht weil sie zu teuer geworden ist.

Kersting ist Ko-Direktor von Hessian.AI, einem Netzwerk von 13 hessischen Hochschulen, das Forschungskompetenz zu KI bündelt und praxistaugliche Anwendungen hervorbringen soll. Klüwer leitet als Executive Director die bundesweite Plattform AI Nation, zu deren Partnern große Universitäten und Forschungsinstitute in München und Berlin gehören. Beide sind, in ihren eigenen Worten, Lobbyisten für Künstliche Intelligenz aus Deutschland. Und beide argumentieren: Jede neue Technologie birgt Gefahren, aber diese sollten nicht von den Chancen ablenken.

Tobias Kehl, der bei Hessian.AI Start-ups betreut, zeigt konkrete Beispiele aus Hessen. Das Kasseler Unternehmen Veli hat einen "Hausnotruf ohne Knopf" für allein lebende Ältere entwickelt – eine KI, die mögliche Notfälle am Strom- und Wasserverbrauch erkennt, ohne dass Kameras oder Sensoren in der Wohnung nötig sind. Das Rote Kreuz in Kassel bietet das System bereits an. Etalytics, eine Ausgründung der TU Darmstadt, hat eine KI-Software entwickelt, die Energiesysteme in Industrieanlagen und Rechenzentren steuert. Bei Merck in Darmstadt senkte sie den Stromverbrauch in der Kühlung um 21 Prozent. Daisytuner aus Wetzlar optimiert Software automatisch für verschiedene Chips. Nixi.ai aus Wiesbaden dokumentiert Arztgespräche automatisch und gibt Medizinern mehr Zeit für ihre Patienten. Das Frankfurter Start-up Workcraft automatisiert Büroarbeit in Handwerksbetrieben.

Im vergangenen Jahr waren in Hessen 237 aktive oder in Gründung begriffene KI-Start-ups verzeichnet, etwa 40 Prozent davon mit Hochschulbezug. Kehl spricht vom "Riesen-Momentum", das er bei der Preisverleihung von "Hessen Ideen" beobachtet hat. Das Potenzial dieser Technologie sei "gigantisch groß". Doch aus Sicht von Kersting und Klüwer werden die Möglichkeiten von KI in Deutschland noch immer zu wenig genutzt. Hiesige Unternehmen hätten erst vor Kurzem begriffen, dass Künstliche Intelligenz für sie relevant ist. Es fehle nicht an guten Forschern und innovationsfreudigen Mittelständlern, aber insgesamt werde noch zu wenig Geld investiert – nicht nur in KI selbst, sondern auch in andere Zukunftstechnologien wie Quantencomputing und Kernfusion, die eines Tages den enormen Energiebedarf der Rechenzentren decken könnte.

Kersting ist enttäuscht: "Nach zehn Jahren hat das Wissen über KI immer noch Vorschulniveau." Man müsse ständig darum kämpfen, dass Informatik in Schulen angemessen vermittelt wird. Er selbst werde mit seiner Forschung "immer noch als Nerd angesehen". Beide Forscher wünschen sich, dass Politiker regelmäßig das Gespräch mit Wissenschaftlern suchten, nicht nur wenn wieder eine Schreckensnachricht durch die Medien geistert. Kersting stellt sich "Sonderzonen" vor, in denen Neues ausprobiert werden könne, ohne dass dies gleich bis ins letzte Detail juristisch abgesichert sein müsse. Die Gründung von Start-ups müsse rechtlich vereinfacht und steuerlich stärker begünstigt werden. Klüwer setzt sich dafür ein, die Kooperation von Forschern über Bundesländergrenzen hinweg zu intensivieren: "Der Wettbewerb findet nicht zwischen Berlin oder München statt, sondern international." Und Kersting sieht ein konkretes Problem, das die Politik lösen könnte: "Ich darf in der Woche höchstens acht Stunden Nebentätigkeit ausüben. Wie soll ich da eine Firma gründen?"

Ich bin es langsam leid
— Kristian Kersting, KI-Professor an der TU Darmstadt
Der Wettbewerb findet nicht zwischen Berlin oder München statt, sondern international
— Tina Klüwer, Executive Director von AI Nation
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