An einem einzigen Freitag verdichten sich drei Schauplätze menschlicher Machtdynamik: In Oslo wird ein Preis vergeben, der daran erinnert, dass Anerkennung nicht erzwungen werden kann; in Berlin beraten Europas Fußballfunktionäre, wie man einen unbequemen Mächtigen ablöst; und ebenfalls in Berlin versuchen drei Parteien, durch schriftliche Grundsätze das Vertrauen zu gewinnen, das ihnen die Geschichte noch schuldet. Alle drei Geschichten handeln im Kern von derselben Frage: Wer darf Macht beanspruchen – und auf welcher Grundlage?
Nobelpreis, Infantino-Sturz und Berliner Koalitions-Theater
Gut, dass das jetzt mal klar ist.
Warum ist es eigentlich so bemerkenswert, dass Trump sich die Nobelpreismedaille von Machado schenken ließ? Das ist doch nur eine Geste.
Es ist nicht nur eine Geste – es ist die Aneignung einer Auszeichnung, die ihm nicht gehört. Trump hatte den Preis öffentlich für sich beansprucht, verlor, und nahm sich dann einfach die Medaille der eigentlichen Preisträgerin. Das zeigt eine Missachtung der Institution selbst.
Aber wir wissen nicht, ob Machado die Medaille freiwillig gab oder ob Trump sie sich genommen hat. Der Text sagt "schenken lassen", aber das könnte auch bedeuten, dass sie unter Druck stand. Das ist ein wichtiger Unterschied.
Und bei der Uefa – wie realistisch ist es, dass sie Infantino wirklich loswerden?
Sie haben einen konkreten Termin gesetzt: März beim Fifa-Kongress. Das ist nicht einfach eine Ankündigung, sondern ein Plan mit Frist. Und sie suchen bereits nach einem Gegenkandidaten. Das deutet auf ernsthafte Absicht hin.
Aber wir wissen nicht, wer dieser Kandidat sein soll. "Leibhaftige Lichtgestalt" ist eine schöne Formulierung, aber es könnte auch sein, dass die Uefa noch gar keinen konkreten Namen hat. Das ist ein großer Unterschied zwischen "wir haben einen Plan" und "wir haben einen Kandidaten".
Was ist das Kernproblem bei den Berliner Koalitionsgesprächen?
Die Linke hat ein echtes Antisemitismus-Problem und Kontakte zu Kriminellen. Das ist nicht erfunden. Deshalb mussten die drei Parteien sich auf diese Grundsätze einigen, bevor sie überhaupt verhandeln konnten.
Aber die Vereinbarung ist nur eine Ankündigung. Der Text sagt selbst: "Bisher sind diese Konsequenzen nur Ankündigungen." Wir wissen nicht, ob die Linke das durchsetzen wird. Und wir wissen nicht, ob die Basis der Partei das akzeptiert.
Könnte die rot-grün-rote Koalition in Berlin die Bundeskrise verschärfen?
Ja, die Union sieht darin bereits ein Signal gegen die eigene Koalition mit der SPD. Und es könnte der Union Munition geben, um ihre eigene Zusammenarbeit mit der AfD zu rechtfertigen.
Das ist aber eine Interpretation der Union, nicht unbedingt die Realität. Wir wissen nicht, ob eine rot-grün-rote Koalition in Berlin tatsächlich die Bundeskrise verschärft oder ob das nur eine Rhetorik-Strategie ist.
Il Polso
- Trump forderte den Friedensnobelpreis lautstark ein, drohte mit Konsequenzen bei Ablehnung – und hielt sein Wort, als er ihn nicht bekam.
- Das Nobelkomitee ehrte stattdessen die venezolanische Oppositionelle María Corina Machado, was Trumps Sprecher prompt als politisch motiviert bezeichnete.
- Die Uefa drängt auf Infantinos Ablösung bis März und sucht fieberhaft nach einer weltbekannten Persönlichkeit, die das Amt repräsentativ ausfüllen soll.
- In Berlin einigten sich Linke, Grüne und SPD auf Koalitionsgrundsätze – darunter das feierliche Versprechen, keine Kontakte zu Kriminellen zu pflegen und Antisemitismus zu ahnden.
- Die Glaubwürdigkeit dieser Vereinbarung steht auf dem Prüfstand: Ob die Berliner Linke ihre eigenen Reihen disziplinieren kann, bleibt offen – und die Union wittert bereits bundespolitisches Kapital.
An einem einzigen Freitag verdichten sich drei Schauplätze menschlicher Machtdynamik: In Oslo wird ein Preis vergeben, der daran erinnert, dass Anerkennung nicht erzwungen werden kann; in Berlin beraten Europas Fußballfunktionäre, wie man einen unbequemen Mächtigen ablöst; und ebenfalls in Berlin versuchen drei Parteien, durch schriftliche Grundsätze das Vertrauen zu gewinnen, das ihnen die Geschichte noch schuldet. Alle drei Geschichten handeln im Kern von derselben Frage: Wer darf Macht beanspruchen – und auf welcher Grundlage?
Heute verkündet das Norwegische Nobelkomitee in Oslo den Friedensnobelpreis – ein Anlass, an das Schauspiel des vergangenen Jahres zu erinnern. Donald Trump hatte den Preis monatelang für sich reklamiert, seine Forderungen steigerten sich bis zur Drohung, eine Nichtvergabe sei eine Beleidigung für die gesamten USA. Das Komitee vergab ihn dennoch an María Corina Machado, die venezolanische Oppositionelle. Trumps Reaktion war bezeichnend: Sein Sprecher warf dem Komitee Politisierung vor, und Trump selbst ließ wenig später verlauten, er sehe sich nun nicht mehr ausschließlich dem Frieden verpflichtet. An diese Ankündigung hat er sich gehalten.
Parallel dazu trafen sich die Spitzen der Uefa in Berlin, um die Ablösung von Fifa-Präsident Gianni Infantino zu planen. Bis zum Kongress im März soll ein Gegenkandidat gefunden sein – eine international strahlende Persönlichkeit, die das Amt künftig eher repräsentativ ausfüllt, während das Fifa Council zur eigentlichen Machtzentrale werden soll. Die Nominierungsfrist läuft bis zum 18. November.
Ebenfalls in Berlin einigten sich Linke, Grüne und SPD auf Grundsätze für Koalitionsgespräche. Nötig geworden war dies, weil die Berliner Linke zuletzt durch antisemitische Äußerungen und Kontakte zu organisierten Kriminellen aufgefallen war. Die Agenturmeldungen lasen sich unfreiwillig komisch: Man habe vereinbart, keine Kriminellen zu kontaktieren und antisemitische Vorfälle zu ahnden. Ob die entsprechenden Kreise innerhalb der Linken sich davon beeindrucken lassen, ist fraglich – bisher sind die angedrohten Konsequenzen bloße Ankündigungen. Aus der Union kommen bereits Stimmen, die ein rot-grün-rotes Berlin als Signal gegen die schwarz-rote Bundeskoalition deuten – und manche dort würden es nutzen, um eine Annäherung an die AfD zu rechtfertigen. Wahlsiegerin Elif Eralp fehlte bei der Vorstellung der Vereinbarung krankheitsbedingt – was der Linken zumindest in puncto Volksnähe niemand verdenken kann.
Am heutigen Freitag wird das Norwegische Nobelkomitee in Oslo verkünden, wer den Friedensnobelpreis erhält. Es ist ein guter Moment, sich daran zu erinnern, wer ihn im vergangenen Jahr nicht bekam: Donald Trump. Das Theater, das sich darum entspann, offenbart etwas Grundsätzliches über den Umgang des US-Präsidenten mit Anerkennung und Macht.
Trump hatte den Preis das ganze Jahr über für sich eingefordert, seine Forderungen wurden immer lauter, bis er schließlich erklärte, eine Nichtvergabe an ihn wäre eine "Beleidigung für die USA". Doch das Nobelkomitee vergab den Preis an María Corina Machado, die venezolanische Oppositionelle. Trumps Sprecher reagierte sofort: Das Komitee habe Politik über Frieden gestellt. Im Januar ließ sich Trump die Medaille von Machado selbst schenken – möglicherweise hängt sie nun irgendwo im Weißen Haus an der Wand. Wenige Tage später wurde eine beleidigte Nachricht Trumps an den norwegischen Ministerpräsidenten bekannt, in der er mitteilte, dass er sich nun nicht mehr ausschließlich dem Frieden verpflichtet sehe, da man ihm den Preis verweigert habe. Immerhin: An diese Ankündigung hat er sich gehalten. Es ist bemerkenswert, dass sich ein demokratisch gewählter Staatsmann derart eigenmächtig und peinlich verhalten kann.
Während die Welt auf die heutige Preisverkündung wartet, spielt sich in Europa ein anderes Drama ab. Die Spitzen des europäischen Fußballverbands Uefa trafen sich gestern in Berlin, um zu beraten, wie sie Fifa-Boss Gianni Infantino loswerden können. Spätestens beim Fifa-Kongress im März wollen sie ihn durch einen Kandidaten ihrer Wahl ersetzen. Die geplanten Umwälzungen gehen weit über die Personalie hinaus: Der Fifa-Präsident soll künftig eher repräsentativ tätig sein, während ein Gremium namens Fifa Council zum neuen Machtzentrum werden soll. Bis zum 18. November hat die Uefa Zeit, einen Gegenkandidaten zu nominieren – jemanden mit Strahlkraft, der nicht nur in Europa, sondern weltweit bekannt und geschätzt ist. Die Uefa sucht, so scheint es, nach einer leibhaftigen Lichtgestalt.
In Berlin einigten sich Linke, Grüne und SPD gestern auf Grundsätze für Koalitionsgespräche. Die Einigung war notwendig geworden, weil die Berliner Linke in der Vergangenheit mit antisemitischen Äußerungen und Kontakten zu organisierten Kriminellen in Erscheinung getreten war. Die Agenturmeldungen zur Einigung klangen unfreiwillig komisch: "Linke, Grüne, SPD vereinbaren: kein Kontakt zu Kriminellen", meldete die dpa. "Linke, Grüne, SPD: Antisemitische Vorfälle ahnden." Gut, dass das jetzt mal klar ist.
Doch die Hindernisse für eine gemeinsame Regierung sind erheblich. Die Frage bleibt, ob sich jene Kreise in der Berliner Linken, die sich in der Vergangenheit besonders lautstark gegen Israel geäußert haben, von dieser "Berliner Vereinbarung" beeindrucken lassen. Und wie ernst meint es die Linkenspitze, wenn sie bei Verstößen den Ausschluss aus Fraktion und Partei androht? Bisher sind diese Konsequenzen nur Ankündigungen. Hinzu kommt die kriselnde Koalition im Bund. Aus der Union sind Stimmen zu hören, wonach ein rot-grün-rotes Bündnis in Berlin ein Misstrauensvotum der SPD gegen die schwarz-rote Koalition wäre. Zudem steht die Befürchtung im Raum, dass eine Zusammenarbeit der Sozialdemokraten mit der Linken von interessierter Seite in der Union zum Anlass genommen würde, eine Zusammenarbeit mit der AfD zu rechtfertigen.
Die Wahlsiegerin Elif Eralp fehlte bei der Vorstellung der Vereinbarung – sie ist krankgeschrieben. In dieser Sache kann man die Volksnähe der Linken nicht bestreiten, denn so geht es gerade vielen.
Citazioni salienti
Das Nobelkomitee habe die Politik über den Frieden gestellt— Trumps Sprecher nach der Preisverkündung
Ob sich jene Kreise in der Linken, die sich in der Vergangenheit besonders lautstark gegen Israel geäußert haben, von der 'Berliner Vereinbarung' beeindrucken lassen, muss sich noch zeigen— Philipp Wittrock, Spiegel-Korrespondent