Literaturnobelpreis 2026 geht an kanadische Autorin Anne Carson

Sie höre gerade dem Wind zu, als die Nachricht kam
Anne Carson erfuhr von ihrer Auszeichnung überraschend während eines Aufenthalts in Island.
Mark

Warum ist Anne Carson denn so lange als Favoritin gehandelt worden? Was macht ihr Werk so besonders?

Mimi

Sie hat etwas getan, das in der Literatur selten ist: Sie hat die Grenzen zwischen den Gattungen aufgelöst. Ein Gedicht kann plötzlich ein Essay sein, eine Übersetzung kann zur Erzählung werden. Und dabei arbeitet sie immer mit klassischen Stoffen, aber auf eine Weise, die völlig gegenwärtig wirkt.

Luke

Das klingt abstrakt. Kannst du ein konkretes Beispiel geben?

Mimi

"Autobiography of Red" ist ein Versroman über den Mythos des Geryon. Sie nimmt also eine antike Figur und erzählt ihre Geschichte in Versen, aber mit modernen Themen wie Liebe und Identität. Das ist nicht einfach eine Nacherzählung.

Mark

Und "Nox"? Das klang in der Meldung sehr persönlich.

Mimi

Das ist ein Buch über ihren Bruder, der gestorben ist. Aber es ist nicht autobiografisch im klassischen Sinne. Sie experimentiert mit Form, mit Lücken, mit dem, was man nicht sagen kann. Es ist gleichzeitig Trauer und Kunstwerk.

Luke

Wie lange war sie denn schon im Gespräch für den Nobelpreis?

Mimi

Das ist schwer zu sagen, weil die Nominierungen geheim sind. Aber in Literaturkreisen wurde sie seit Jahren genannt. Sie ist Professorin, ihre Bücher sind einflussreich, sie hat viele Preise gewonnen.

Mark

Überrascht dich die Entscheidung?

Mimi

Nein, aber ich bin froh, dass sie es ist. Es gibt vielen anderen Autoren Mut, die auch Grenzen überschreiten wollen.

Luke

Was bedeutet der Preis praktisch für sie? Sie ist ja schon etabliert.

Mimi

Das Geld ist bedeutsam, aber wichtiger ist vielleicht die globale Aufmerksamkeit. Ihre Bücher werden jetzt in vielen Ländern neu übersetzt und gelesen werden.

Mark

Und wann bekommt sie den Preis?

Mimi

Am 10. Dezember in Stockholm. Das ist traditionell der Tag, an dem alle Nobelpreise überreicht werden.

  • Anne Carson, 76 Jahre alt, kanadische Autorin und Professorin für Klassische Philologie
  • Ausgezeichnet für ihr kühnes Gesamtwerk, das klassische Philologie mit modernen literarischen Formen verbindet
  • Preisgeld: zwölf Millionen Schwedische Kronen, etwa 1,06 Millionen Euro
  • Überreichung am 10. Dezember 2026 in Stockholm

Anne Carson, 76, wird für ihr innovatives Gesamtwerk geehrt, das klassische Philologie mit modernen literarischen Formen verbindet. Die kanadische Autorin war lange Zeit Favoritin auf den Preis und gilt als eine der renommiertesten zeitgenössischen Schriftstellerinnen.

Die kanadische Autorin Anne Carson wurde mit dem Literaturnobelpreis 2026 ausgezeichnet. Die Schwedische Akademie würdigt ihr kühnes und einfallsreiches Gesamtwerk, das neue Formen für die Gegenwartsliteratur geschaffen hat.

Die Schwedische Akademie hat Anne Carson aus Kanada zur Trägerin des Literaturnobelpreises 2026 ernannt. Die Nachricht kam am Donnerstagmorgen aus Stockholm, wo die Akademie die Entscheidung offiziell verkündete. Carson, die sich in Island aufhielt, erfuhr die Nachricht überraschend: Sie höre gerade dem Wind zu, als die permanente Sekretärin der Akademie, Ingrid Carlberg, sie erreichte. Carlberg berichtete, dass Carson sehr bewegt und überrascht gewesen sei.

Die 76-jährige Autorin wird geehrt für ihr "kühnes und einfallsreiches Gesamtwerk" mit verspielten Dialogen in klassischer Tradition, das neue Formen für die zeitgenössische Literatur geschaffen hat. Carson, 1950 in Toronto geboren, gilt als eine der eigenwilligsten und renommiertesten Schriftstellerinnen der Gegenwart. Ihr Werk zeichnet sich durch eine unkonventionelle Verbindung verschiedener literarischer Formen aus: Sie verwebt klassische Philologie, Lyrik, Essay, Übersetzung, Erzählung und dramatische Formen zu einem kohärenten künstlerischen Ganzen.

Ihre Methode besteht darin, antike Stoffe in die Moderne zu transportieren. Sie lässt Figuren wie Sokrates oder Antigone in Filmszenarien auftauchen und untersucht, wie sie sich unter den Bedingungen der Gegenwart verhalten würden. In anderen Werken bringt sie Denker wie den antiken Rhetoriker Longinus mit dem Maler Michelangelo und dem Filmregisseur Michelangelo Antonioni ins Gespräch. Diese Verfahren ermöglichen es ihr, zeitlose Fragen neu zu stellen und dabei die Grenzen zwischen Gattungen zu verwischen.

Carsons bekannteste Bücher sind "Autobiography of Red" von 1998, ein Versroman, der den griechischen Mythos von Geryon neu interpretiert, und "Nox" von 2010, ein experimentelles Werk über das Leben und den Tod ihres Bruders. Neben ihrer Arbeit als Autorin und Übersetzerin hat Carson als Professorin für Klassische Philologie an mehreren Universitäten in Kanada und den USA gelehrt. Diese akademische Tätigkeit hat ihre literarische Praxis durchdrungen und umgekehrt.

Der Literaturnobelpreis gilt weltweit als die bedeutendste literarische Auszeichnung. Jährlich gehen etwa 200 Nominierungen ein; die Namen der Nominierten unterliegen wie bei allen Nobelpreisen einer 50-jährigen Geheimhaltung. In der Regel wird mit dem Preis das Lebenswerk eines Schriftstellers gewürdigt. Das Preisgeld beträgt zwölf Millionen Schwedische Kronen, etwa 1,06 Millionen Euro. Die feierliche Überreichung findet am 10. Dezember in Stockholm statt.

Carsons Auszeichnung ist die vierte Nobelpreis-Verkündigung dieser Woche. Seit Montag waren bereits die Preisträger in den Kategorien Medizin, Physik und Chemie bekanntgegeben worden. Unter den drei Medizin-Nobelpreisträgern befinden sich zwei deutsche Forscher, Peter Hegemann und Georg Nagel. Den Abschluss der Nobelwoche bildet morgen die Verkündigung des Friedensnobelpreises.

Sie war sehr überrascht
— Ingrid Carlberg, permanente Sekretärin der Schwedischen Akademie
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