KI-Agenten verdrängen Menschen im Netz: Wer regiert die Maschinen?

Die Maschinen sind in der Mehrheit. Wer sie regiert, ist noch nicht entschieden.
Lepore fordert bewusste Entscheidung für eine von Menschen gestaltete Zukunft, bevor die Kontrolle endgültig verloren geht.
Mark

Warum sollte mich interessieren, dass Bots mehr Websites aufrufen als Menschen? Das klingt nach einem technischen Detail.

Mimi

Weil es das Geschäftsmodell zerstört, das Journalismus finanziert. Wenn Bots Artikel lesen, ohne dass Menschen sie je sehen, verdienen Nachrichtenmedien kein Geld mehr.

Luke

Aber Cloudflare sagt 57 Prozent – das ist eine Messung von Website-Aufrufen, nicht von Lesern. Ein Bot könnte eine Seite hundertmal pro Tag aufrufen. Wie viel davon ist echte Konkurrenz?

Mimi

Das ist fair. Aber selbst wenn man die Zahlen skeptisch sieht – der Trend ist real. KI-Systeme fassen Inhalte zusammen, ohne die Quelle zu besuchen.

Mark

Und das ist neu? Bots gibt es doch schon lange.

Mimi

Ja, aber Google-Bots schickten Menschen zur Website. Diese neuen Agenten antworten direkt. Sie sind die Endstation, nicht die Wegweiser.

Luke

Lepore fordert "demokratische Kontrolle der Technik" – aber wer soll das konkret tun? Die EU? Einzelne Länder?

Mimi

Das ist die offene Frage. Europa kontrolliert nur 15 Prozent des Cloud-Marktes. Ohne eigene Infrastruktur hat man keine Verhandlungsmacht.

Mark

Also ist das ein Machtproblem, nicht nur ein Technologieproblem?

Mimi

Genau. Die Maschinen sind in der Mehrheit. Aber wer sie regiert – das ist noch nicht entschieden.

Luke

Und die Werbetreibenden? Wenn Meta, Google und Amazon 50 Prozent der Werbebudgets bekommen, haben sie ja schon entschieden.

Mimi

Das ist der Punkt. Die Entscheidung fällt gerade, während wir reden.

  • 57 Prozent der Website-Aufrufe bei Cloudflare stammen von KI-Agenten, nicht von Menschen (seit Mai 2026)
  • Cloudflare verwaltet etwa ein Fünftel des weltweiten Internetverkehrs
  • Amerikanische Konzerne kontrollieren 70 Prozent des europäischen Cloud-Marktes, europäische Anbieter nur 15 Prozent
  • Drei Unternehmen (Meta, Google, Amazon) erhalten über 50 Prozent der deutschen Werbebudgets

Bei Cloudflare, das ein Fünftel des Internetverkehrs abwickelt, übersteigen KI-Agenten seit Mai die menschlichen Nutzer deutlich. KI-Bots lesen Inhalte, fassen sie zusammen und antworten selbst – ohne Menschen zur Originalquelle zu schicken oder Werbung zu klicken.

KI-Agenten überholen Menschen im Internetverkehr: Bei Cloudflare stammen bereits 57 Prozent der Website-Aufrufe von Bots statt von Menschen. Dies gefährdet das traditionelle Geschäftsmodell von Medien und Journalismus.

Im Mai dieses Jahres überschritt ein Meilenstein die Nachrichtenschwelle fast unbemerkt, obwohl seine Auswirkungen erheblich sein werden. Auf den Servern von Cloudflare, dem Unternehmen, das etwa ein Fünftel des weltweiten Internetverkehrs verwaltet, haben künstliche Intelligenz-Agenten und Bots die menschlichen Nutzer zahlenmäßig überholt. Matthew Prince, der Vorstandsvorsitzende von Cloudflare, machte diese Entwicklung Anfang Juni öffentlich: 57 Prozent aller Website-Aufrufe in seinem Netzwerk stammten nicht mehr von Menschen. Das Internet war nie so menschlich, wie viele angenommen hatten – Bots existieren schon lange – doch die neuen KI-gestützten Agenten verbreiten sich mit beispielloser Geschwindigkeit.

Die Verschiebung ist fundamental. Jahrzehntelang funktionierte das digitale Ökosystem nach einem einfachen Prinzip: Suchmaschinen-Bots wie der Google-Crawler besuchten Websites, indexierten ihre Inhalte und leiteten dann menschliche Leser über Suchergebnisse zu diesen Seiten weiter. Inhalt zog Aufmerksamkeit an, Aufmerksamkeit generierte Werbeeinnahmen. Dieses Modell ist nun unter Druck. Die neuen KI-Agenten lesen zwar ebenfalls Tausende von Seiten, aber sie fassen die Inhalte zusammen und beantworten Fragen direkt – oder liefern Antworten an andere Nutzer – ohne dass Menschen je die ursprüngliche Quelle besuchen. Sie klicken auch nicht auf Werbeanzeigen. Sollte sich dieser Trend fortsetzen, werden Menschen in fünf Jahren statistisch gesehen kaum noch messbar im Internet präsent sein.

Diese Beobachtung findet ein Echo in einem Buch, das auf der Frankfurter Buchmesse diskutiert wird. Die Harvard-Historikerin Jill Lepore hat es geschrieben; im englischen Original trägt es den prägnanten Titel "The Rise and Fall of the Artificial State". Lepore beschreibt einen "Künstlichen Staat" – die Herrschaft über Menschen durch von Unternehmen gebaute Maschinen. Nach ihrer Analyse folgte auf die Monarchie, die sich auf Religion und Geheimnis stützte, die Republik mit ihrem Vertrauen auf Vernunft und Fakten. Nun entstehe ein neuer Staat, der auf Daten und Vorhersagen basiere. Das Problem liegt auf der Hand: Plattformen wie X, Facebook und TikTok werden vermutlich von mehr Bots als Menschen bevölkert, doch Politiker behandeln diese Bot-Nutzer weiterhin als Abbild der tatsächlichen Wählerschaft. Lepore betont allerdings, dass diese Entwicklung nicht unvermeidlich war – der liberale Staat habe den Künstlichen Staat ermöglicht, nicht erzwungen. Sie fordert daher, die technische Steuerung der Demokratie durch demokratische Kontrolle der Technik zu ersetzen.

Europa ist für diese Herausforderung besonders schlecht positioniert. Amerikanische Internetkonzerne kontrollieren etwa 70 Prozent des europäischen Cloud-Marktes, während europäische Anbieter nur noch 15 Prozent halten – halb so viel wie vor zehn Jahren. Rechenleistung ist zur grundlegenden Infrastruktur geworden wie Strom oder Straßen. Länder ohne Alternativen verhandeln nicht; sie akzeptieren die Bedingungen, die ihnen gestellt werden.

Für die Medienbranche ist die Situation besonders bedrohlich, mit Folgen für die Meinungsbildung in freien Gesellschaften. Bot-dominierte soziale Netzwerke sind bereits der häufigste Weg, auf dem Nachrichten die Menschen erreichen. Nun kommen KI-Agenten hinzu, die Artikel lesen, ohne dass ein einziger Mensch sie je aufruft. Diese Systeme können keinen Vorstand zur Rechenschaft ziehen, keinem Informanten in die Augen sehen, keine investigative Recherche betreiben. Wenn Nachrichtenmedien keine Einnahmen mehr generieren, weil Leser ausbleiben und Werbung zu KI-Systemen abwandert, können sie keine Redakteure bezahlen. Dann bleibt den Agenten nur noch das Echo ihrer eigenen Zusammenfassungen – ein sich selbst verstärkender Kreislauf der Oberflächlichkeit. Dieses Jahr werden deutsche Werbetreibende nach aktuellen Prognosen mehr als die Hälfte ihrer Ausgaben an nur drei Unternehmen überweisen: Meta, Google und Amazon.

Cloudflare arbeitet an einem System, in dem Agenten für jeden Abruf einen Bruchteil eines Cents zahlen würden. Ob dies zu einem fairen Markt führt oder nur eine neue Mautstelle schafft, bleibt offen. Die grundsätzlichere Frage – wer die Recherche finanziert, aus der die Maschinen ihre Antworten gewinnen – ist nicht nur ein Problem der Verlage. Lepore fordert, den Maschinen niemals das letzte Wort zu geben und aktiv für eine von Menschen gestaltete Zukunft zu kämpfen. Die Maschinen sind bereits in der Mehrheit. Wer sie regiert, ist noch nicht entschieden. Dafür müssen die Menschen aber erst bewusst wollen, ihre freie Wahl zu behalten.

Der liberale Staat habe den Künstlichen Staat ermöglicht, nicht erzwungen
— Jill Lepore, Harvard-Historikerin
Die technische Steuerung der Demokratie durch eine demokratische Steuerung der Technik ersetzen
— Jill Lepore
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