Ein Jahr Waffenruhe in Gaza: Hoffnung weicht Verzweiflung

1,5 Millionen Menschen leben in Notunterkünften; über 1.400 Palästinenser wurden im vergangenen Jahr bei Angriffen getötet; Hunderttausende Kinder haben keinen normalen Schulbetrieb.
Der Krieg lässt uns nicht in Ruhe. Es reicht.
Fatima Abdel-Madschid Abu Ouda spricht aus einem Zelt in Gaza-Stadt ein Jahr nach der Waffenruhe.
Mark

Was bedeutet es, dass die Waffenruhe "brüchig" ist, wenn offiziell seit einem Jahr Frieden herrscht?

Mimi

Die Waffenruhe existiert auf dem Papier, aber die Realität ist anders. Über 1.400 Menschen wurden im vergangenen Jahr getötet – das sind keine Einzelfälle, das ist ein Muster. Menschen können nachts nicht schlafen, weil sie Angst vor Angriffen haben.

Luke

Wer genau hat diese 1.400 Todesfälle gezählt? Das sind Angaben der Gesundheitsbehörden in Gaza – eine Quelle, die unter israelischer Kontrolle steht. Wir sollten wissen, wie unabhängig diese Zählung ist.

Mark

Warum ist die Übergangsregierung in Ägypten steckengeblieben?

Mimi

Israel verweigert ihr die Einreise nach Gaza. Das ist ein Zeichen dafür, dass Netanjahu die Bedingungen des Friedensplans nicht erfüllen will – oder kann.

Luke

Aber die Hamas weigert sich auch, ihre Waffen abzugeben, solange israelische Truppen im Gebiet sind. Das ist kein einseitiges Versagen. Beide Seiten halten sich nicht an ihre Zusagen.

Mark

Wie abhängig sind die Menschen wirklich von Hilfsorganisationen?

Mimi

Völlig. Es gibt keine Jobs, die Lebensmittel sind zu teuer, die Infrastruktur ist zerstört. Ohne Hilfsorganisationen würden Menschen verhungern.

Luke

Das ist richtig, aber wir sollten auch fragen: Wie viele Hilfsorganisationen sind tatsächlich vor Ort? Wie viel Hilfe kommt an? Die Quelle sagt, dass Hilfsorganisationen "das Überleben sichern", aber das ist eine Charakterisierung, keine Messung.

Mark

Spielt Gaza im israelischen Wahlkampf überhaupt eine Rolle?

Mimi

Nein, kaum. Netanjahu redet von Sicherheit und Vergeltung, nicht von Wiederaufbau oder Frieden. Die Situation der Menschen in Gaza interessiert die Wähler nicht.

Luke

Das ist eine Beobachtung über die Wahlkampfrhetorik, aber wir wissen nicht, wie die israelische Bevölkerung insgesamt über Gaza denkt. Umfragen zeigen, dass Sicherheit wichtig ist – aber das sagt nichts über Mitgefühl oder Unterstützung für Wiederaufbau.

  • 1,5 Millionen Menschen leben in provisorischen Zelten oder Notunterkünften im Gazastreifen
  • Über 1.400 Palästinenser wurden im vergangenen Jahr bei Angriffen getötet, trotz offizieller Waffenruhe
  • Israel besetzt etwa 60 Prozent des Gazastreifens – mehr als im ursprünglichen Friedensplan vorgesehen
  • Die Übergangsregierung sitzt in Ägypten fest; Israel verweigert ihr die Einreise nach Gaza
  • Hunderttausende Kinder haben keinen normalen Schulbetrieb; das Gesundheitssystem funktioniert nicht

1,5 Millionen Gazaner leben in provisorischen Zelten mit Ratten, Ungeziefer und unsicherer Wasserversorgung – ein Jahr nach der Waffenruhe. Die Waffenruhe wird von Israel nicht eingehalten; über 1.400 Palästinenser wurden im vergangenen Jahr getötet, Netanjahu besetzt 60% des Gebiets.

Ein Jahr nach der Waffenruhe im Gazastreifen leben 1,5 Millionen Menschen in Zelten unter katastrophalen Bedingungen. Trotz offizieller Waffenruhe wurden über 1.400 Palästinenser getötet, Hilfsorganisationen sichern das Überleben.

Fatima Abdel-Madschid Abu Ouda sitzt auf dem sandigen Boden eines weißen Zelts in Gaza-Stadt und hält ein Tablet in die Kamera. Darauf ist das Haus zu sehen, in dem sie einmal lebte – ein zweistöckiges Gebäude mit flachem Dach, jetzt nur noch Ruinen. Sie ist 62 Jahre alt. Ein Jahr nach der Waffenruhe im Gazastreifen lebt sie immer noch hier, in diesem provisorischen Lager, zwischen Kleidung, die zum Trocknen hängt, und einem großen blauen Müllsack, der an der Zeltwand baumelt. Sie hätte ihr Zuhause verlassen müssen, als die israelische Militäroffensive nach dem 7. Oktober 2023 begann.

Abdel-Madschid Abu Ouda ist eine von etwa 1,5 Millionen Menschen, die laut UN-Angaben derzeit in Zelten oder Notunterkünften im Gazastreifen leben. Der Boden unter ihren Füßen ist Sand. Die Bedingungen sind, wie sie es ausdrückt, im Sommer die Hölle gewesen und jetzt, in der kalten Jahreszeit, wie eine Gefriertruhe. Nachts können die Menschen nicht schlafen – nicht wegen der Temperatur allein, sondern wegen der Ratten, Mäuse, Nagetiere und Insekten, die die abgenutzten Zelte bevölkern. Die Zelte selbst sind längst am Ende ihrer Lebensdauer.

Ein Jahr ist seit der offiziellen Waffenruhe vergangen. Doch die Ruhe ist brüchig. Nach Angaben der Gesundheitsbehörden in Gaza wurden im vergangenen Jahr mehr als 1.400 Palästinenser bei Angriffen getötet. Menschen berichten, dass sie nachts nicht schlafen können, weil sie Angst vor Angriffen der israelischen Armee haben. Amani Al Nauok vom Internationalen Roten Kreuz in Gaza erklärt, dass die Waffenruhe zunächst ein Hoffnungsschimmer für die Menschen war. Aber das reicht nicht aus. Sie wollen, dass der Waffenstillstand tatsächlich umgesetzt wird. Sie wollen spürbare Verbesserungen in ihrem Alltag sehen.

Die Lebensbedingungen bleiben katastrophal. Die Wasserinfrastruktur wurde durch die Kämpfe schwer beschädigt, und für viele Haushalte ist der Zugang zu sauberem Wasser nicht gesichert. Menschen leben zwischen Müll und Abwasser, unter ständiger Infektionsgefahr. Zwar gibt es seit der Waffenruhe wieder mehr Lebensmittel in Gaza, aber sie sind sehr teuer, und eine neue Knappheit droht. Die meisten Menschen haben keine Jobs. Sie sind vollständig abhängig von Hilfsorganisationen, um zu überleben. An einen Wiederaufbau ist noch nicht zu denken. Hunderttausende Kinder haben keinen normalen Schulbetrieb. Das Gesundheitssystem kann die vielen Kranken und Verletzten nicht angemessen versorgen.

Der Friedensplan von US-Präsident Donald Trump hatte Gaza vor einem Jahr in zwei Teile geteilt. Ein Teil sollte weiterhin von der israelischen Armee kontrolliert werden, der andere sollte wieder in zivile Hände übergehen. Doch Israel besetzt mittlerweile etwa 60 Prozent des Gebiets – mehr als im ursprünglichen Plan vorgesehen. Der Journalist Ahed Farwana sagt, dass die Besatzungsmacht den Waffenstillstand nicht eingehalten hat, weil es an internationalem Druck auf Premierminister Benjamin Netanjahu mangelt, um ihn zur Erfüllung seiner Verpflichtungen zu zwingen. Zu Trumps Plan gehörte auch die Entwaffnung der Hamas und die Einsetzung einer Übergangsregierung. Diese Regierung sitzt aber in Ägypten fest – Israel verweigert ihr die Einreise nach Gaza. Die Hamas wiederum will ihre Waffen nur abgeben, wenn die israelischen Truppen abziehen.

Netanjahu will Ende Oktober wiedergewählt werden. Im Wahlkampf setzt er auf das Thema Sicherheit. Bei einer Gedenkfeier zur Terrorattacke der Hamas am 7. Oktober sagte er, die Regierung werde den Auftrag erfüllen und alle Mörder zur Rechenschaft ziehen – es werde keine Herrschaft der Hamas in Gaza geben. Wie er die Zukunft im Gazastreifen konkret sieht, sagt er nicht. Umfragen zeigen, dass die Frage der Sicherheit entscheidend für die Wahl der meisten jüdischen Israelis sein wird. Die Situation im Gazastreifen spielt im Wahlkampf kaum eine Rolle.

Fatima Abdel-Madschid Abu Ouda wünscht sich vor allem eines: Frieden und ein normales Leben. "Der Krieg lässt uns nicht in Ruhe", sagt sie. "Wir wollen, dass der Krieg uns in Ruhe lässt. Drei Jahre unseres Lebens sind verloren gegangen. Wir wollen, dass der Krieg vorbei ist. Es reicht."

Die Waffenruhe war zunächst ein Hoffnungsschimmer, aber die Menschen wollen spürbare Verbesserungen in ihrem Alltag sehen.
— Amani Al Nauok, Internationales Rotes Kreuz in Gaza
Der Waffenstillstand wurde von der Besatzungsmacht nicht eingehalten, da es an internationalem Druck auf Netanjahu mangelte.
— Ahed Farwana, politischer Journalist im Gazastreifen
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