CDU verlor bei drei Landtagswahlen massiv: In Sachsen-Anhalt sank sie von 37,1% auf 17,2%, in Berlin erreichte sie nur 18,8% und in Mecklenburg-Vorpommern flog sie aus dem Landtag. Parteichefin Hoppermann und Ministerpräsident Voigt fordern, dass die CDU sich wieder auf Alltagsprobleme wie Heizen, Tanken und Einkaufen konzentriert, um Vertrauen zurückzugewinnen.
CDU sucht bei Klausur nach Ausweg aus der Krise nach Wahlniederlagen
Die politische Mitte beschleunigt ihre eigene Erosion
Was ist denn eigentlich passiert im September, dass die CDU jetzt in dieser Krise steckt?
Drei Landtagswahlen, drei Niederlagen. In Sachsen-Anhalt verlor die CDU fast 20 Prozentpunkte, in Berlin wurde sie Zweite, in Mecklenburg-Vorpommern flog sie ganz raus.
Aber waren das wirklich überraschende Ergebnisse, oder war die CDU schon vorher in Umfragen schwach?
Die Umfragewerte waren bereits schlecht, aber die Wahlergebnisse haben das noch verschärft. Es ging nicht nur um Zahlen – es ging um Fragen über Merz, die Koalition, den ganzen Kurs.
Und jetzt treffen sie sich zur Klausur. Was wollen sie dort erreichen?
Hoppermann sagt, es gibt keine Wunderwaffe. Sie wollen einen langfristigen Prozess starten, indem sie sich wieder den Alltagsproblemen zuwenden – Heizen, Tanken, Einkaufen.
Das klingt vernünftig. Aber Voigt und Hoppermann sagen das – bedeutet das, dass der Reformkurs von Merz das Problem ist?
Das ist unklar. Evers kritisiert Merz direkt, sagt ihm fehle Empathie. Aber ob die Partei den Reformkurs ändern wird oder nur besser kommunizieren – das werden wir sehen.
Und dieser Streit über die AfD – ist das ein separates Problem oder hängt es zusammen?
Es hängt zusammen. Radtke warnt, dass die Koalition zerbrechen könnte, wenn die Partei weiter mit sich selbst streitet. Und Weber sagt, die Brandmauer zur AfD ist selbst das Problem.
Aber Weber spricht für die CSU im EU-Parlament, nicht für die CDU in Deutschland. Wie viel Gewicht hat seine Stimme wirklich?
Das ist die Frage. Die CDU-Basis scheint eher bei Radtke zu sein – aber Weber zeigt, dass es in der Union durchaus andere Positionen gibt.
Also sitzt die CDU zwischen zwei Problemen – dem Reformkurs und der Frage, wie man mit der AfD umgeht?
Genau. Und die Klausur muss beide adressieren, ohne die Koalition zu zerstören.
Der Puls
- CDU verlor in Sachsen-Anhalt 19,9 Prozentpunkte (37,1% auf 17,2%)
- In Berlin 18,8%, in Mecklenburg-Vorpommern aus dem Landtag
- CDU-Klausur in Berlin ab Samstag für zwei Tage
- Tobias Rausch (AfD) mit vier Stimmen über AfD-BSW-Mandate hinaus zum Landtagspräsidenten gewählt
CDU verlor bei drei Landtagswahlen massiv: In Sachsen-Anhalt sank sie von 37,1% auf 17,2%, in Berlin erreichte sie nur 18,8% und in Mecklenburg-Vorpommern flog sie aus dem Landtag. Parteichefin Hoppermann und Ministerpräsident Voigt fordern, dass die CDU sich wieder auf Alltagsprobleme wie Heizen, Tanken und Einkaufen konzentriert, um Vertrauen zurückzugewinnen.
Die CDU berät auf einer Klausur über ihre Strategie nach drei Wahlniederlagen im September. Die Partei will sich wieder den Alltagsproblemen der Bürger zuwenden und ihren Reformkurs überdenken.
Die CDU sitzt in einer Krise, und das weiß die Partei selbst sehr genau. Im September verlor sie drei Landtagswahlen hintereinander – in Sachsen-Anhalt rutschte sie von einst 37,1 Prozent auf 17,2 Prozent ab, in Berlin reichte es nur noch für 18,8 Prozent und Platz zwei, in Mecklenburg-Vorpommern flog sie ganz aus dem Landtag. Die Niederlagen warfen Fragen auf: über Bundeskanzler Friedrich Merz, über die Stabilität der schwarz-roten Koalition, über den Kurs der Partei selbst. Von Samstag an will das CDU-Präsidium zwei Tage lang in Berlin beraten, wie es weitergehen soll.
Generalsekretärin Franziska Hoppermann machte schon vor Beginn der Klausur klar, dass es keine schnelle Lösung geben wird. Es gebe keine "Wunderwaffe", die "alle Probleme über Nacht wegzaubert", sagte sie der Augsburger Allgemeinen. Das Ziel müsse ein "entschlossener Auftakt" für einen langfristigen Prozess sein – die Partei müsse zeigen, dass sie die Botschaft der Wahlergebnisse verstanden habe. Thorsten Frei, Vorsitzender der Unionsfraktion im Bundestag, beschrieb die Lage im ARD-Morgenmagazin noch deutlicher: Die Rahmenbedingungen für die CDU seien "schwierig wie selten", die Herausforderungen "groß wie lange nicht".
Worin liegt die Antwort? Thüringens Ministerpräsident Mario Voigt sagt, die CDU müsse sich wieder auf das besinnen, wofür sie bei der Bundestagswahl gewählt wurde – auf die Alltagsprobleme der Menschen. Heizen, Tanken, Einkaufen: alles ist zu teuer geworden. "Wir müssen darüber reden, wie für die Menschen das Leben wieder bezahlbar wird", forderte Voigt gegenüber der Nachrichtenagentur dpa. Auch Hoppermann will diesen Weg gehen. "Wir schaffen Gerechtigkeit und Akzeptanz nur, wenn uns beides gelingt: mutige, langfristige Veränderungen für die Zukunft und spürbare, kurzfristige Verbesserungen im Alltag."
Doch hier zeigt sich bereits ein Problem. Bundeskanzler Merz hat einen Reformkurs in Gang gesetzt – mit der SPD abgestimmt, teilweise schon umgesetzt, teilweise noch geplant. Aber dieser Kurs ist umstritten, auch innerhalb der Koalition. SPD-Ministerpräsidentin Manuela Schwesig von Mecklenburg-Vorpommern kritisierte, dass die Menschen die Reformen als ungerecht empfänden. Berlins CDU-Landeschef Stefan Evers betonte gegenüber t-online, der Partei müsse es gelingen, dass die Reformen "mehr Zuversicht als Ängste vor Veränderung" auslösen. Wenige Tage zuvor hatte Evers deutliche Kritik am Bundeskanzler selbst geübt – Merz fehle es an Empathie und Nahbarkeit, sein Abrücken von Wahlversprechen wie der Schuldenbremse hinterlasse enttäuschte Hoffnungen.
Diese koalitionsinternen Querelen beunruhigen Dennis Radtke, Chef des CDU-Sozialflügels. Im Kölner Stadt-Anzeiger kritisierte er das "Zündeln, dieses Kokettieren mit einer Minderheitsregierung" – das mache ihn "fassungslos". Die Koalition müsse handlungsfähig sein. Doch Radtke sieht ein tieferes Problem: "Die politische Mitte tut gerade alles dafür, ihre eigene Erosion zu beschleunigen." In Sachsen-Anhalt denken einige CDU-Politiker laut darüber nach, aus der Fraktion auszusteigen, um etwas mit der AfD zu machen. In Berlin wollen SPD und Grüne mit Linksextremisten koalieren. Am Dienstag war der AfD-Politiker Tobias Rausch in geheimer Abstimmung zum Landtagspräsidenten gewählt worden – mit vier Stimmen mehr, als AfD und BSW zusammen haben. Es wird gemutmaßt, dass diese Stimmen aus der CDU-Fraktion kamen.
Nicht alle in der Union sehen darin einen Tabubruch. CSU-Politiker Manfred Weber fordert in der Süddeutschen Zeitung, die "Brandmauer" zur AfD aufzuweichen. "Die 'Brandmauer' im Sinne von 'die oder wir' muss Geschichte sein", sagte der Fraktionschef der Europäischen Volkspartei im Europaparlament. Im EU-Parlament stimmt die EVP-Fraktion bereits mit Parteien aus dem rechten Spektrum ab. In Deutschland sei die Brandmauer für die Union eine "Riesenbelastung", wenn sie in Landtagen mit Minderheitsregierungen ständig mit linken Parteien abstimmen müsse. Umgekehrt stelle die AfD Punkt für Punkt CDU-Inhalte zur Abstimmung – und die CDU sei gezwungen, dagegenzustimmen.
Die Klausur wird also nicht nur über Alltagsprobleme und Reformkurs sprechen müssen. Sie wird auch über die Frage entscheiden müssen, wer die CDU sein will – und mit wem sie regieren kann.
Bemerkenswerte Zitate
Es gibt keine Wunderwaffe, die alle Probleme über Nacht wegzaubert – das Ziel muss ein entschlossener Auftakt eines tiefgreifenden, langfristigen Prozesses sein— Franziska Hoppermann, Generalsekretärin der CDU
Wir müssen darüber reden, wie für die Menschen das Leben wieder bezahlbar wird— Mario Voigt, Ministerpräsident von Thüringen