Religiöse und offizielle Gedenkfeiern mit Kerzenanzündungen, Psalmen und Reden von Israels Botschafter und Bundesinnenminister prägen den Tag in Berlin. Botschafter Prosor warnt vor wachsendem Antisemitismus in Deutschland, einschließlich Boykottaufrufe, die an Nazi-Zeiten erinnern, und Diskriminierung jüdischer Musiker.
Berlin gedenkt des 7. Oktober: Andacht, Stille und politischer Streit
Man muss die jüdische Identität an der Garderobe abgeben
Was hat dich am meisten überrascht an diesem Tag – die Andacht oder der Streit?
Beides war notwendig. Die Andacht war wirklich ergreifend, aber der Streit im Bundestag war auch ehrlich. Man kann nicht so tun, als würde es keine Konflikte geben.
Aber wie viele Menschen waren denn wirklich bei den Gedenkfeiern? Die Polizei sagt "mehrere tausend" – das ist sehr vage.
Das stimmt. Auf dem Bebelplatz waren es "einige hundert", auf dem Pariser Platz weniger. Die genauen Zahlen sind nicht bekannt.
Und dieser Mann, der von verlorenen Freundschaften sprach – wie repräsentativ ist das?
Das ist eine einzelne Stimme. Aber sie zeigt, wie tief die Spaltung geht, besonders bei jungen Menschen.
Prosor warnt vor Antisemitismus, aber nennt er konkrete Zahlen oder Vorfälle?
Er spricht von Boykottaufrufen, von jüdischen Musikern, die aus Ensembles verdrängt werden. Das sind Beispiele, aber keine systematische Dokumentation.
Was bedeutet es, dass Elif Eralp beim interreligiösen Gottesdienst war, aber nicht bei Teichtal?
Das ist politisch. Sie war nicht eingeladen oder wollte nicht kommen – das Signal ist wichtig.
Aber warum war sie nicht dabei? Das wird nicht erklärt.
Nein, das bleibt offen. Es gibt da Spannungen in der Linkspartei um ihre Rolle.
Der Puls
- Etwa 1200 Menschen wurden beim Terroranschlag der Hamas am 7. Oktober 2023 getötet, rund 250 weitere als Geiseln genommen
- Zehntausende Palästinenser starben durch israelische Angriffe im Gazastreifen
- Berliner Polizei war mit etwa 1000 Beamten im Einsatz, etwa 700 mehr als an einem gewöhnlichen Wochentag
- Streit im Bundestag zwischen CDU-Politiker Jürgen Hardt und Linken-Abgeordneter Cansin Köktürk über Antisemitismus-Vorwürfe
Religiöse und offizielle Gedenkfeiern mit Kerzenanzündungen, Psalmen und Reden von Israels Botschafter und Bundesinnenminister prägen den Tag in Berlin. Botschafter Prosor warnt vor wachsendem Antisemitismus in Deutschland, einschließlich Boykottaufrufe, die an Nazi-Zeiten erinnern, und Diskriminierung jüdischer Musiker.
Berlin erinnert am dritten Jahrestag des Hamas-Terroranschlags vom 7. Oktober 2023 mit Gedenkfeiern, Gebeten und Mahnungen gegen Antisemitismus – doch der Bundestag wird zum Schauplatz heftiger politischer Konfrontationen.
Berlin gedachte am Mittwoch des dritten Jahrestags des Terroranschlags vom 7. Oktober 2023 mit einer Mischung aus religiöser Andacht, stiller Trauer und scharfen politischen Konfrontationen. Der Tag begann in der Chabad-Synagoge in Wilmersdorf, wo Kantor Arie Zaloshinsky das hebräische Lied "Ani MaAmin" – "Ich glaube" – anstimmte. Das Lied, das einst in Viehwagen gesungen wurde, als Juden in der Nazi-Zeit zur Vernichtung nach Auschwitz transportiert wurden, stand diesmal im Gedenken an die etwa 1200 Menschen, die beim Hamas-Angriff auf Israel ermordet wurden.
Rabbiner Yehuda Teichtal eröffnete ein "Gedenk- und Toleranzgebet" mit führenden Vertretern der Berliner Landespolitik. Hunderte Polizeifahrzeuge sicherten die Synagoge. Teichtal verlas Namen der Ermordeten und beschwor die Solidarität, die Berlin in den Tagen nach dem Anschlag gezeigt hatte. "Wir werden uns nie unterkriegen lassen", sagte er, "aber wir schaffen das nicht alleine." Israels Botschafter Ron Prosor begann seine Rede mit der genauen Uhrzeit des Anschlags – 6:28 Uhr nach israelischer Zeit – und warnte vor wachsendem Antisemitismus auf Deutschlands Straßen. Es gebe wieder Boykottaufrufe, die an das "Kauft nicht bei Juden" der Nazi-Zeit erinnerten. Jüdische Musiker würden aus Ensembles verdrängt. Jüdische Familien schickten ihre Kinder aus Angst auf jüdische Schulen. "Man muss die jüdische Identität an der Garderobe abgeben, damit man akzeptiert wird", sagte Prosor.
Parallel zur Synagogenfeier bauten Mitglieder der Jüdischen Studierenden Union auf dem Pariser Platz vor dem Brandenburger Tor leere Stühle auf, gedeckte Tische mit Fotos der Ermordeten und roten Papierblumen. "Kein Vergeben. Kein Vergessen", stand auf einem großen Transparent. An diesem Ort, wo sonst Touristen Selfies machen, blieben Passanten stehen. Ein junger Mann mit seiner Familie legte weiße Rosen auf die Teller. Er berichtete der Deutschen Welle, dass der Antisemitismus derzeit "von allen Seiten so krass zunimmt", besonders bei der gesellschaftlichen Linken. Progressive Kräfte würden "leugnen, was am 7. Oktober passiert ist, und keine Empathie zeigen". Er habe viele Freundschaften verloren.
Am Nachmittag versammelten sich mehrere hundert Menschen auf dem Bebelplatz, jenem Ort, an dem 1933 die Bücherverbrennung stattgefunden hatte. Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) war einer der Hauptredner. Er berichtete von seinem Besuch im Kibbuz Be'eri, einem der am schlimmsten betroffenen Orte, wo er Videobilder aus den Bodycams der Mörder gesehen hatte. Seine Stimme brach, als er von diesem Besuch sprach. "Jüdisches Leben gehöre zu Deutschland. Wer das nicht akzeptiere, kann kein Teil Deutschlands sein", sagte Dobrindt und erhielt ungewöhnlich langen Applaus.
Doch im Bundestag eskalierte der Ton dramatisch. Der CDU-Politiker Jürgen Hardt warf der Linken-Abgeordneten Cansin Köktürk Antisemitismus vor, nachdem diese Israel in einem Video als "genozidalen Apartheitsstaat" beschimpft hatte. Hardt sagte, sie gehöre eigentlich in die AfD-Fraktion. Köktürk kündigte an, anwaltlich gegen ihn vorgehen zu wollen. Der Streit war symptomatisch für die gegenwärtige Debatte in Deutschland über Antisemitismus und die Haltung der Linkspartei.
Das Gedenken war auch geprägt von der Spannung zwischen dem Terroranschlag und seinen Folgen. Redner sprachen immer wieder vom Krieg Israels gegen Gaza, in dem zehntausende Palästinenser durch israelische Angriffe starben und viele weitere verletzt wurden. Am Abend fand ein interreligiöser Gottesdienst in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche statt, an dem evangelische und katholische Bischöfe, ein Rabbiner und ein Imam teilnahmen. Auch Elif Eralp, die Wahlsiegerin der Linken bei der Landtagswahl im September, war anwesend – eine Figur, um deren Rolle in der Stadt heftig gestritten wird.
Die Berliner Polizei war mit etwa tausend Beamten im Einsatz, etwa 700 mehr als an einem gewöhnlichen Wochentag. Polizeisprecher Florian Nath berichtete, dass mehrere tausend Menschen an den verschiedenen Gedenkveranstaltungen teilnahmen, "alles störungsfrei". In die abendliche Dunkelheit hinein wurde die israelische Flagge auf das Brandenburger Tor projiziert – wie am Abend des 7. Oktober 2023, als israelische Sicherheitskräfte noch gegen Terroristen kämpften, und wie an den Jahrestagen 2024 und 2025. Es war eine seltene Geste, als würde die Stadt Berlin ihre gute Stube Freunden überlassen.
Bemerkenswerte Zitate
Wir werden uns nie unterkriegen lassen. Never ever. Aber wir schaffen das nicht alleine.— Rabbiner Yehuda Teichtal
Jüdisches Leben gehöre zu Deutschland. Wer das nicht akzeptiere, kann kein Teil Deutschlands sein.— Bundesinnenminister Alexander Dobrindt