Wie die Schwedische Akademie den Literaturnobelpreis vergibt

Die Akademie behält ihre Entscheidungskriterien am liebsten für sich.
Ein Jahrhundert Geheimhaltung schützt die Unabhängigkeit des Nobelkomitees, macht aber Transparenz unmöglich.
Mark

Warum dauert es so lange, bis die Nominierungslisten veröffentlicht werden? 50 Jahre sind eine ganze Generation.

Mimi

Die Akademie schützt damit ihre Unabhängigkeit. Wenn die Namen sofort bekannt wären, würde enormer Druck entstehen — von Verlagen, von Regierungen, von Interessengruppen. Die Geheimhaltung gibt ihr Raum zu entscheiden, ohne sich rechtfertigen zu müssen.

Luke

Aber das bedeutet auch: Wir wissen nicht, ob die Akademie wirklich nach den Kriterien entscheidet, die sie öffentlich nennt. Wir können das erst überprüfen, wenn die Entscheidungsträger längst tot sind.

Mark

Gisèle Sapiro sagt, dass Übersetzungen ins Englische, Französische und Deutsche entscheidend sind. Bedeutet das, dass Autoren aus kleineren Sprachräumen benachteiligt sind?

Mimi

Ja, das ist ein strukturelles Problem. Wenn dein Werk nicht in diese drei Sprachen übersetzt ist, hast du praktisch keine Chance. Das bevorzugt Autoren aus wohlhabenderen Ländern, die sich Übersetzungen leisten können.

Luke

Wobei Sapiro selbst sagt, dass Abdulrazak Gurnah 2021 den Preis erhielt, obwohl seine Werke noch nicht auf Deutsch vorlagen. Das ist eine Ausnahme — aber sie zeigt, dass die Regel nicht absolut ist.

Mark

Nur 33 von 122 Preisträgern stammen nicht aus Europa. Das ist weniger als ein Drittel. Ist das Zufall?

Mimi

Nein. Die Akademie ist europäisch geprägt, ihre Mitglieder sind überwiegend europäisch sozialisiert. Sie lesen, was sie kennen. Das ist menschlich, aber es hat Konsequenzen für die globale Literatur.

Luke

Allerdings: Bob Dylan 2016 war ein Amerikaner, und in den letzten acht Jahren hat sich die Geschlechterverteilung deutlich verbessert. Die Akademie scheint zu lernen — nur eben sehr langsam.

Mark

Anne Carson ist Kanadierin. Passt sie in die Muster, die Sapiro beschreibt?

Mimi

Das werden wir erst wissen, wenn die Nominierungslisten in 50 Jahren freigegeben werden. Aber Carson ist vielfach übersetzt, hat andere Preise gewonnen, ihre Werke sind international anerkannt. Sie erfüllt die Kriterien, die die Akademie nennt.

Luke

Oder die Akademie hat diesmal andere Kriterien angewendet, die sie nicht nennt. Das ist der Punkt: Wir können nicht überprüfen, ob die öffentliche Begründung der Realität entspricht.

  • Anne Carson aus Kanada erhält den Literaturnobelpreis 2026
  • Die Schwedische Akademie besteht aus 18 Mitgliedern
  • Nominierungslisten werden erst nach 50 Jahren veröffentlicht
  • Nur 33 von 122 Preisträgern stammen nicht aus Europa
  • Frauen machen 14,9 Prozent aller Nobelpreisträger aus

Anne Carson aus Kanada wurde zur Literaturnobelpreisträgerin 2026 ernannt, nach einem mehrstufigen Auswahlprozess, der ein Jahr zuvor begann. Die Schwedische Akademie berücksichtigt Übersetzungen ins Englische, Französische und Deutsche sowie andere Literaturpreise bei ihrer Entscheidung.

Die kanadische Schriftstellerin Anne Carson gewinnt den Literaturnobelpreis 2026. Ein Blick auf den geheimen Auswahlprozess der Schwedischen Akademie zeigt: Übersetzungen und politische Faktoren spielen eine wichtige Rolle.

Am Donnerstagmittag um 13 Uhr mitteleuropäischer Zeit verkündete Ingrid Carlberg, die neue Ständige Sekretärin der Schwedischen Akademie, vor versammelter Presse die Entscheidung: Die kanadische Schriftstellerin Anne Carson erhält den Literaturnobelpreis 2026. Damit endete ein Auswahlprozess, der ein Jahr zuvor in Bewegung gesetzt worden war — ein Verfahren, das die Literaturwelt jährlich aufs Neue in Spannung versetzt und das doch in seinen Grundzügen weitgehend verborgen bleibt.

Die Schwedische Akademie selbst, ein Gremium aus 18 Mitgliedern — Schriftstellerinnen und Schriftsteller, Professorinnen und Professoren, Intellektuelle — trägt die Verantwortung für die Vergabe. Im September des Vorjahres beginnt der formale Prozess: Das Nobelkomitee der Akademie versendet Formulare an Hunderte von Personen und Organisationen, die berechtigt sind, Kandidaten vorzuschlagen. Dazu gehören Literaturwissenschaftler und Sprachwissenschaftler an Universitäten, frühere Nobelpreisträger sowie Vorsitzende von Autorenverbänden, die das literarische Schaffen ihrer Länder repräsentieren. Wer zu diesen Gruppen gehört, aber kein Formular erhielt, darf trotzdem einen Vorschlag einreichen. Die Liste der Nominierten kann bis zu 200 Namen pro Jahr umfassen, wie die Forschungsdirektorin Gisèle Sapiro vom Centre National de la recherche scientifique erklärt, die sich mit der globalen Wirkung des Nobelpreises auf Literaturzirkulation und Übersetzungsmärkte befasst. Das Komitee kann auch eigenständig Namen hinzufügen, etwa solche, die bereits in früheren Jahren nominiert wurden.

Im Frühjahr folgt dann ein mehrstufiger Auswahlprozess: Das Nobelkomitee wählt fünf Namen aus, die es der Akademie vorlegt. Über den Sommer lesen die Akademiemitglieder die Werke dieser fünf Kandidaten und diskutieren untereinander. Anfang Oktober fällt die endgültige Entscheidung. Welche Kriterien die Akademie dabei anwendet, behält sie für sich — ein Geheimnis, das sie bewahrt wie ein Tresor. Die Nominierungslisten werden erst nach 50 Jahren der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Manchmal vergeht zwischen erster Nominierung und Preisverleihung viel Zeit: Die britische Schriftstellerin Doris Lessing etwa wurde 2007 ausgezeichnet, 35 Jahre nachdem sie erstmals nominiert worden war.

Alfred Nobel, der Stifter des Preises, hatte in seinem Testament festgelegt, dass ausgezeichnet werden solle, wer "das Vorzüglichste in idealistischer Richtung geschaffen hat" — eine Formulierung, die großen Raum für Interpretation lässt. Nach Sapiros Forschung zielt die Akademie darauf ab, anspruchsvolle Literatur zu ehren, die einflussreich ist und etwa neue Strömungen begründet hat. Das Werk muss universell sein, über die eigene Kultur hinausreichen. Ein zentraler Maßstab dafür sind Übersetzungen: Sapiro hat festgestellt, dass alle Nobelpreisträger seit 1990 zuvor ins Englische, Französische und Deutsche übersetzt worden waren — mit einer Ausnahme: Abdulrazak Gurnah, der tansanisch-britische Preisträger von 2021, dessen Werke bis dahin noch nicht auf Deutsch vorlagen. Diese drei Sprachen sind also entscheidend. Auch andere große Literaturpreise wie der International Man Booker Prize, der Cervantes-Preis oder der Büchner Preis wirken sich förderlich aus.

Politische Faktoren spielen ebenfalls eine Rolle. Mehrfach wurden Schriftstellerinnen und Schriftsteller ausgezeichnet, die in offener Opposition zu den Regimen ihrer Heimatländer standen — etwa 2015 die Belarusin Swetlana Alexijewitsch, eine scharfe Kritikerin des Machthabers Alexander Lukaschenko. Das Genre hingegen ist irrelevant: Preisträger wurden für Romane, Lyrik und Theaterstücke geehrt, und im Falle Alexijewitschs für ihre eigene literarische Gattung der dokumentarischen Stimmencollage. 2016 erhielt der US-amerikanische Singer-Songwriter Bob Dylan den Preis für seine Liedtexte — ein Zeichen dafür, dass die Akademie bereit ist, ihre Grenzen zu verschieben.

Doch die Statistik offenbart Ungleichgewichte. Von insgesamt 122 Preisträgern stammen nur 33 nicht aus Europa. Bei der Geschlechterverteilung ist das Missverhältnis noch deutlicher: Erst in den vergangenen acht Jahren wechselten sich Frauen und Männer regelmäßig ab, was den prozentualen Anteil der Frauen an der Gesamtzahl der Preisträger auf 14,9 Prozent erhöhte. Die Entscheidung für Anne Carson markiert einen weiteren Schritt in dieser Entwicklung — doch die Akademie wird ihre genauen Gründe für diese Wahl noch ein Jahrhundert lang für sich behalten.

Die Liste der Nominierten kann bis zu 200 Namen pro Jahr umfassen
— Gisèle Sapiro, Forschungsdirektorin am Centre National de la recherche scientifique
Alle Preisträger seit 1990 waren zuvor ins Englische, Französische und Deutsche übersetzt worden
— Gisèle Sapiro
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