Die USA frieren IStGH-Vermögenswerte ein und verbieten Transaktionen mit dem Gericht, um zu verhindern, dass US-Bürger verfolgt werden. Washington reagiert besonders auf Haftbefehle gegen israelische Regierungsvertreter und frühere Ermittlungen gegen US-Soldaten in Afghanistan.
USA unter Trump: Friedensnobelpreisträgerin nennt US-Sanktionen „inakzeptabel“
Sanktionen gegen Richter wegen ihrer Anordnungen sind beispiellos
Warum hat Trump diese Sanktionen gerade jetzt, unmittelbar nach Pillays Nobelpreis, angekündigt? Das wirkt fast wie eine bewusste Provokation.
Es ist tatsächlich bemerkenswert im Timing. Aber die Sanktionen selbst sind nicht neu – die USA haben bereits einzelne Richter und Ankläger sanktioniert. Diese neuen Maßnahmen sind eine Eskalation, und ja, sie kommen zu einem symbolisch aufgeladenen Moment. Pillay wird für ihre Menschenrechtsarbeit geehrt, und gleichzeitig wird die Institution, der sie angehörte, unter Druck gesetzt.
Wir sollten hier präzise sein: Trump sagt, er wolle verhindern, dass US-Bürger verfolgt werden. Das ist die offizielle Begründung. Aber die Haftbefehle gegen israelische Regierungsvertreter – das ist das, was Washington wirklich stört. Die Ermittlungen gegen US-Soldaten in Afghanistan wurden bereits eingestellt. Also geht es hier um Israel-Politik, nicht um den Schutz von Amerikanern.
Das ist fair. Die Haftbefehle gegen Netanjahu und andere israelische Offizielle sind der Kern des Problems für diese Administration. Und Pillay hat genau das angesprochen – dass Sanktionen gegen Richter wegen ihrer Anordnungen beispiellos sind.
Was bedeutet das praktisch für den IStGH? Kann er noch arbeiten?
Das ist die große Frage. Hunderte Mitarbeiter fühlen sich bedroht. Einige Amerikaner haben bereits gekündigt. Das Gericht wird weiterarbeiten, aber mit weniger Ressourcen und unter Druck. Unternehmen, die Dienstleistungen erbringen, könnten abspringen aus Angst vor US-Sanktionen.
Aber es gibt eine temporäre Lizenz bis April 2027, die Geschäfte mit dem Gericht erlaubt. Das ist ein Schlupfloch. Und die EU hat gesagt, sie will weiterhin mit dem IStGH zusammenarbeiten. Also ist das Gericht nicht völlig isoliert – nur unter erheblichem Druck.
Wie reagiert der Rest der Welt?
Kritisch. Deutschland, die EU, der UN-Generalsekretär – alle sehen das als Angriff auf die internationale Rechtsstaatlichkeit. Aber konkrete Gegenmaßnahmen? Das ist noch unklar. Die EU hofft auf Dialog.
Das ist wichtig: Es gibt Kritik, aber keine koordinierte Gegenaktion. Das zeigt auch die Grenzen der europäischen Macht gegenüber den USA.
Der Puls
- USA frieren IStGH-Vermögenswerte ein und verbieten Transaktionen mit dem Gericht
- Sanktionen angekündigt Stunden nach Navanethem Pillays Friedensnobelpreis
- Hunderte IStGH-Mitarbeiter fühlen sich bedroht; mehrere US-Angestellte haben gekündigt
- IStGH hat 125 Mitgliedstaaten, darunter alle EU-Länder und NATO-Mitglieder außer USA und Türkei
- Temporäre Lizenz für Geschäfte mit dem Gericht bis 7. April 2027
Die USA frieren IStGH-Vermögenswerte ein und verbieten Transaktionen mit dem Gericht, um zu verhindern, dass US-Bürger verfolgt werden. Washington reagiert besonders auf Haftbefehle gegen israelische Regierungsvertreter und frühere Ermittlungen gegen US-Soldaten in Afghanistan.
Die USA haben umfassende Sanktionen gegen den Internationalen Strafgerichtshof verhängt, nur Stunden nachdem die ehemalige IStGH-Richterin Navi Pillay den Friedensnobelpreis erhielt. Pillay kritisierte die Maßnahmen als "beispiellos und inakzeptabel".
Am Freitag, nur wenige Stunden nachdem die Friedensnobelpreis-Jury ihre Entscheidung verkündet hatte, kündigte die Trump-Administration umfassende Sanktionen gegen den Internationalen Strafgerichtshof an. Das Außenministerium erklärte, die USA würden alle Transaktionen mit dem Gericht in Den Haag untersagen, seine Vermögenswerte einfrieren und seine Handlungsfähigkeit gezielt schwächen. Außenminister Marco Rubio sprach von einem "Schurkengericht" und betonte, dass Präsident Trump niemals zulassen werde, dass die Institution US-Bürger verfolge.
Die Preisträgerin selbst, Navanethem Pillay, reagierte noch am selben Tag in einer Videoschalte vom Nobel-Friedenszentrum in Oslo. Sie nannte die Sanktionen "beispiellos und inakzeptabel". Pillay, die selbst jahrelang als Richterin am IStGH tätig war, beschrieb die unmittelbare Auswirkung auf die Belegschaft: Hunderte Mitarbeiter fühlten sich bedroht, und mehrere US-amerikanische Angestellte hätten ihre Positionen bereits aufgegeben. Sie kritisierte besonders scharf, dass ein Land Sanktionen gegen Richter verhängt habe, "nur wegen der Anordnungen, die sie erlassen haben".
Washington begründet seinen Schritt hauptsächlich mit zwei Punkten. Erstens mit den Haftbefehlen, die der IStGH im vergangenen Jahr gegen israelische Regierungsvertreter, darunter Ministerpräsident Benjamin Netanjahu, erlassen hat. Zweitens mit früheren Ermittlungen des Gerichts gegen mutmaßliche Verbrechen von US-Soldaten in Afghanistan – diese Untersuchungen wurden zwar inzwischen eingestellt, doch Washington sieht darin einen Präzedenzfall, den es verhindern will.
Die stellvertretende Anklägerin des IStGH, Nazhat Shameem Khan, wies die Vorwürfe zurück. Sie erklärte gegenüber Reuters, die Sanktionen zielten darauf ab, "die internationale Rechtsstaatlichkeit und die Arbeit einer unabhängigen Justizinstitution zu untergraben". Gleichzeitig versicherte sie, dass die Arbeit des Gerichts in allen laufenden Verfahren, Ermittlungen und Strafverfolgungen fortgesetzt werde.
Die internationale Reaktion fiel überwiegend kritisch aus. Die EU-Kommission äußerte Besorgnis und kündigte an, weiter mit dem Gericht zusammenarbeiten zu wollen. Deutschland und sieben weitere Staaten verurteilten die Sanktionen direkt. Bundesjustizministerin Stefanie Hubig (SPD) erklärte: "Heute ist ein finsterer Tag für das internationale Recht und die Idee einer regelbasierten Weltordnung." UN-Generalsekretär António Guterres teilte über seinen Sprecher mit, er sei "zutiefst beunruhigt über die erwarteten Auswirkungen" der Maßnahmen.
Die neuen Sanktionen gehen deutlich weiter als frühere Maßnahmen gegen einzelne Richter und Ankläger. Sie könnten auch Unternehmen treffen, die Dienstleistungen für das Gericht erbringen. Das US-Finanzministerium hat eine temporäre Lizenz ausgestellt, die es Unternehmen erlaubt, mit dem IStGH Geschäfte zu tätigen – allerdings nur bis zum 7. April 2027. Rubio hatte zuvor erklärt, die USA hätten mit den Sanktionen gewartet, in der Hoffnung, dass der IStGH und die Vertragsstaaten des Römischen Statuts die Bedenken Washingtons ausräumen würden. Dies sei jedoch nicht geschehen.
Der 2002 gegründete Internationale Strafgerichtshof hat 125 Mitgliedstaaten, darunter alle EU-Länder und alle NATO-Mitglieder mit Ausnahme der USA und der Türkei. Seine Aufgabe ist die Verfolgung von Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Völkermord. Mit den Sanktionen setzt die Trump-Administration ein deutliches Zeichen gegen eine Institution, die sie als Bedrohung für amerikanische Interessen betrachtet – und riskiert damit einen weiteren Bruch mit dem internationalen Rechtssystem.
Bemerkenswerte Zitate
Es gibt Hunderte Mitarbeiter, die sich bedroht fühlen. Manche der Angestellten, die aus den USA kommen, sind ausgestiegen. Ein Land hat Sanktionen gegen die Richter verhängt, nur wegen der Anordnungen, die sie erlassen haben. Das ist beispiellos und inakzeptabel.— Navanethem Pillay, Friedensnobelpreisträgerin und ehemalige IStGH-Richterin
Heute ist ein finsterer Tag für das internationale Recht und die Idee einer regelbasierten Weltordnung.— Stefanie Hubig, Bundesjustizministerin (SPD)