Ukrainische Bahnmitarbeiter fahren täglich ins Ungewisse

Bahnmitarbeiter und Passagiere sind täglich Beschuss ausgesetzt; psychische Belastung durch ständige Evakuierungen und Todesgefahr.
Wir fahren ins Ungewisse. Wir haben keine andere Wahl.
Zugchef Serhii Kovalschuk beschreibt die tägliche Realität der ukrainischen Bahnmitarbeiter unter russischen Angriffen.
Mark

Warum fahren diese Menschen überhaupt noch? Es gibt doch andere Jobs.

Mimi

Weil die Bahn funktionieren muss. Menschen müssen reisen, Güter müssen transportiert werden. Und diese Mitarbeiter sehen das als ihre Aufgabe — trotz der Gefahr.

Luke

Aber das ist auch eine Frage der Wahl. Denys sagt, er hat diesen Job gewählt. Das ist wahr, aber unter welchen Bedingungen? Wenn die Alternative ist, dass die ganze Infrastruktur zusammenbricht, ist das wirklich eine freie Wahl?

Mark

Was passiert, wenn die Bahn nicht mehr fährt?

Mimi

Dann können Menschen nicht mehr fliehen, Verwundete nicht mehr transportiert werden, die Wirtschaft kollabiert weiter. Die Bahn ist kritische Infrastruktur.

Luke

Das ist wichtig zu verstehen. Es geht nicht um Heldentum — es geht um Notwendigkeit. Und die Frage ist: Wie lange hält das System, wenn jeden Tag drei bis fünf Lokomotiven zerstört werden?

Mark

Können sie die schnell genug reparieren?

Mimi

Nein. Die Reparatur dauert Jahre. Das ist das eigentliche Problem. Russland zerstört schneller, als die Bahn reparieren kann.

Luke

Und das ist auch das, worauf Russland abzielt. Es ist nicht nur Zerstörung — es ist eine Strategie, den Betrieb zum Erliegen zu bringen.

Mark

Wie lange geht das noch gut?

Mimi

Das weiß niemand. Aber die Menschen fahren weiter, weil sie müssen.

Luke

Und weil sie keine andere Wahl haben. Das ist der Unterschied zwischen Mut und Notwendigkeit.

  • Über 520 Lokomotiven seit Kriegsbeginn beschädigt oder zerstört; über 300 allein seit Jahresanfang
  • Russland greift gezielt Lokomotiven an; täglich können drei bis fünf Loks verloren gehen
  • Evakuierungen werden eingeleitet, wenn Drohnen etwa zehn Minuten entfernt sind
  • Rund 400 Wagons wurden beschädigt; Reparaturen können Jahre dauern

Lokführer und Zugbegleiter riskieren täglich ihr Leben, um Züge sicher zu betreiben und Passagiere zu evakuieren. Russland hat seit Kriegsbeginn über 520 Lokomotiven zerstört; im Winter intensivierten sich die Angriffe dramatisch.

Ukrainische Eisenbahnmitarbeiter fahren täglich unter Beschuss durch Drohnen- und Raketenangriffen. Seit Jahresanfang wurden über 300 Lokomotiven beschädigt oder zerstört.

Kurz vor acht Uhr morgens am Kiewer Bahnhof rollt der Nachtzug aus Charkiw pünktlich ein. In wenigen Minuten wird Lokführer Denys das Führerhaus besteigen und seinen Zug in Richtung Polen bringen — eine Fahrt, die unter normalen Umständen Routine wäre. Aber nichts an dieser Route ist normal. Die russische Armee hat Lokomotiven ins Visier genommen, und jede Fahrt ist ein Durchgang durch unbekannte Gefahren. "Man kann sich auf die Gefahr nicht vorbereiten", sagt Denys. "Du kannst nur versuchen, innerlich Abstand zu der Situation zu bekommen. Und in Deinem Herzen darauf vertrauen, dass alles gut laufen wird."

Denys hat sich an die ständige Bedrohung gewöhnt, wie er sagt. Im Schlafwagen des Zuges kann man die Füße hochlegen, aber wer aufmerksam ist, hält die Luftalarm-App im Blick und das Gepäck griffbereit — für den Fall, dass der Zug evakuiert werden muss. Zugchef Serhii Kovalschuk formuliert es deutlicher: "Wenn wir losfahren, wissen wir nicht, ob wir auch wieder nach Hause kommen. Wir fahren ins Ungewisse." Er hat bereits erlebt, wie ein Güterzug neben ihm in die Luft flog — er war mit Sprengstoff beladen. Glücklicherweise wurde der Zug rechtzeitig geräumt, niemand kam zu Schaden.

Die Zahlen hinter diesen Erfahrungen sind beeindruckend. Seit Beginn des Angriffskriegs vor vier Jahren hat Russland mehr als 520 Lokomotiven der ukrainischen Bahn beschädigt oder vollständig zerstört. Allein seit Jahresanfang sind es über 300. Im Winter verschärfte sich die Lage dramatisch — die russische Armee begann, gezielt Lokomotiven zu jagen. "Jeden Tag können wir drei, vier, fünf Loks verlieren. Das ist schon Routine", sagt Bahn-Sprecher Serhii Leschenko. "Russland will den Betrieb der Ukrainischen Bahn zum Stillstand bringen." Hinzu kommen rund 400 beschädigte Wagons. Die Reparatur von Lokomotiven ist aufwändig und kann Jahre dauern.

Um den Fahrplan aufrechtzuerhalten, hat die Bahn ein System entwickelt: Sie verfolgt Drohnen und Raketen im Anflug. Wenn ein Flugkörper etwa zehn Minuten entfernt ist, wird die Evakuierung des Zuges angekündigt. Das kommt bei Passagieren nicht immer gut an, besonders nicht im Winter, mitten in der Nacht. Zugbegleiterin Oksana muss dann mit Überzeugungsarbeit arbeiten. "Wir sagen den Leuten: Bitte, es geht um Ihr Leben, verlassen Sie den Zug!", erzählt sie. "Irgendwann versteht es jeder, keiner bleibt im Zug zurück." Die ständigen Evakuierungen führen zu massiven Verspätungen. Das Team funktioniert wie eine große Familie, sagt Oksana, aber Ruhepausen sind selten.

Auf dieser Fahrt nach Lwiw gibt es Glück: Nach sechseinhalb Stunden Ankunft ohne Störungen, ohne Verspätung. Ein Reisender aus Charkiw, auf dem Weg zu seiner Tochter nach Koblenz, nimmt es gelassen. "In Charkiw werden wir jeden Tag beschossen. Hier eine Explosion, dort ein Einschlag. Daran sind wir gewöhnt." Noch zwei bis drei Stunden bis zur polnischen Grenze. Dann vier Stunden Aufenthalt im NATO-Land — vier Stunden in Sicherheit. Für Denys und sein Team ist das die einzige Pause, bevor es zurück ins Ungewisse geht.

Wenn wir losfahren, wissen wir nicht, ob wir auch wieder nach Hause kommen. Wir fahren ins Ungewisse.
— Zugchef Serhii Kovalschuk
Jeden Tag können wir drei, vier, fünf Loks verlieren. Das ist schon Routine. Russland will den Betrieb der Ukrainischen Bahn zum Stillstand bringen.
— Bahn-Sprecher Serhii Leschenko
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