Steinmeiers Staatsbesuch: Deutsch-französische Partnerschaft unter Druck von rechts

Das früher selbstbewusste Deutschland sei sich selbst nicht mehr sicher
Frankreichs Botschafter beschreibt einen fundamentalen Wandel in Deutschland seit Kriegsbeginn.
Mark

Warum ist dieser Staatsbesuch gerade jetzt so wichtig?

Mimi

Weil beide Länder unter Druck stehen – von rechts, von außen, von innen. Steinmeier besucht nicht einfach einen stabilen Partner. Er besucht ein Land, dessen Präsident nächstes Jahr nicht mehr kandidieren darf, und eine Regierung, die möglicherweise von einer Rechtsnationalistin abgelöst wird.

Luke

Aber wie konkret ist diese Gefahr wirklich? Le Pen führt in Umfragen, ja – aber Umfragen sind nicht Wahlen. Und selbst wenn sie gewinnt, sagt Seidendorf, dass es Schwierigkeiten gibt, aber keine Katastrophe.

Mark

Was versteckt sich hinter dieser Unterscheidung zwischen Schwierigkeiten und Katastrophe?

Mimi

Le Pen könnte ihre erste Auslandsreise nicht nach Berlin machen. Ministerräte könnten ausfallen. Verhandlungen würden schwieriger. Das ist real und schmerzhaft für die Zusammenarbeit.

Luke

Aber das ist auch nicht das Ende der Beziehung. Seidendorf sagt selbst, dass es Städtepartnerschaften, Schüleraustausch, zivilgesellschaftliche Verbindungen gibt, die unabhängig von Wahlen bestehen.

Mark

Also ist die tiefere Frage: Kann eine Freundschaft zwischen Ländern Wahlergebnisse überstehen?

Mimi

Genau. Und die Antwort scheint zu sein: ja, aber mit Rissen. Delattre sagt, es gibt keine zwei Länder mit engeren Beziehungen. Das ist nicht nichts.

Luke

Wobei wir auch sehen müssen: Die praktischen Probleme sind schon da. FCAS ist gescheitert, MGCS ist gescheitert. Das sind nicht hypothetische Szenarien – das ist jetzt passiert, unter Regierungen, die sich noch verstehen.

  • Steinmeiers Besuch ist der erste eines deutschen Staatsoberhauptes seit 2013
  • AfD führt in deutschen Umfragen, Le Pen hat gute Chancen auf Präsidentschaft im Frühjahr 2027
  • Zwei deutsch-französische Rüstungsprojekte (FCAS, MGCS) sind gescheitert
  • Macron bietet Deutschland Schutz unter französischem Nuklearschirm an

Deutschlands CDU und Frankreichs Macron-Regierung verlieren an Einfluss, während die AfD und Marine Le Pens Rassemblement National in Umfragen führen. Zwei prestigeträchtige deutsch-französische Rüstungsprojekte sind gescheitert, doch Macron bietet Deutschland Schutz unter Frankreichs Nuklearschirm an.

Bundespräsident Steinmeier besucht Frankreich in einer Zeit, in der beide Länder von rechten Parteien unter Druck stehen und ihre europäische Zusammenarbeit gefährdet ist.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier tritt diese Woche eine Reise nach Frankreich an – sein Besuch in Paris und Bordeaux vom 7. bis 9. Oktober ist der erste eines deutschen Staatsoberhauptes seit 2013, damals noch unter Joachim Gauck. Doch während Gaucks Reise in einer Zeit relativer Stabilität stattfand, besucht Steinmeier ein Europa im Krieg. Russland bedroht beide Länder als Unterstützer der Ukraine. Und im Inneren haben sich die Machtverhältnisse verschoben – nicht dramatisch genug, um die Regierungen zu stürzen, aber deutlich genug, um die Zusammenarbeit zu erschweren.

In Deutschland hat die CDU unter Bundeskanzler Friedrich Merz im September erhebliche Wahlverluste erlitten. Die AfD, in Teilen rechtsextrem, führt seit Monaten in bundesweiten Umfragen. In Frankreich regiert Emmanuel Macron mit einer zentrischen Minderheitsregierung – und er kann bei der Präsidentschaftswahl im kommenden Frühjahr nicht erneut antreten. Marine Le Pen vom rechtsnationalen Rassemblement National hat nach Umfragen gute Chancen, nächste Präsidentin zu werden. Beide Parteien, AfD wie RN, sind europaskeptisch und betonen nationale Interessen vor europäischen.

Stefan Seidendorf, stellvertretender Direktor des Deutsch-Französischen Instituts in Ludwigsburg, beschreibt die Folge präzise: In beiden Ländern dominiert innenpolitisches Kalkül den Raum. Regierungen trauen sich nicht mehr – oder haben nicht die Handlungsspielräume – für weitreichende europäische Initiativen. Was lange selbstverständlich war, die deutsch-französische Partnerschaft als Motor der Europäischen Union, ist das nicht mehr. Frankreichs Botschafter in Berlin, François Delattre, geht noch weiter. Er sagt, Frankreich habe das Ausmaß der Schocks für Deutschland unterschätzt. Seit Kriegsbeginn in der Ukraine hat Deutschland nicht nur den Schock des Krieges selbst erlebt, sondern auch schwierigere Energieversorgung, Deindustrialisierung, wirtschaftliche Konkurrenz aus China, die Trump-Administration in den USA und innenpolitisch den Aufstieg der AfD. Das früher selbstbewusste Deutschland, sagt Delattre, sei sich selbst nicht mehr sicher. Es habe Zweifel und Ängste. Das sei neu für viele Franzosen.

Die praktischen Probleme sind greifbar. Zwei prestigeträchtige deutsch-französische Rüstungsprojekte sind vor wenigen Wochen gescheitert: das Kampfflugzeugprojekt FCAS wurde offiziell beendet, das Panzerprojekt MGCS de facto aufgegeben, weil die gemeinsame Entwicklung einer Fahrzeugplattform endete. Jahre der Investition, zwei Prestigeprojekte weg. Doch es gibt auch Lichtblicke. Nachdem das Kampfflugzeugprojekt scheiterte, einigten sich die Länder auf etwas Weitreichendes: Macrons Angebot einer Ausweitung des französischen Nuklearschutzes auf Deutschland, und die Bundesregierung reagierte positiv. Damit verbunden sind gemeinsame europäische Rüstungsprojekte bei Fernaufklärung und Präzisionswaffensystemen. Allerdings bleibt der Nuklearschirm, wie Seidendorf betont, letztlich in französischer Hand.

Auf diplomatischem Parkett gibt es Dissonanzen. Macrons Vorstoß zur Anerkennung eines palästinensischen Staates stieß in Berlin auf große Vorbehalte. Deutschland sieht die Sicherheit Israels als Staatsräson – eine deutsche Anerkennung Palästinas bleibt undenkbar. Auf europäischer Ebene drängt Frankreich seit langem auf gemeinsame Euro-Anleihen und europäische Schulden. Die Bundesregierung hat zwar selbst riesige neue Schulden aufgenommen, aber auf nationaler Ebene. Auf europäischer Ebene befürchtet Berlin, für Frankreichs Schuldenberg einstehen zu müssen. Daher sperrt sich die Bundesregierung gegen eine deutliche Erhöhung des mehrjährigen EU-Haushalts.

Bundeskanzler Merz hatte nach seinem Wahlsieg 2025 großen Wert auf ein Signal Richtung Frankreich gelegt und war nach Paris gereist, sogar noch bevor er zum Bundeskanzler gewählt wurde. Er betont immer wieder, wie wichtig die Beziehungen sind. Doch was würde geschehen, wenn sich die politischen Gewichte deutlich verschieben? Eine von der AfD geführte Bundesregierung ist nicht in Sicht. Dass Marine Le Pen im kommenden Frühjahr Staatspräsidentin wird, zeigen zahlreiche Umfragen, ist durchaus denkbar. Merz hat sich bereits Gedanken gemacht. Im Sommer, als Le Pen ihre Kandidatur bekanntgab, sagte er: Die deutsche Hand bleibe immer ausgestreckt zur vertieften und vertrauensvollen Zusammenarbeit mit Frankreich, unabhängig davon, wie die Wähler entscheiden.

Seidendorf erwartet für diesen Fall Schwierigkeiten, aber keine Katastrophe. Le Pen könnte sich zunächst innenpolitisch mit europaskeptischen und deutschlandfeindlichen Tönen profilieren. Ihre erste Auslandsreise als Präsidentin könnte nach Brüssel oder Rom gehen statt nach Berlin. Deutsch-französische Ministerräte könnten ausfallen. Politische Verhandlungen würden viel schwieriger. Doch Seidendorf betont: Das französisch-deutsche Verhältnis besteht nicht nur aus Politik. Es gibt Städtepartnerschaften, Schüleraustausch, Freundschaftsvereine, die ganze Bandbreite zivilgesellschaftlichen Austauschs. Umfragen bestätigen immer wieder, dass Franzosen die Deutschen als wichtigsten Partner sehen, umgekehrt genauso. Der französische Botschafter Delattre ist optimistisch: Es gibt keine zwei Länder der Welt, die so enge Beziehungen haben wie Deutschland und Frankreich.

Die deutsche Hand bleibt immer ausgestreckt zur vertieften und vertrauensvollen Zusammenarbeit mit Frankreich, ganz unabhängig davon, wie die Wählerinnen und Wähler in unseren beiden Ländern entscheiden
— Bundeskanzler Friedrich Merz, Juli 2026
Es gibt keine zwei Länder der Welt, die so enge Beziehungen haben wie Deutschland und Frankreich
— Französischer Botschafter François Delattre
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