Griechenland wird zur zentralen Drehscheibe für US-Flüssiggas nach Europa mit geplanten LNG-Terminals und Erkundungsbohrungen durch ExxonMobil und Chevron. Der Vertikale Korridor soll Gas von Griechenland über Bulgarien und Rumänien bis zur Ukraine transportieren, um russische Importe bis November 2027 zu ersetzen.
Rubio umwirbt Griechenland als Gas-Drehscheibe Europas
Von einer Abhängigkeit in die andere rutschen
Warum ist Griechenland plötzlich so wichtig für die europäische Energieversorgung?
Weil das Land geografisch perfekt liegt – es kann Flüssiggas aus den USA empfangen und über Pipelines nach Norden verteilen. Und weil die EU aus russischem Gas aussteigen muss.
Aber die Frage ist: Muss es wirklich so viel sein? Mantzaris sagt, von vier geplanten Terminals bräuchte man nur eines.
Das ist der zentrale Streit. Die Regierung sagt, wir bauen für die Zukunft. Die Kritiker sagen, ihr baut zu viel und zu teuer.
Und die USA – sind die wirklich nur Helfer, oder geht es um Marktmacht?
Das ist die unbequeme Frage. 70 Prozent der EU-LNG-Importe kamen im August und September aus den USA. Das ist ein sehr großer Anteil.
Aber ohne dieses Gas hätte Europa im Winter ein echtes Problem gehabt. Russland ist weg, und schnell Alternativen aufzubauen ist schwierig.
Also: Notwendig, aber möglicherweise zu viel und zu teuer?
Und mit der Frage, ob man damit nicht einfach eine neue Abhängigkeit aufbaut statt die alte zu beenden.
Ja. Und ob man nicht besser in Elektrifizierung investieren würde, wie manche Experten sagen.
Wann wird sich zeigen, ob das richtig war?
Das ist offen. Die Nachfrage nach Gas könnte sinken, wenn die Energiewende schneller vorangeht. Dann hätte man zu viel gebaut.
Il Polso
- Griechenland hat zwei LNG-Terminals, vier weitere sind geplant
- ExxonMobil und Chevron führen Erkundungsbohrungen durch
- 70 Prozent der EU-LNG-Importe kamen im August/September 2026 aus den USA
- EU will russische Gasimporte bis November 2027 beenden
- Vertikaler Korridor soll Gas von Griechenland über Bulgarien und Rumänien bis zur Ukraine transportieren
Griechenland wird zur zentralen Drehscheibe für US-Flüssiggas nach Europa mit geplanten LNG-Terminals und Erkundungsbohrungen durch ExxonMobil und Chevron. Der Vertikale Korridor soll Gas von Griechenland über Bulgarien und Rumänien bis zur Ukraine transportieren, um russische Importe bis November 2027 zu ersetzen.
US-Außenminister Rubio wirbt in Athen für amerikanisches Flüssiggas über den Vertikalen Korridor. Südosteuropa baut Pipelinenetz auf, um von Russland unabhängig zu werden – doch Experten warnen vor neuer US-Abhängigkeit.
Marco Rubio war in Athen, um über vieles zu sprechen – Migration, Terrorismus, Verteidigung. Vor der Akropolis beschwor der US-Außenminister die Wurzeln westlicher Zivilisation. Doch für Beobachter wie Ino Afentouli, Außenpolitikexpertin am Athener Thinktank Eliamep, war klar, worum es wirklich ging: Energie. Rubios Besuch bestätigte das intensive Interesse der USA daran, ihr eigenes Flüssiggas nach Europa zu transportieren und zu verteilen – über ein Netzwerk, das Südosteuropa gerade aufbaut.
Dieser Vertikale Korridor ist ein System aus Pipelines, das Gas von Griechenland aus über Bulgarien und Rumänien bis zur Ukraine liefern soll. Die Europäische Union hat sich zum Ziel gesetzt, spätestens bis November 2027 alle russischen Gasimporte zu beenden. Dieser erwartete Wegfall hat eine Dynamik in Gang gesetzt, die Gasunternehmer, Reedereien und Politiker in der ganzen Region erfasst hat. Griechenland, das lange am Rande des europäischen Energiesystems stand, soll nun zu einem zentralen Akteur werden – und zum wichtigsten Eingangstor für amerikanisches Flüssigerdgas.
Das Land hat bereits zwei LNG-Terminals, vier weitere sind angekündigt oder in Planung, wobei unklar bleibt, welche davon tatsächlich gebaut werden. Angetrieben wird diese Expansion durch eine breite US-Energieoffensive. Erstmals seit Jahrzehnten will Griechenland wieder mit Erkundungsbohrungen vor seiner Westküste nach Erdgas suchen – mit dem US-Ölkonzern ExxonMobil dabei. Auch Chevron ist an geplanten Bohrprojekten beteiligt, etwa südlich von Kreta. Die US-Botschafterin in Griechenland, Kimberly Guilfoyle, ist in den vergangenen Monaten durch die Region gereist und hat für Deals mit amerikanischen Firmen geworben.
Energiexperte Michalis Mathioulakis vom Thinktank Eliamep sieht darin eine Win-Win-Situation. Europäische und US-amerikanische Interessen stimmten überein, erklärt er. Erdgas werde noch lange gebraucht, weil die Energiewende noch nicht weit genug fortgeschritten sei. Europa brauche Energiesicherheit. Doch nicht alle Experten teilen diese Einschätzung. Nikos Mantzaris, leitender Analyst beim griechischen Thinktank The Green Tank, hält den Vertikalen Korridor für "überdimensioniert und teuer". Eine Analyse seiner Organisation vom Ende September kam zu dem Ergebnis: Selbst wenn der gesamte Bedarf, der durch den Wegfall von russischem Gas entsteht, ausschließlich durch LNG-Terminals in Griechenland gedeckt würde, wäre von den vier derzeit geplanten Terminals nur ein neues erforderlich.
Mantzaris sieht eine langfristig sinkende Nachfrage nach Gas und verweist auf die hohen Kosten von Flüssigerdgas. Er kritisiert, dass die griechische Regierung intransparent und vage vorgehe. "Sie improvisieren einfach – nicht nur die Griechen, sondern alle Beteiligten. Deshalb ist es gefährlich. Es wird für das öffentliche Interesse und die Verbraucher insgesamt nach hinten losgehen, nicht nur in Griechenland, sondern überall." Zudem seien die Investitionen mit EU-Klimazielen schwer vereinbar.
Ana Maria Jaller-Makarewicz vom internationalen Institute for Energy Economics and Financial Analysis fordert stattdessen, in Elektrifizierung zu investieren, etwa in die regionale Integration von Stromnetzen. Sie weist auf ein weiteres Problem hin: Im August und September kamen rund 70 Prozent aller LNG-Importe in die EU aus den USA. Die Befürchtung ist real – statt sich breiter aufzustellen, könnte die EU von einer Abhängigkeit, nämlich von Russland, in eine andere rutschen, diesmal von den USA.
In Griechenlands Regierung sehen die Entscheidungsträger die enge Zusammenarbeit mit den USA nicht als Problem. Während Rubio in Athen von einer historischen Allianz sprach, sagte sein griechischer Amtskollege Giorgos Gerapetritis, die griechisch-amerikanische Partnerschaft sei noch nie so stark, tief und geschlossen gewesen. Damit ist die Richtung klar vorgegeben – ob sie richtig ist, werden die kommenden Jahre zeigen.
Citazioni salienti
Sie improvisieren einfach – nicht nur die Griechen, sondern alle Beteiligten. Deshalb ist es gefährlich.— Nikos Mantzaris, The Green Tank
Die griechisch-amerikanische Partnerschaft sei noch nie so stark, tief und geschlossen gewesen.— Giorgos Gerapetritis, griechischer Außenminister