Der AfD-Kandidat Tobias Rausch erhielt 48 von 82 Stimmen – mehr als AfD und BSW zusammen haben, was auf Unterstützung anderer Parteien hindeutet. Kanzler Merz betont, dass die Wahl eines Rechtsextremisten zum Landtagspräsidenten mit CDU-Werten unvereinbar ist, und spekuliert über mögliche False-Flag-Operationen.
Merz verteidigt CDU nach AfD-Landtagspräsident-Wahl in Sachsen-Anhalt
Mit den Werten meiner Partei verträgt sich das nicht.
Wie konnte ein AfD-Politiker zum Landtagspräsidenten gewählt werden, wenn AfD und BSW zusammen nur 44 Stimmen haben?
Rausch bekam 48 Stimmen. Das bedeutet, mindestens vier Stimmen kamen von außerhalb dieser beiden Parteien. Die Abstimmung war geheim, also weiß niemand genau, wer für ihn stimmte.
Aber die Zahlen deuten stark auf die CDU hin. Sie hatten 15 Abgeordnete, nur fünf enthielten sich, einer war abwesend. Das lässt zehn Stimmen unerklärt.
Und Merz sagt, es könnten auch andere Parteien gewesen sein?
Ja, er deutet an, dass die Linke oder andere Gruppen absichtlich für Rausch gestimmt haben könnten – als "False-Flag-Operation", um die CDU zu beschädigen.
Das ist Spekulation. Es gibt keinen Beweis dafür. Die SPD, Grüne und Linke hatten angekündigt, gegen Rausch zu stimmen, und es gab 29 Nein-Stimmen – das passt zu ihren Mandaten.
Also bleibt die CDU der wahrscheinlichste Kandidat?
Die Zahlen sprechen dafür, ja. Aber weil die Wahl geheim war, kann man es nicht beweisen.
Genau. Und das ist das Problem. Merz kann spekulieren, aber die CDU kann nicht sagen, dass sie unschuldig ist – und das schadet ihr mehr als die Wahrheit würde.
Was passiert jetzt in der CDU-Fraktion?
Einige Abgeordnete denken darüber nach, die Fraktion zu verlassen. Es gibt tiefe Spannungen über die Frage, wie man mit der AfD umgehen soll.
Das ist das eigentliche Problem. Nicht die einzelne Wahl, sondern dass die CDU intern zerreißt.
Il Polso
- AfD-Kandidat Tobias Rausch erhielt 48 von 82 Stimmen – vier mehr als AfD und BSW zusammen haben
- CDU-Fraktionsspitze empfahl Enthaltung, aber nur fünf von 15 Abgeordneten hielten sich daran
- SPD-Bundestagsfraktion marschierte vom Bundestag zum Bebelplatz, dem Ort der Bücherverbrennung 1933
- Mehrere CDU-Abgeordnete in Sachsen-Anhalt erwägen, die Fraktion zu verlassen
Der AfD-Kandidat Tobias Rausch erhielt 48 von 82 Stimmen – mehr als AfD und BSW zusammen haben, was auf Unterstützung anderer Parteien hindeutet. Kanzler Merz betont, dass die Wahl eines Rechtsextremisten zum Landtagspräsidenten mit CDU-Werten unvereinbar ist, und spekuliert über mögliche False-Flag-Operationen.
Nach der Wahl eines AfD-Politikers zum Landtagspräsidenten in Sachsen-Anhalt gerät die CDU unter Druck. Kanzler Merz warnt vor Kooperation mit der AfD und deutet an, dass auch andere Parteien für den Kandidaten gestimmt haben könnten.
In Sachsen-Anhalt ist ein Afrikaner zum Landtagspräsidenten gewählt worden – und die Wahl wirft Fragen auf, die die CDU in Aufruhr versetzen. Der AfD-Politiker Tobias Rausch erhielt bei der geheimen Abstimmung 48 der 82 abgegebenen Stimmen. Das ist mehr, als AfD und BSW zusammen haben – sie verfügen über 44 Mandate. Das bedeutet: Stimmen von außerhalb dieser beiden Parteien haben Rausch ins Amt gebracht. Die Vermutung liegt nahe, dass auch CDU-Abgeordnete für ihn stimmten.
Die CDU-Fraktionsspitze in Sachsen-Anhalt hatte ihren 15 Abgeordneten empfohlen, sich der Stimme zu enthalten. Doch nur fünf hielten sich daran. Ein CDU-Abgeordneter war nicht anwesend. Das lässt zehn CDU-Stimmen unerklärt – und die Vermutung, dass einige davon für Rausch gingen. SPD, Grüne und Linke hatten angekündigt, gegen ihn zu stimmen; zusammen haben sie 24 Mandate. Es gab 29 Nein-Stimmen. Die Rechnung geht auf: Wenn nicht CDU-Abgeordnete für Rausch stimmten, dann bleibt die Frage offen, wer es tat.
Kanzler Friedrich Merz versuchte am Mittwoch, die Partei zu stabilisieren. Auf einer Veranstaltung von Handelsblatt und Wirtschaftswoche sagte er, die Wahl eines Extremisten zum Landtagspräsidenten sei ein "historischer Einschnitt". Wer seine Stimme der AfD gebe, "spielt das Spiel der Extremisten und zerstört Glaubwürdigkeit". Mit den Werten der CDU, betonte er, lasse sich das nicht vereinbaren. Doch dann deutete Merz an, dass die Schuld möglicherweise nicht bei der CDU liege. Wegen der geheimen Wahl könne man nicht wissen, wer für Rausch gestimmt habe. "False-Flag-Operationen gibt es nicht nur militärisch, die gibt es auch politisch", sagte Merz in Anspielung auf das Verhalten der Linken-Abgeordneten. Er traue es drei Gruppierungen im neuen Landtag zu, "alles zu tun, um den Zusammenhalt in unserer Demokratie zu unterminieren".
Andere CDU-Politiker waren deutlicher. NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst sagte, dass in Deutschland "etwas ins Wanken gekommen" sei. Das Parlament sei die "Herzkammer unserer Demokratie" – und dass es nun von einem Mitglied einer "gesichert rechtsextremistischen Partei" geführt werde, zeige die Tiefe der Krise. CDU-Generalsekretärin Franziska Hoppermann nannte die Wahl einen "schweren Schlag". Bundesfamilienministerin Karin Prien sagte dem rbb, sollten es CDU-Abgeordnete gewesen sein, sei das "vollkommen inakzeptabel".
Innerhalb der CDU-Fraktion in Sachsen-Anhalt bröckelt es. Mehrere Fraktionsmitglieder spielen laut MDR mit dem Gedanken, die Fraktion zu verlassen und eine eigene parlamentarische Gruppe zu bilden. Die Spannungen sind nicht neu – sie sind ein Symptom tieferer Risse in der Partei über die Frage, wie man mit der AfD umgehen soll.
Der Koalitionspartner SPD ist wütend. Parteichef Lars Klingbeil verlangte Erklärungen von der CDU. "Es ist ein Tabubruch, Rechtsextreme in solche Ämter zu wählen." Am Dienstag hatten sich viele SPD-Bundestagsfraktionäre zu einem Protestmarsch versammelt – vom Bundestag durch das Brandenburger Tor zum Bebelplatz, dem Ort der Bücherverbrennung 1933. Mehrere Abgeordnete trugen Ausgaben des Grundgesetzes. Verteidigungsminister Boris Pistorius stimmte nach einer engagierten Rede die Nationalhymne an.
Am Abend sollte der Koalitionsausschuss von Union und SPD in Berlin tagen. Der Termin war bereits geplant – eine regelmäßige Sitzung nach der Sommerpause. Doch die SPD kündigte an, auch über Sachsen-Anhalt sprechen zu wollen. Unklar blieb, ob es danach öffentliche Stellungnahmen geben würde. Die "Brandmauer" gegen die AfD, lange ein Kernprinzip der CDU, steht unter Druck – und die Frage, wer sie durchbrochen hat, bleibt vorerst unbeantwortet.
Citazioni salienti
Wer einen Abgeordneten einer rechtsextremen Partei zum Landtagspräsidenten wählt, muss das mit seinem Gewissen vereinbaren.— Kanzler Friedrich Merz
Es ist ein Tabubruch, Rechtsextreme in solche Ämter zu wählen.— SPD-Chef Lars Klingbeil