In Lingen, einer Stadt im Herzen Niedersachsens, hat eine Entscheidung Form angenommen, die den Widerspruch unserer Zeit sichtbar macht: Ein westliches Unternehmen darf mit russischer Lizenz und russischer Technologie Brennelemente für osteuropäische Atomkraftwerke fertigen – genehmigt von einem Minister, der die Entscheidung selbst ablehnt. Die Advanced Nuclear Fuels erhielt am 5. Oktober grünes Licht, ab 2027 sowjetische Reaktortypen in Bulgarien, Tschechien, Ungarn, der Slowakei und Finnland zu beliefern. Was als Schritt zur Versorgungssicherheit gilt, wirft die tiefere Frage auf, ob eine A
Lingen erhält Genehmigung für russische Brennelemente – trotz Sicherheitsbedenken
Kooperation mit Russlands Atomkonzern – bedenklich und schädlich
Warum musste Meyer die Genehmigung erteilen, wenn er das Projekt selbst ablehnt?
Das deutsche Atomgesetz schreibt vor, dass eine Genehmigung erteilt werden muss, wenn die gesetzlichen Voraussetzungen erfüllt sind. Meyer hatte keinen rechtlichen Spielraum – nur die Möglichkeit, seine Ablehnung öffentlich zu machen.
Aber das wirft die Frage auf: Wenn die Bundesregierung seit Februar vor russischen hybriden Angriffen warnt, warum wurde die Sicherheitsbewertung nicht neu bewertet?
Das Bundesumweltministerium sagt, dass Atomrecht nicht das richtige Instrument ist – dass man stattdessen EU-weite Sanktionen im Nuklearbereich bräuchte.
Das ist aber ein Ausweichen. Es gibt keine solchen Sanktionen, und niemand arbeitet daran, sie zu schaffen. Inzwischen läuft die Fabrik an.
Was genau wird denn in Lingen hergestellt, das nicht einfach von Rosatom kommen kann?
Sechseckige Brennelemente für sowjetische Reaktoren. Westliche Brennelemente sind viereckig und passen nicht. Deshalb brauchen diese Länder entweder Rosatom oder jemanden, der mit Rosatom-Lizenz produziert.
Aber hier ist der Haken: Die Produktion nutzt russische Lizenzen, russische Technologie und Maschinen von TVEL. Wie unabhängig ist das wirklich?
Die Aktivisten klagen also, um die Produktion zu stoppen?
Sie versuchen, den sofortigen Vollzug zu blockieren, damit die Genehmigung erst juristisch abschließend geklärt wird, bevor die Fabrik umgebaut wird.
Das ist eine klassische Verzögerungstaktik. Aber ob sie funktioniert, hängt davon ab, wie die Gerichte die Sicherheitsbedenken bewerten – und ob sie die geopolitische Lage berücksichtigen.
Le Pouls
- Ein grüner Umweltminister unterzeichnet eine Genehmigung, die er öffentlich als bedenklich bezeichnet – das Gesetz ließ ihm keine Wahl.
- Russische Lizenzen, russische Maschinen, russische Zulieferer: Kritiker bezweifeln, dass die Produktion in Lingen Osteuropa wirklich von Rosatom unabhängig macht.
- Während Moskau einem hybriden Krieg in Europa führt, bleibt die Kooperation mit Russlands Atomkonzern von Sanktionen unberührt – die Bundesregierung verweist auf fehlende EU-Instrumente.
- BUND und »ausgestrahlt« haben bereits Klage beim Oberverwaltungsgericht Lüneburg eingereicht und planen nun einen Eilantrag, um vollendete Tatsachen zu verhindern.
- Die eigentliche Entscheidung darüber, ob Lingen Abhängigkeit löst oder nur verschleiert, wird nun vor Gericht fallen.
In Lingen, einer Stadt im Herzen Niedersachsens, hat eine Entscheidung Form angenommen, die den Widerspruch unserer Zeit sichtbar macht: Ein westliches Unternehmen darf mit russischer Lizenz und russischer Technologie Brennelemente für osteuropäische Atomkraftwerke fertigen – genehmigt von einem Minister, der die Entscheidung selbst ablehnt. Die Advanced Nuclear Fuels erhielt am 5. Oktober grünes Licht, ab 2027 sowjetische Reaktortypen in Bulgarien, Tschechien, Ungarn, der Slowakei und Finnland zu beliefern. Was als Schritt zur Versorgungssicherheit gilt, wirft die tiefere Frage auf, ob eine Abhängigkeit, die man umbenennt, dadurch aufhört, eine zu sein.
In Lingen soll ab 2027 eine Fabrik Brennelemente für sowjetische Reaktortypen herstellen – mit russischer Lizenz, russischer Technologie und Maschinen aus Moskau. Die Advanced Nuclear Fuels (ANF), eine Framatome-Tochter, erhielt am 5. Oktober die endgültige Genehmigung des niedersächsischen Umweltministeriums. Beliefert werden sollen Kraftwerke in Bulgarien, Tschechien, Ungarn, der Slowakei und Finnland, die bislang direkt bei Rosatom kauften.
Die Genehmigung kam unter ungewöhnlichen Umständen zustande: Umweltminister Christian Meyer von den Grünen unterzeichnete das Dokument, obwohl er das Projekt ablehnt. Er kritisierte scharf, dass die Bundesregierung die Kooperation mit Russlands Atomkonzern »bedenkenlos hinnimmt«, während Russland einen völkerrechtswidrigen Krieg in Europa führt. Dennoch war das Ministerium rechtlich gebunden – die Voraussetzungen des deutschen Atomgesetzes waren erfüllt.
Das Bundesumweltministerium räumte ein, es handle sich um einen »besonderen Fall«, verwies aber darauf, dass das richtige Steuerungsinstrument EU-weite Nuklearsanktionen seien – die bislang nicht existieren. Eine Sicherheitsbewertung vom Februar wurde trotz verschärfter Lage, darunter eine Russland zugeschriebene Drohnenattacke auf den Leipziger Flughafen, nicht neu bewertet.
Technisch erklärt sich das Projekt durch die Geometrie: Sowjetische Reaktoren benötigen sechseckige Brennelemente, die westliche Hersteller bislang nicht liefern konnten. Framatome und Rosatoms Tochter TVEL gründeten deshalb ein Gemeinschaftsunternehmen und lizenzieren die Fertigung nach Lingen.
Umweltverbände wie BUND und »ausgestrahlt« haben bereits Klage beim Oberverwaltungsgericht Lüneburg eingereicht und planen einen Eilantrag, um den sofortigen Vollzug zu stoppen. Befürworter sehen in Lingen einen Schritt zur Versorgungssicherheit Osteuropas; Kritiker bezweifeln, dass eine Produktion mit russischen Lizenzen und russischen Maschinen die Abhängigkeit von Rosatom wirklich verringert – oder nur verdeckt.
In der niedersächsischen Stadt Lingen soll bald eine Fabrik beginnen, Brennelemente für sowjetische Atomkraftwerke herzustellen – mit russischer Lizenz, russischer Technologie und Maschinen aus Moskau. Die Advanced Nuclear Fuels (ANF), eine Tochter des französischen Konzerns Framatome, erhielt am 5. Oktober die endgültige Genehmigung vom niedersächsischen Umweltministerium. Ab 2027 will das Unternehmen Kraftwerke in Bulgarien, Tschechien, Ungarn, der Slowakei und Finnland beliefern – Länder, die auf sowjetische Reaktortypen angewiesen sind und bislang ihre Brennelemente direkt von Rosatom, dem russischen Staatskonzern, kauften.
Die Genehmigung kam unter bemerkenswerten Umständen zustande. Umweltminister Christian Meyer von den Grünen unterzeichnete das Dokument, obwohl er das Projekt selbst ablehnt. »Dass die komplette Bundesregierung von Bundeskanzler Merz die Kooperation mit Russlands Atomkonzern in Lingen bedenkenlos hinnimmt und keine veränderte Sicherheitslage sieht, irritiert und erstaunt mich sehr«, sagte Meyer. Er hält solche Geschäfte mit Russland für schädlich – besonders im Hinblick auf die Unterstützung der Ukraine. Dennoch musste das Ministerium die Genehmigung erteilen, weil die gesetzlichen Voraussetzungen des deutschen Atomgesetzes erfüllt waren. Das Bundesumweltministerium betonte später, dass es sich um einen »besonderen Fall« handelt: Ein russischer Staatskonzern ist an einem atomrechtlichen Genehmigungsverfahren beteiligt, während Russland einen völkerrechtswidrigen Krieg in Europa führt.
Die Bundesregierung begründete ihre Entscheidung mit einer Sicherheitsbewertung vom Februar – doch seitdem hat sich die Lage verschärft. Nach der Russland zugeschriebenen Drohnenattacke auf den Leipziger Flughafen warnt die Bundesregierung verstärkt vor hybriden Angriffen Moskaus. Dennoch wurde die Genehmigung nicht überprüft oder zurückgezogen. Das Bundesumweltministerium argumentierte, dass das richtige Instrument zur Kontrolle solcher Kooperationen nicht das Atomrecht sei, sondern EU-weite Sanktionen im Nuklearbereich – ein Bereich, in dem bislang keine Sanktionen verhängt wurden.
Technisch funktioniert das Projekt nur, weil Ost und West unterschiedliche Brennelemente nutzen. Während Westeuropa, die USA und Asien viereckige Elemente verwenden, brauchen sowjetische Reaktoren sechseckige Brennelemente. Westliche Brennelemente passen in diese Reaktoren nicht. Framatome und Rosatoms Tochter TVEL haben deshalb ein Gemeinschaftsunternehmen gegründet und lizenzieren die Fertigung nach Lingen. Die Produktion erfolgt vollständig mit russischen Lizenzen, russischer Technologie und Maschinen von TVEL.
Framatome verweist darauf, dass die Genehmigung das Ergebnis eines mehrjährigen behördlichen Prüfungsverfahrens ist. Ein positives Sicherheitsgutachten des TÜV Nord bestätigte, dass die Anforderungen des deutschen Atomgesetzes erfüllt sind. Doch Umweltaktivisten sehen das anders. Ein Bündnis aus dem Bund für Umwelt- und Naturschutz (BUND) und der Anti-Atomkraftinitiative »ausgestrahlt« kündigte an, vor Gericht gegen die Werkserweiterung vorzugehen. Im September reichten sie bereits Klage beim Oberverwaltungsgericht Lüneburg ein und bestritten die Genehmigung. Nun planen sie einen Eilantrag, um den sofortigen Vollzug der Erweiterungsgenehmigung zu stoppen – damit, so ihre Begründung, keine vollendeten Tatsachen geschaffen werden, solange die Genehmigung noch nicht juristisch abschließend geklärt ist.
Die Befürworter argumentieren, dass die Fertigung in Lingen die Versorgungssicherheit der osteuropäischen Kraftwerke stärkt, weil diese ihre Brennelemente nicht mehr direkt von Rosatom kaufen müssen. Kritiker bezweifeln jedoch, dass eine Produktion mit russischen Lizenzen, russischen Maschinen und russischen Zulieferteilen die Abhängigkeit wirklich verringert. Die Frage, ob Lingen tatsächlich Osteuropa unabhängiger macht oder nur die Abhängigkeit von Rosatom verschleiert, wird nun vor Gericht entschieden.
Citations marquantes
Dass die komplette Bundesregierung von Bundeskanzler Merz die Kooperation mit Russlands Atomkonzern in Lingen bedenkenlos hinnimmt und keine veränderte Sicherheitslage sieht, irritiert und erstaunt mich sehr— Umweltminister Christian Meyer
Das geeignete Instrument, damit umzugehen, ist jedoch nicht das Atomrecht, sondern es wären EU-weite Sanktionen auch für den Nuklearbereich— Bundesumweltministerium