In den Korridoren der Diplomatie hinterlassen Worte bisweilen tiefere Spuren als Verträge: Eine beiläufige Bemerkung der US-Botschafterin Kimberly Guilfoyle bei einem Athener Abendessen im März — die USA könnten in jedem Land einen Regierungswechsel herbeiführen — hat Monate später eine stille Debatte über Souveränität, Abhängigkeit und die Grenzen des Bündnisses entfacht. Während Regierung und Botschafterin dementieren und die Öffentlichkeit bislang ruhig bleibt, stellen Oppositionsparteien die grundsätzlichere Frage, wie viel Selbstbestimmung ein kleines Land in der Umarmung einer Großmacht
Athen wirft USA Einmischung vor: Botschafterin soll Regierungswechsel angedeutet haben
Wir können das mit jedem Land machen — auch hier
Was genau soll Guilfoyle beim Abendessen gesagt haben, und warum ist das so brisant?
Sie soll dem griechischen Energieminister gesagt haben, dass die USA einen Regierungswechsel in jedem Land durchsetzen könnten — auch in Griechenland. Das ist brisant, weil es wie eine Drohung klingt und an eine dunkle Geschichte erinnert: In den 1950er Jahren mischten sich amerikanische Botschafter massiv in griechische Angelegenheiten ein. Präsident Clinton entschuldigte sich dafür 1999.
Aber wir sollten hier präzise sein: Das Wall Street Journal berichtet das, Guilfoyle bestreitet es, und die Financial Times hat nur den Kern bestätigt — nicht unbedingt jedes Wort. Was genau hat die Financial Times bestätigt?
Und warum reiste Guilfoyle zwei Wochen später nach Bukarest, und dann fiel die rumänische Regierung? Ist das Zufall?
Das ist die seltsame Prophezeiung, die den Bericht so merkwürdig macht. Sie sprach über Rumänien, reiste dorthin, und dann passierte genau das, das sie vorhergesagt hatte. Aber das bedeutet nicht automatisch, dass die USA es verursacht haben.
Genau. Korrelation ist nicht Kausalität. Rumänische Regierungskoalitionen können auch aus innenpolitischen Gründen zusammenbrechen. Wir wissen nicht, ob die USA einen Finger im Spiel hatten.
Was ist mit ihren anderen Aktivitäten in Griechenland? Das klingt, als würde sie sich in viel mehr einmischen als typische Botschafter.
Sie mischt sich in Energieprojekte ein, hat starke Meinungen zum Hafen von Piräus und zum Flüssiggas-Korridor. Sie ist sehr sichtbar, sehr präsent. Das ist ungewöhnlich für eine Botschafterin.
Aber ist das Einmischung oder normale diplomatische Interessenvertretung? Die USA haben Interessen in Griechenland — Energie, Geopolitik im Mittelmeer, China. Botschafter vertreten ihre Länder. Die Frage ist, wo die Grenze liegt.
Und wie reagiert die griechische Regierung?
Sie sagt, es gab keine Drohung, alles ist in Ordnung, die Beziehung ist enger denn je. Aber die Opposition ist wütend und fordert klare rote Linien.
Das ist interessant: Die Regierung, die von den USA unterstützt wird, verteidigt Guilfoyle. Die Opposition warnt vor Abhängigkeit. Das ist ein klassisches Muster.
The Pulse
- Ein Abendgespräch in Athen verwandelt sich in eine diplomatische Belastungsprobe, als Berichte über Guilfoyles Aussage zur Regierungsablösung die Runde machen.
- Die griechische Regierung schwieg drei Tage, bevor sie dementierte — eine Verzögerung, die der Opposition als Zeichen von Unsicherheit gilt.
- Die Financial Times bestätigte den Kern des Wall-Street-Journal-Berichts unabhängig, während Guilfoyle und Athen weiter auf Dementi beharren.
- Oppositionsparteien von PASOK bis KKE fordern rote Linien gegenüber Washington und warnen vor einer Abhängigkeit, die Souveränität aushöhlt.
- Trotz der politischen Aufregung bleibt eine breite gesellschaftliche Empörung in Griechenland aus — das Thema schwelt, ohne zu brennen.
In den Korridoren der Diplomatie hinterlassen Worte bisweilen tiefere Spuren als Verträge: Eine beiläufige Bemerkung der US-Botschafterin Kimberly Guilfoyle bei einem Athener Abendessen im März — die USA könnten in jedem Land einen Regierungswechsel herbeiführen — hat Monate später eine stille Debatte über Souveränität, Abhängigkeit und die Grenzen des Bündnisses entfacht. Während Regierung und Botschafterin dementieren und die Öffentlichkeit bislang ruhig bleibt, stellen Oppositionsparteien die grundsätzlichere Frage, wie viel Selbstbestimmung ein kleines Land in der Umarmung einer Großmacht noch besitzt.
Im März saß US-Botschafterin Kimberly Guilfoyle bei einem Abendessen in Athen neben dem griechischen Energieminister Stavros Papastavrou. Laut Wall Street Journal sprach sie über den bevorstehenden Zusammenbruch der rumänischen Regierungskoalition und bemerkte, die USA könnten in jedem Land, das sie wollten, einen Regierungswechsel herbeiführen — auch in Griechenland. Papastavrou widersprach, das Gespräch wurde hitzig. Zwei Wochen später reiste Guilfoyle nach Bukarest; wenige Monate danach kollabierte die rumänische Koalition tatsächlich.
Als das Wall Street Journal am 25. September berichtete, dementierte Guilfoyle durch ihren Anwalt. Die griechische Regierung brauchte drei Tage für eine Stellungnahme: Regierungssprecher Marinakis erklärte, es habe zu keinem Zeitpunkt eine Drohung gegeben, die Beziehung zu den USA sei enger und stabiler denn je. Die Financial Times bestätigte inzwischen den Kern des Berichts mit einer eigenen Quelle.
Guilfoyle ist seit Ende 2025 Botschafterin — eine enge Vertraute Trumps, ehemalige Fox-News-Moderatorin und Ex-Verlobte von Donald Trump Jr. In Athen wurde sie rasch zum Stadtgespräch, schaffte es auf das Cover der griechischen Vogue und pflegt direkte Beziehungen zu griechischen Ministern. Ihr besonderes Augenmerk gilt dem Hafen von Piräus, den China seit 2009 für 35 Jahre gepachtet hat, sowie dem Projekt eines Vertikalen Korridors für US-Flüssiggas nach Europa — beides Vorhaben, die sie öffentlich und unverblümt vorantreibt.
Die Oppositionsparteien zeigten sich von der Regierungsantwort unbefriedigt. PASOK betonte Griechenlands Souveränität, das linke Bündnis ELAS warnte vor Blankoschecks gegenüber Washington, die KKE kündigte Proteste beim bevorstehenden Besuch von Außenminister Rubio an. Ein unabhängiger Abgeordneter schrieb, geopolitische Stärke entstehe nicht durch wachsende Abhängigkeit von einer Großmacht, die Diplomatie offen durch Wirtschaftsinteressen ersetzt habe. Die große öffentliche Empörung blieb dennoch bislang aus.
Im März dieses Jahres saß die US-Botschafterin Kimberly Guilfoyle bei einem Abendessen in Athen neben dem griechischen Energieminister Stavros Papastavrou. Nach Angaben des Wall Street Journals sprach sie an jenem Abend über den erwarteten Zusammenbruch der rumänischen Regierungskoalition und machte eine Bemerkung, die in den folgenden Wochen erhebliche Aufregung auslösen sollte: Die USA könnten einen Regierungswechsel in jedem Land herbeiführen, das sie wollten — auch in Griechenland. Papastavrou widersprach ihr, argumentierte, dass die USA keine demokratisch gewählte Regierung einfach ersetzen könnten. Das Gespräch wurde hitzig.
Zwei Wochen später reiste Guilfoyle nach Bukarest. Wenige Monate danach kollabierte die rumänische Regierungskoalition tatsächlich — genau das, das beim Abendessen in Athen Thema gewesen war. Ob die USA einen direkten Einfluss auf diesen Zusammenbruch hatten, ließ sich nicht nachweisen, aber auch nicht widerlegen. Als das Wall Street Journal den Bericht am 25. September veröffentlichte, dementierte Guilfoyle durch ihren Anwalt die Darstellung der Zeitung. Die griechische Regierung brauchte drei Tage, um ebenfalls Stellung zu nehmen. Regierungssprecher Pavlos Marinakis erklärte, es habe zu keinem Zeitpunkt eine Drohung gegen die Regierung gegeben. Die Financial Times bestätigte inzwischen den Kern des Berichts mit einer eigenen Quelle.
Guilfoyles Zeit als Botschafterin in Griechenland war von Anfang an ungewöhnlich. Die 56-jährige Ex-Staatsanwältin, ehemalige Fox-News-Moderatorin und Ex-Verlobte von Donald Trump Jr. gilt als enge Vertraute des US-Präsidenten. Seit ihrer Ernennung Ende 2025 wurde sie zum Stadtgespräch von Athen — nicht nur wegen ihrer diplomatischen Arbeit, sondern auch wegen ihrer Präsenz im Nachtleben der Hauptstadt. Im November 2025 schaffte sie es sogar auf das Cover der griechischen Vogue. Sie pflegt einen direkten Draht zu vielen griechischen Ministern und mischt sich persönlich in Geschäfte ein, besonders im Energiebereich, wo sie öffentlich enge Beziehungen zu bestimmten griechischen Unternehmen unterhält.
Eines ihrer Hauptanliegen ist der Hafen von Piräus. Während der griechischen Finanzkrise verpachtete die Hafenbehörde 2009 den Hafen für 35 Jahre an das chinesische Staatsunternehmen China Ocean Shipping Company (COSCO). Damit kontrolliert China einen der wichtigsten Häfen im östlichen Mittelmeer. Das gefällt den USA nicht. Im Februar 2026 sagte Guilfoyle, man müsse einen weiteren Hafen bauen, um den chinesischen Interessen in Piräus entgegenzuwirken. Sie werde dafür kämpfen, jeden Tag, und ohne sich dafür zu entschuldigen. Daneben setzt sie sich für den sogenannten Vertikalen Korridor ein — ein Projekt, durch das US-amerikanisches Flüssiggas von Griechenland aus weiter nach Europa transportiert werden soll. Die griechische Regierung unterstützt dieses Vorhaben und betont, dass es die Energiesicherheit stärke und Griechenlands Rolle bei der Energieversorgung anderer Länder aufwerte.
Als Marinakis am 28. September zu dem Wall-Street-Journal-Bericht befragt wurde, betonte er, dass die Beziehung zwischen Griechenland und den USA heute enger und stabiler denn je sei und auf gegenseitigem Respekt beruhe. Zu dem angeblichen Gespräch zwischen Papastavrou und Guilfoyle sagte er, es sei zu keinem Zeitpunkt um eine Bedrohung der griechischen Regierung gegangen — so etwas würde auch niemals geduldet werden. Diese Antwort überzeugte die Oppositionsparteien nicht, die eine kritischere Stellungnahme erwartet hatten.
Die sozialdemokratische Panhellenische Sozialistische Bewegung (PASOK) betonte, Griechenland sei eine unabhängige und souveräne Demokratie und müsse als solche gegenüber allen handeln. Die Griechische linke Koalition (ELAS), das im Mai gegründete linke Bündnis von Ex-Premier Alexis Tsipras, warnte vor einer Politik des selbstverständlichen Verbündeten und vor Blankoschecks gegenüber den USA. Rote Linien in der Beziehung seien dringend notwendig. Die Kommunistische Partei Griechenlands (KKE) lehnte die Pläne für das US-amerikanische Flüssiggas-Projekt ab und kündigte Demonstrationen während des bevorstehenden Besuchs des US-Außenministers Marco Rubio vom 6. bis 8. Oktober an. Der unabhängige Abgeordnete Alexis Charitsis schrieb auf X, dass ein Land geopolitisch nicht stärker werde, indem es seine Abhängigkeit von einer Großmacht vergrößere, besonders wenn diese Großmacht die Diplomatie offen durch wirtschaftliche Interessen ersetzt habe. Trotz all dieser Reaktionen ist die große öffentliche Empörung über den Vorfall in Griechenland bislang ausgeblieben.
Notable Quotes
Wir können das mit jedem Land machen, in dem wir das wollen — wir können das auch hier machen— Kimberly Guilfoyle, laut Wall Street Journal
So etwas würde auch niemals geduldet werden— Regierungssprecher Pavlos Marinakis