Junge Fotografen zeigen Mut: Deutscher Jugendfotopreis 2026 würdigt politisches Engagement

Persönliches wird öffentlich, ohne dass daraus automatisch Bekenntnisfotografie wird
Wie junge Fotografen ihre eigenen Realitäten zeigen, ohne dabei zu predigen oder für andere zu sprechen.
Mark

Was hat dich am meisten überrascht, als du diese Arbeiten gesehen hast?

Mimi

Der Mut, mit dem diese Generation ihre eigenen Grenzen überschreitet. Schulze fotografiert ihre behinderte Schwester, aber nicht über sie – das ist eine bewusste ethische Entscheidung. Hill fährt anderthalb Jahre lang in Bergbauregionen, die ihm fremd sind. Das ist nicht bequem.

Luke

Aber wie viele der eintausendzweihundertsechsunddreißig Einsendungen zeigen diesen Mut? Wir sehen vier Serien. Das ist eine Momentaufnahme. Wir wissen nicht, ob das repräsentativ ist.

Mimi

Das ist fair. Aber die Jury hat diese vier ausgewählt, weil sie etwas Gemeinsames haben: Sie stellen Fragen zur Verantwortung des Fotografen.

Mark

Und die Frage nach Vertrauen – das zieht sich durch alle Arbeiten, oder?

Mimi

Ja. Schulze sagt, Vertrauen sei das Allerwichtigste. David bricht Klischees, weil sie von innen heraus fotografiert. Wagner entscheidet selbst, was sie zeigt. Es geht um Kontrolle und Respekt.

Luke

Aber bei Wagner – das sind Selfies. Das ist eine andere Kategorie. Sie ist gleichzeitig Fotografin und Subjekt. Das ist nicht vergleichbar mit Hills Bergbau-Dokumentation.

Mimi

Stimmt. Aber das ist genau der Punkt: Junge Fotografie 2026 ist nicht homogen. Es gibt kein einziges Modell. Jede Serie antwortet anders auf die Frage, wie man ethisch fotografiert.

Mark

Und die Technik? Smartphone, analog, digital – das scheint auch eine bewusste Wahl zu sein.

Mimi

Ja, weil die Technik die Aussage trägt. Schwarzweiß bei Schulze lenkt den Blick auf Nähe. Smartphone bei Wagner macht die Arbeit zugänglich, unmittelbar. Es ist nicht zufällig.

Luke

Aber wir sollten vorsichtig sein: Fromm sagt, dass junge Menschen mehr Interesse an analogen Techniken haben. Das ist eine Beobachtung einer Professorin. Wir wissen nicht, ob das ein Trend ist oder nur bei ihren Studierenden so ist.

  • 1.236 Einsendungen zum Deutschen Jugendfotopreis 2026
  • 40 Preise vergeben; vier preisgekrönte Serien dokumentiert
  • Fotografen zwischen 21 und 22 Jahren; Wettbewerb seit über 60 Jahren
  • Themen: Familienporträts, Bergbaudokumentation, muslimische Alltagskultur, chronische Krankheit

Vier preisgekrönte Serien zeigen unterschiedliche Ansätze: Familienporträts, Bergbaudokumentation, muslimische Alltagskultur und Selbstporträts einer chronisch kranken Fotografin. Junge Fotografen verbinden analoge und digitale Techniken bewusst und stellen sich Fragen zu Vertrauen, Respekt und ihrer Rolle als Beobachter.

Der Deutsche Jugendfotopreis 2026 würdigt 1.236 Einreichungen junger Fotografen für ihren politischen Mut und bewussten Umgang mit Nähe und Repräsentation. Die Jury lobt starke Statements ohne aufdringliche Bekenntnisse.

Mehr als tausenddreihundert junge Menschen haben in diesem Jahr ihre Fotografien zum Deutschen Jugendfotopreis eingereicht. Was die Jury bei der Sichtung beeindruckt hat, ist nicht die technische Perfektion oder die Ausrüstung – es ist der politische Mut, mit dem diese Generation ihre Kameras einsetzt. Die Arbeiten sprechen deutlich, ohne dabei aufdringlich zu wirken. Sie zeigen Realitäten statt Bekenntnisse.

Anna Lotta Maria Schulze, zweiundzwanzig Jahre alt und Studentin für Fotojournalismus an der Hochschule Hannover, hat einen dieser vierzig Preise gewonnen. Ein halbes Jahr lang begleitete sie ihre jüngere Schwester Lina mit der Kamera. Lina lebt mit einer schweren Behinderung, doch darum sollte es in der Serie gerade nicht gehen. Schulze wollte die Nähe zwischen den Schwestern festhalten – Vertrauen, alltägliche Gesten, Momente der Zuwendung. Ein Schwarzweiß-Foto zeigt Lina hinter einer Glastür, in der sich Äste spiegeln. Ein anderes fängt sie beim Frisieren vor dem Spiegel ein. Die Reduktion auf Schwarzweiß lenkt den Blick auf das Wesentliche: die Beziehung selbst. Schulze betont, dass Vertrauen und Respekt das Fundament ihrer Arbeit bilden. Ihre Schwester merke sofort, wenn die Fotografin sich nicht mehr ihr widme, sondern der Technik. Das durfte nicht passieren.

Jasper Hill, ebenfalls zweiundzwanzig und Hannover-Student, hat sich anderthalb Jahre lang dem Kalibergbau gewidmet. Er reiste nach Thüringen und Niedersachsen, um eine Welt zu dokumentieren, die ihm fremd war. Seine Serie zeigt Salzberge, die Landschaften prägen, und die Arbeit unter Tage – siebenhundertfünfzig Meter unter der Erde, wo elektrische Schaufelladerbagger gesprengtes Rohsalz bewegen. Ein überraschendes Bild zeigt eine Theateraufführung vor einer mächtigen weißen Kalihalde, das Publikum auf einfachen Stühlen, dahinter die Salzberge. Hill kam zur Fotografie über die Technik selbst, doch heute reizt ihn das Journalistische: recherchieren, Menschen treffen, Orte kennenlernen, zu denen er sonst keinen Zugang hätte. Er verlässt damit die Komfortzone – etwas, das Karen Fromm, Foto-Professorin an der Hochschule Hannover, bei vielen Studierenden vermisst. Sie beobachtet oft das Gegenteil: Junge Fotografen bleiben lieber nah bei Menschen, mit denen sie sich identifizieren können.

Nele David, zweiundzwanzig Jahre alt und selbst zum Islam konvertiert, porträtiert muslimische Freundinnen und ihren gemeinsamen Alltag. Ihre Serie trägt den Titel "Start with Bismillah – im Namen Gottes". Sie begann analog, später kamen Digitalkamera, Blitz und Inszenierungen hinzu. Ein Bild zeigt zwei vollverschleierte Frauen in Sneakers von hinten, beschwingt auf dem Weg in ein Geschäft. Glaube erscheint hier als Alltag: Freundschaft, Mode, ein gemeinsamer Einkauf. Katharina Klapdor Ben Salem, Leiterin des Deutschen Jugendfotopreises, sagt, dass David viele Klischees über junge Muslima bricht. Manche politischen Debatten gingen an diesen Realitäten völlig vorbei.

Frieda Wagner aus Karlsruhe, einundzwanzig Jahre alt, lebt mit ME/CFS, einer schweren chronischen Erkrankung, bei der schon kleine Anstrengungen die Beschwerden massiv verschlimmern. Seit zwei Jahren verbringt sie jeden Tag zuhause im Bett. Sie wollte diese Realität dokumentieren und begann, mit dem Smartphone Selfies zu machen – mehr als einhundertfünfzig Bilder entstanden. Sie inszenierte nichts Aufwendiges, sondern fotografierte sich immer dann, wenn ihr danach war. Ein Bild zeigt sie von oben im Bett unter einer hellgrauen Decke, den Blick direkt in die Kamera. Ein anderes zeigt sie draußen im Rollstuhl. Anders als Schulzes Serie über die Schwester löst hier die Porträtierte selbst aus. Sie entscheidet, wie viel sie von ihrer Krankheit preisgibt. Die Serie heißt "Ich will, was für dich selbstverständlich ist".

Der Wettbewerb wird seit mehr als sechzig Jahren vom Deutschen Kinder- und Jugendfilmzentrum ausgerichtet und vom Bundesfamilienministerium gefördert. Dieses Jahr reichten eintausendzweihundertsechsunddreißig Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene bis fünfundzwanzig Jahre ihre Arbeiten ein. Was macht junge Fotografie heute aus? Fromm sagt, das lasse sich gar nicht mehr so beantworten. Als sie zweitausendelf anfing, sei die klassische Reportage noch der Kern gewesen. Heute sieht sie ein großes Nebeneinander: dokumentarische Langzeitprojekte, inszenierte Serien, stille Beobachtungen. Das Spektrum reicht von Smartphone-Fotografie über analoge Verfahren bis zu selbstgebauten Lochkameras. Klapdor Ben Salem beobachtet deutlich mehr Hochformate als Querformate bei den Einsendungen – ein Einfluss von Instagram und Smartphone-Fotografie. Zugleich wächst bei jungen Menschen das Interesse am bewussten Fotografieren, an analogen Techniken, Materialien und Experimenten. Gerade weil Bilder heute ständig digital entstehen und verbreitet werden, reizt viele die Gegenposition.

Was alle vier Serien verbindet, ist eine bewusste Entscheidung darüber, wohin die Kamera schaut, wie nah sie einem Menschen kommen darf und aus welcher Position heraus jemand erzählt. Viele Studierende bringen solche Fragen bereits mit: Welche Rolle habe ich als fotografierende Person? Was darf ich zeigen? In welchem Verhältnis stehe ich zu den Menschen vor der Kamera? Klapdor Ben Salem nennt solche Arbeiten ein Beispiel für den Mut dieses Jahrgangs. Persönliches wird öffentlich, ohne dass daraus automatisch Bekenntnisfotografie wird. Die Bilder behaupten nicht, für alle zu sprechen. Sie zeigen konkrete Lebensrealitäten – und das ist das Politische daran.

Nähe im Alltag: Sich selbst betrachten, den Blick anderer zulassen
— Anna Lotta Maria Schulze über ihre Fotoserie ihrer Schwester
Viele politische Debatten gehen an diesen Realitäten total vorbei
— Katharina Klapdor Ben Salem über Nele Davids Serie zu muslimischen Frauen
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