Die Europäische Union steht vor einer ihrer tiefgreifendsten Selbstbefragungen: Wie wächst eine Gemeinschaft, ohne sich dabei aufzulösen? Die EU-Kommission hat in Straßburg ein Modell gestaffelter Mitgliedschaft vorgestellt, das Beitrittskandidaten einen schrittweisen Eintritt in einzelne Politikbereiche ermöglicht — und gleichzeitig die inneren Spielregeln der Union neu schreiben will. Hinter diesen Plänen steht die Erkenntnis, dass Erweiterung ohne institutionelle Reform nicht mehr tragfähig ist.
EU plant gestaffelte Mitgliedschaft und Ende der Einstimmigkeit
Schritt für Schritt die Treppe zur Vollmitgliedschaft erklimmen
Warum braucht die EU diese gestaffelte Mitgliedschaft überhaupt? Können Länder nicht einfach beitreten, wenn sie bereit sind?
Weil die klassische Alles-oder-Nichts-Logik nicht mehr funktioniert. Ein Land wie die Ukraine ist wirtschaftlich zerstört, hat Rechtsstaatsprobleme, aber strategische Bedeutung. Mit Stufen kann es schon von EU-Standards profitieren, während es sich selbst reformiert.
Aber wer entscheidet, welche Stufe ein Land erreicht hat? Das ist ja wieder eine politische Entscheidung, und die kann genauso blockiert werden wie früher.
Deswegen will die Kommission ja die Einstimmigkeit abschaffen. Dann kann nicht mehr ein einzelnes Land alles verhindern.
Stimmt, aber das ist ein riesiger Machtwechsel. Kleinere Länder verlieren damit ihr Vetorecht. Das wird nicht überall beliebt sein.
Und was ist mit der Ukraine konkret? Profitiert sie von diesem Plan?
Ja, aber mit Grenzen. Sie kann früher in einzelnen Bereichen teilnehmen, bekommt Unterstützung beim Wiederaufbau. Aber ihr Agrarsektor wird begrenzt, um europäische Bauern zu schützen.
Das ist ein großes Problem für die Ukraine. Die Landwirtschaft ist dort eine Schlüsselindustrie. Wenn die EU sagt, du darfst deine Produkte nicht hier verkaufen, dann muss die Ukraine woanders Märkte finden — und das ist nicht garantiert.
Also ein Kompromiss, der niemandem richtig gefällt?
Eher ein Versuch, mehrere Probleme gleichzeitig zu lösen. Aber ja, es gibt Verlierer.
El Pulso
- Die bisherige Logik des EU-Beitritts — alles oder nichts — stößt an ihre Grenzen, besonders angesichts der Ukraine und weiterer Kandidaten im Warteraum.
- Das Einstimmigkeitsprinzip, das einzelnen Mitgliedsländern ein faktisches Vetorecht sichert, hat die Union wiederholt gelähmt und soll nun bei zentralen Entscheidungen fallen.
- Länder, die rechtsstaatliche Standards verletzen, sollen künftig Stimmrecht und Fördermittel verlieren können — eine direkte Lehre aus dem Umgang mit Ungarn unter Viktor Orbán.
- Die mögliche Aufnahme der Ukraine wirft die Frage auf, wie ein Land mit enormen Agrarkapazitäten integriert werden kann, ohne europäische Bauern zu gefährden.
- Grünen-Chefin Terry Reintke mahnt, dass Rechtsstaatlichkeit kein Verhandlungsgegenstand sein darf — die Menschen in Beitrittskandidaten erwarteten denselben Schutz wie EU-Bürger.
- Die Vorschläge müssen noch Parlament und Mitgliedsländer passieren; Ende Oktober folgen die nächsten Fortschrittsberichte für die Kandidatenländer.
Die Europäische Union steht vor einer ihrer tiefgreifendsten Selbstbefragungen: Wie wächst eine Gemeinschaft, ohne sich dabei aufzulösen? Die EU-Kommission hat in Straßburg ein Modell gestaffelter Mitgliedschaft vorgestellt, das Beitrittskandidaten einen schrittweisen Eintritt in einzelne Politikbereiche ermöglicht — und gleichzeitig die inneren Spielregeln der Union neu schreiben will. Hinter diesen Plänen steht die Erkenntnis, dass Erweiterung ohne institutionelle Reform nicht mehr tragfähig ist.
Die Europäische Kommission hat in Straßburg ein neues Modell für die EU-Erweiterung vorgestellt: eine gestaffelte Mitgliedschaft, die Beitrittskandidaten erlaubt, schrittweise in einzelnen Sektoren teilzunehmen — etwa im Bankensystem SEPA, beim Roaming oder bei Infrastrukturprojekten — bevor sie Vollmitglieder werden. Erweiterungskommissarin Marta Kos präsentierte das Konzept als Weg, Ländern wie der Ukraine eine flexiblere Annäherung zu ermöglichen, ohne alle Bedingungen einer vollständigen Mitgliedschaft sofort erfüllen zu müssen.
Parallel dazu plant die Kommission tiefgreifende Reformen der eigenen Entscheidungsstrukturen. Das Einstimmigkeitsprinzip soll bei wichtigen Bereichen wie Sanktionen, Steuerbetrugsbekämpfung und Beitrittsentscheidungen abgeschafft werden. Mitgliedsländer, die rechtsstaatliche Standards missachten, sollen Stimmrecht und finanzielle Unterstützung verlieren können — eine Konsequenz aus den Erfahrungen mit Ungarns Blockadepolitik. Zudem soll die Zahl der EU-Kommissare künftig nicht mehr automatisch mit jedem neuen Mitglied wachsen.
Die mögliche Integration der Ukraine stellt eine besondere Herausforderung dar: Ihre erheblichen landwirtschaftlichen Kapazitäten könnten europäische Bauern unter Druck setzen. Die EU plant deshalb, die Agrarförderung für die Ukraine zu begrenzen und ihr gleichzeitig zu helfen, Absatzmärkte außerhalb der Union zu erschließen. Terry Reintke, Vorsitzende der Grünen im EU-Parlament, warnte unterdessen davor, bei der Rechtsstaatlichkeit Abstriche zu machen — die Bürger in Kandidatenländern verdienten denselben Schutz wie EU-Bürger. Die Vorschläge bedürfen noch der Zustimmung von Parlament und Mitgliedsstaaten.
Die Europäische Kommission arbeitet an einer grundlegenden Umgestaltung der EU-Erweiterung. Statt Ländern nur die Wahl zwischen Vollmitgliedschaft oder Außenseiter-Status zu geben, soll künftig eine gestaffelte Mitgliedschaft möglich sein — ein Modell, das Beitrittskandidaten erlaubt, schrittweise in einzelnen Bereichen der Union teilzunehmen, bevor sie den Status der Vollmitgliedschaft erreichen.
Die Erweiterungskommissarin Marta Kos stellte das Konzept in Straßburg vor. Länder könnten demnach zunächst in strategischen Sektoren beitreten: beim europäischen Bankensystem SEPA etwa, beim kostenlosen Roaming, oder bei Infrastruktur- und Digitalisierungsprojekten. Für die Ukraine hätte dies besondere Bedeutung — das Land könnte auf diesem Weg leichter Unterstützung beim Wiederaufbau erhalten, ohne dass sofort alle Bedingungen einer vollständigen Mitgliedschaft erfüllt sein müssen.
Doch eine erweiterte Union braucht neue Spielregeln. Die Kommission hat deshalb zentrale Reformen vorgeschlagen, die das Funktionieren der EU sichern sollen. Das Prinzip der Einstimmigkeit — wonach jedes Mitgliedsland ein Veto einlegen kann — soll bei den meisten Entscheidungen abgeschafft werden. Konkret betrifft dies Sanktionen, die Verfolgung von Steuerbetrug und Beitrittsentscheidungen selbst. Hintergrund dieser Forderung ist die Erfahrung mit Viktor Orbán, dem früheren ungarischen Regierungschef, der nicht nur Blockadepolitik betrieb, sondern auch europäische Rechtsstaatsstandards verletzte. Um ähnliche Situationen künftig zu verhindern, sollen Länder, die rechtsstaatliche Standards missachten, ihr Stimmrecht und ihre finanzielle Unterstützung verlieren können.
Auch die Struktur der Kommission selbst soll sich ändern. Bislang wächst die Zahl der Kommissare mit jedem neuen Mitgliedsland — derzeit gibt es 27, vergleichbar mit Ministern in einem nationalen Kabinett. Künftig soll diese Zahl eher sinken als steigen, um die Handlungsfähigkeit zu bewahren.
Eine besondere Herausforderung stellt die mögliche Aufnahme der Ukraine dar. Der Agrarsektor ist der größte Ausgabenposten im EU-Haushalt, und die Ukraine verfügt über erhebliche landwirtschaftliche Kapazitäten. Um europäische Bauern nicht zu gefährden, soll die finanzielle Unterstützung für den ukrainischen Agrarsektor begrenzt werden. Gleichzeitig plant die EU, der Ukraine dabei zu helfen, ihre Produkte auf Drittmärkte und in ihre historischen Absatzgebiete zu bringen — ein Versuch, den Konflikt zwischen Erweiterung und Protektion zu entschärfen.
Terry Reintke, die Vorsitzende der Grünen im EU-Parlament, warnt jedoch vor Kompromissen bei der Rechtsstaatlichkeit. Die Menschen in Beitrittskandidaten wollten dieselben Regeln wie EU-Bürger, Schutz vor Korruption und ein besseres Leben. Das dürfe nicht verhandelt werden.
Die Vorschläge der Kommission müssen noch vom EU-Parlament und den Mitgliedsländern bestätigt werden. Ende Oktober werden die nächsten Fortschrittsberichte für die Beitrittskandidaten vergeben. Der Weg in die EU bleibt lang, doch mit diesen Reformen könnte er durchlässiger werden.
Citas Notables
Wenn ein Kandidat die Standards erreicht hat, kann er in diesen strategischen Sektoren teilnehmen. Das sind Win-win-Situationen für bestehende und künftige Mitglieder.— Marta Kos, EU-Erweiterungskommissarin
Bei der Rechtsstaatlichkeit der Beitrittskandidaten darf die EU keine Kompromisse machen.— Terry Reintke, Vorsitzende der Grünen im EU-Parlament