Der Pessimismus ist historisch beispiellos: 1990 waren noch 60% hoffnungsvoll, heute nur 29%. Besorgnis über die nächsten zehn Jahre stieg von 16% (1990) auf 36% (2026). Hauptsorgen sind politische Spaltung (74%), wachsende Ungleichheit (73%), Unsicherheit (70%) und Spannungen mit Zuwanderern (62%). Nur drei von 20 Themen werden optimistischer gesehen.
Deutsche blicken so pessimistisch in die Zukunft wie nie zuvor
Früher war das Wetter auch schon früher besser
Warum ist dieser Pessimismus so bemerkenswert? Haben die Deutschen nicht schon in anderen Krisen pessimistisch in die Zukunft geblickt?
Das ist genau der Punkt. 2011, während der Finanzkrise, waren immerhin noch 46 Prozent hoffnungsvoll. Heute sind es nur 29 Prozent. Das ist ein historischer Tiefstand in der Umfragegeschichte.
Aber wir müssen vorsichtig sein: Die Umfrage zeigt, dass 81 Prozent nicht glauben, dass man die Zukunft überhaupt vorhersagen kann. Das bedeutet, diese Pessimismus-Zahlen sind eher ein Spiegel der gegenwärtigen Stimmung als verlässliche Prognosen.
Was treibt diesen Pessimismus konkret an?
Die Umfrage nennt mehrere Faktoren. Corona und der Krieg in der Ukraine haben massive Unsicherheit geschaffen – 72 Prozent sagen, wir leben in einer besonders unsicheren Zeit, 2019 waren es nur 45 Prozent. Aber es gibt auch tiefere kulturelle Muster.
Interessanterweise zeigt die Umfrage auch, dass Menschen grundsätzlich dazu neigen, die Vergangenheit zu verklären. Die Frage nach dem Wetter in der Kindheit wird seit Jahrzehnten gestellt – und immer sagen Mehrheiten, es war früher besser. Das ist unabhängig von der tatsächlichen Wetterlage.
Gibt es Unterschiede zwischen Altersgruppen?
Ja, sehr große sogar. 49 Prozent der unter 30-Jährigen blicken hoffnungsvoll auf die nächsten zehn Jahre, aber nur 19 Prozent der über 60-Jährigen. Das ist ein Unterschied von 30 Prozentpunkten.
Das ist wichtig, weil es zeigt, dass die alternde Bevölkerung selbst ein Treiber des Pessimismus ist. Im Jahr 2000 waren die Unterschiede zwischen Jung und Alt weniger dramatisch. Jetzt gibt es einfach mehr ältere Menschen, und sie sind pessimistischer.
Welche konkreten Sorgen nennen die Deutschen?
Die Hauptsorgen sind: politische Spaltung (74 Prozent), wachsende Ungleichheit (73 Prozent), allgemeine Unsicherheit (70 Prozent) und Spannungen mit Zuwanderern (62 Prozent). Auch die Folgen der Alterung selbst sind ein großes Thema – 64 Prozent erwarten, dass ältere Menschen die Gesellschaft nicht mehr verstehen werden.
Das ist bemerkenswert: Die Sorgen, die genannt werden, sind sehr gegenwartsnah. Sie spiegeln aktuelle Debatten wider. Das unterstützt die These des Artikels, dass Zukunftsfragen eigentlich Gegenwartsfragen sind.
Gibt es auch positive Signale in der Umfrage?
Ja, tatsächlich. Bei nur drei von 20 Themen überwiegen die optimistischen Erwartungen: Bundeswehr-Ausrüstung (69 Prozent), Verkehrsinfrastruktur (41 Prozent) und Familie-Beruf-Vereinbarkeit (30 Prozent). Und die Angst vor Technologie ist gesunken – 2019 fürchteten sich 51 Prozent, 2026 nur noch 43 Prozent.
Das ist wichtig zu erwähnen, weil es zeigt, dass der Pessimismus nicht total ist. Es gibt Bereiche, wo Menschen optimistischer werden. Aber die Mehrheit der Themen wird negativ gesehen.
Le Pouls
- Nur 29 Prozent blicken hoffnungsvoll auf die nächsten zehn Jahre, 1990 waren es 60 Prozent
- 74 Prozent erwarten politische Spaltung, 73 Prozent wachsende Ungleichheit
- 49 Prozent der unter 30-Jährigen sind hoffnungsvoll, aber nur 19 Prozent der über 60-Jährigen
- 72 Prozent sagen, wir leben in einer besonders unsicheren Zeit (2019: 45 Prozent)
Der Pessimismus ist historisch beispiellos: 1990 waren noch 60% hoffnungsvoll, heute nur 29%. Besorgnis über die nächsten zehn Jahre stieg von 16% (1990) auf 36% (2026). Hauptsorgen sind politische Spaltung (74%), wachsende Ungleichheit (73%), Unsicherheit (70%) und Spannungen mit Zuwanderern (62%). Nur drei von 20 Themen werden optimistischer gesehen.
Eine Allensbacher Umfrage zeigt beispiellose Zukunftspessimismus unter Deutschen: Nur 29% blicken hoffnungsvoll auf die nächsten zehn Jahre, während 74% mit politischer Spaltung und 73% mit wachsender Ungleichheit rechnen.
Die Deutschen blicken auf die kommenden zehn Jahre mit einer Düsternis, die in der modernen Umfragegeschichte ohne Beispiel ist. Das zeigt eine aktuelle Erhebung des Instituts für Demoskopie Allensbach im Auftrag der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Nur 29 Prozent der Bevölkerung sagen, sie sähen der nächsten Dekade mit Hoffnung entgegen. 1990, unmittelbar nach dem Fall der Mauer, waren es noch 60 Prozent. Selbst 2011, mitten in der Finanzkrise, gaben immerhin 46 Prozent eine hoffnungsvolle Antwort. Gleichzeitig ist der Anteil derer, die mit Besorgnis in die Zukunft blicken, von 16 Prozent im Jahr 1990 auf 36 Prozent heute gestiegen.
Was die Deutschen in dieser Zukunft erwarten, ist ein Bild der Zersplitterung und des Niedergangs. 74 Prozent rechnen damit, dass die Gesellschaft in zehn Jahren in politischen Fragen deutlich gespaltener sein wird als heute. 73 Prozent glauben, dass Reiche reicher und Arme ärmer werden. 70 Prozent befürchten wachsende Unsicherheit und sinkende Berechenbarkeit. 62 Prozent erwarten mehr Spannungen zwischen Deutschen und Zuwanderern. Diese Antworten sind nicht abstrakt; sie spiegeln die gegenwärtigen öffentlichen Debatten wider, die sich in den Köpfen der Menschen festgesetzt haben.
Die Sorge um die alternde Gesellschaft durchzieht die Umfrage wie ein Leitmotiv. Jeweils 64 Prozent der Befragten sagen, dass ältere Menschen in zehn Jahren Schwierigkeiten haben werden, die Gesellschaft zu verstehen, und dass die wachsende Zahl von Senioren große Probleme mit sich bringen wird. Daneben stehen kulturpessimistische Haltungen: Mehrheiten glauben, dass Menschen egoistischer werden und dass Geld an Bedeutung gewinnt. 51 Prozent erwarten einen Rückgang des Lebensstandards. Die einzige positive Aussage, die es in die Top-15 der Rangliste schafft, ist die Erwartung, dass die Familie an Bedeutung zunehmen könnte – doch nur 23 Prozent stimmen dem zu.
Bei einer detaillierteren Frage, wie sich die Lage in Deutschland in 20 verschiedenen Bereichen entwickeln wird, zeigt sich die Breite des Pessimismus. Nur bei drei Themen überwiegen die optimistischen Erwartungen: 69 Prozent glauben an eine bessere Ausrüstung der Bundeswehr, 41 Prozent an verbesserte Verkehrsinfrastruktur, und bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf halten 30 Prozent eine Verbesserung für wahrscheinlich. Bei allen anderen Themen dominieren die negativen Prognosen. 65 Prozent erwarten schlechtere soziale Absicherung, 62 Prozent eine Verschlechterung der Gesundheitsversorgung, 59 Prozent sinkenden Wohlstand, 54 Prozent einen schlechteren Zustand von Natur und Umwelt.
Die Ursachen dieses beispiellosen Pessimismus sind vielfältig. Ein wesentlicher Grund liegt in der Verunsicherung, die Corona-Pandemie und der russische Überfall auf die Ukraine hinterlassen haben. 72 Prozent der Befragten sagen, wir lebten heute in einer besonders unsicheren Zeit. 2019 waren es nur 45 Prozent. Doch es gibt auch eine tiefere, kulturelle Komponente: eine grundsätzliche Neigung, die Vergangenheit zu verklären. Als die Umfrage fragte, ob das Wetter in der Kindheit besser war als heute, antworteten 38 Prozent mit ja, nur fünf Prozent mit nein. Diese Frage wurde auch 1981 und 2005 gestellt – und damals gaben Mehrheiten ebenfalls an, das Wetter sei früher besser gewesen. Es scheint eine zeitlose Grundhaltung zu sein: Früher war vieles besser.
Ein entscheidender Faktor ist die demografische Verschiebung. Unter den unter 30-Jährigen blicken 49 Prozent hoffnungsvoll auf die nächsten zehn Jahre. Bei den über 60-Jährigen sind es nur 19 Prozent. Im Jahr 2000, in einer ganz anderen politischen Lage, waren die Unterschiede weniger dramatisch: Damals blickten 72 Prozent der Jungen und 42 Prozent der Älteren hoffnungsvoll in die Zukunft. Eine alternde Gesellschaft ist auch eine pessimistischere Gesellschaft.
Doch nicht alle Signale deuten in die gleiche Richtung. Der Anteil derer, die sich vor technologischen Neuerungen fürchten, ist gesunken: 2019 stimmten 51 Prozent der Aussage zu, dass technologische Entwicklungen beängstigend seien; 2026 sind es nur noch 43 Prozent. Und die Vorstellung, dass künstliche Intelligenz die Menschheit auslöschen könnte, halten nur 28 Prozent für realistisch, während 53 Prozent dies für unrealistisch halten. Besonders bemerkenswert ist eine andere Erkenntnis: 81 Prozent der Befragten glauben nicht, dass man die Zukunft vorhersagen kann. Nur zehn Prozent trauen Prognosen. Mit Blick auf die Geschichte der Umfrageforschung haben sie recht – die Zukunftsvorstellungen der Menschen sagen meist mehr über die Gegenwart aus als über das, was tatsächlich kommt.
Citations marquantes
Wirtschaft ist zu 50 Prozent Psychologie. Wenn die Menschen glauben, es gehe bergab, geht es auch bergab.— Ludwig Erhard, zitiert im Artikel
81 Prozent der Befragten glauben nicht, dass man die Zukunft vorhersagen kann.— Allensbacher Umfrage