Der Nobelpreis-Effekt: Wie die Buchbranche mit plötzlicher Nachfrage kämpft

Der Nobelpreis funktioniert wie ein Gütesiegel – aber nicht für alle gleich.
Literaturwissenschaftlerin Sandra Richter erklärt, warum der Effekt bei etablierten Autoren schwächer ausfällt.
Mark

Warum ist der Nobelpreis für die Buchbranche so schwer zu handhaben? Es ist doch nur ein Preis.

Mimi

Weil er geheim vergeben wird. Die Akademie gibt keine Hinweise, also können Verlage und Buchhandlungen nicht vorausplanen. Wenn die Entscheidung fällt, explodiert die Nachfrage innerhalb von Tagen.

Luke

Aber wie massiv ist diese Explosion wirklich? Die 400-fache Steigerung bei Krasznahorkai – ist das typisch oder ein Ausreißer?

Mimi

Das ist aus einer Studie von Media Control. Es zeigt den Effekt im Extremfall. Aber nicht alle Autoren erleben das gleich intensiv.

Mark

Wer profitiert am meisten?

Mimi

Unbekannte Autoren, die plötzlich international sichtbar werden. Wenn du schon weltberühmt bist wie Thomas Mann, hilft dir der Preis weniger.

Luke

Und wie lange hält dieser Effekt an?

Mimi

Ein bis zwei Jahre. Dann wendet sich die Aufmerksamkeit dem nächsten Preisträger zu.

Mark

Also ist es für kleinere Verlage wie Matthes & Seitz ein Segen und eine Last zugleich?

Mimi

Genau. Sie müssen schnell entscheiden, wie viel sie nachdrucken, ohne zu wissen, wie lange die Nachfrage anhält.

Luke

Aber es gibt auch praktische Probleme – bei Anne Carson waren deutsche Übersetzungen nicht sofort verfügbar. Wie oft passiert das?

Mimi

Regelmäßig. 2021 bei Abdulrazak Gurnah war gar nichts auf Deutsch zu haben. Dieses Jahr ist es besser, aber immer noch knapp.

Mark

Und das Genre spielt auch eine Rolle?

Mimi

Ja. Lyrik und Essays erreichen kleinere Leserkreise als Prosa. Carsons Nachfrage wird solider, aber nicht explosiv sein.

  • Nachfrage nach Büchern des Nobelpreisgewinners Laszlo Krasznahorkai stieg in vier Wochen um das 400-Fache
  • Ein Jahr später noch 16-mal höhere wöchentliche Verkäufe als vor der Auszeichnung
  • Effekt verpufft nach ein bis zwei Jahren
  • 2021 waren keine Werke von Abdulrazak Gurnah auf Deutsch verfügbar
  • Anne Carson erhielt 2024 den Nobelpreis für Literatur

Nach der Nobelpreis-Verleihung steigt die Nachfrage nach Büchern des Gewinners in den ersten vier Wochen um das 400-Fache. Kleinere Verlage müssen schnell entscheiden, welche Titel nachgedruckt werden, während Übersetzungen oft nicht sofort verfügbar sind.

Die Verleihung des Literaturnobelpreises führt zu massiv gestiegener Nachfrage nach den Werken der Preisträger, stellt Buchhandlungen und Verlage aber vor logistische Herausforderungen. Der Effekt wirkt unterschiedlich stark je nach Autor und Genre.

In der Berliner Buchhandlung Dussmann herrschte nach der Bekanntgabe des Literaturnobelpreises 2024 ein bekanntes Chaos. Anne Carson, die kanadische Preisträgerin, war gerade ausgezeichnet worden, doch wer ihre Werke kaufen wollte, musste sich mit englischen Originalen begnügen. Titel wie "Eros the Bittersweet" oder "Autobiography of Red" lagen nur in der Originalsprache vor. Die deutschen Übersetzungen würden in Kürze wieder lieferbar sein, erklärte Gibran Syed, Floormanager für Moderne Literatur bei Dussmann, doch größere Mengen seien bereits bestellt. Bis dahin blieb E-Books als Ausweg. Das Problem: Buchhandlungen im ganzen Bundesgebiet versuchten gleichzeitig, an die knappen Exemplare zu gelangen. Niemand konnte sagen, wann der Preisträgertisch am Eingang mit deutschen Fassungen bestückt sein würde.

Dieser Moment wiederholt sich Jahr für Jahr, seit es den Nobelpreis für Literatur gibt. Die Schwedische Akademie hält ihre Favoritenliste streng geheim, weshalb sich Buchhandel und Verlage kaum vorbereiten können. Überraschungen gehören zum System. 2021 etwa, als Abdulrazak Gurnah ausgezeichnet wurde, war keines seiner Werke auf Deutsch erhältlich. Dieses Jahr verlief anders, doch die Herausforderung blieb dieselbe: Wie reagiert man auf plötzliche, massive Nachfrage?

Für kleinere Verlage ist die Auszeichnung eine Belastungsprobe. Andreas Rötzer vom Verlag Matthes & Seitz, der insgesamt vier Bücher von Anne Carson im Programm hat, stand vor einer Entscheidung, die er selbst noch nie treffen musste: Wie viel sollte man nachdrucken? Welche Titel? Thedel von Wallmoden, Gründer des Wallsteinverlags, hatte mehr Erfahrung. 2009 erhielt eine seiner Autorinnen, Herta Müller, den Nobelpreis. Neben dem damals aktuellen Buch "Atemschaukel" verkauften sich auch ihre früheren Werke in fünfstelligen Auflagenzahlen. Das war der Effekt in seiner vollen Kraft.

Die Zahlen zeigen die Dimension des Phänomens. Im vergangenen Jahr wurden die Bücher des Nobelpreisgewinners Laszlo Krasznahorkai in den ersten vier Wochen nach der Auszeichnung knapp 400-mal häufiger verkauft als in den zwölf Wochen davor. Das ergab eine Auswertung des Marktforschungsunternehmens Media Control im Auftrag des RBB. Die Nachfrage betraf nicht nur sein neuestes Werk, sondern auch ältere Titel. Ein Jahr später, so Media Control, wurden seine Bücher pro Woche immer noch 16-mal häufiger verkauft als vor der Auszeichnung. Doch generell verpufft der Effekt nach ein bis maximal zwei Jahren, sagt Sandra Richter, Leiterin des Literaturarchivs Marbach. "Die Aufmerksamkeit gehört dann dem nächsten Nobelpreisträger oder der nächsten Nobelpreisträgerin und seinen oder ihren Büchern."

Richter und ihre Kollegin Dîlan Canan Çakir haben für den deutschsprachigen Raum untersucht, ob und wie stark dieser Effekt wirkt. Ihr Fazit: Die Zahl der Übersetzungen und damit die internationale Sichtbarkeit steigt nach der Verleihung deutlich an. Der Preis funktioniert wie ein Gütesiegel. Aber der Effekt fällt nicht bei allen gleich aus. Pearl S. Buck, eine amerikanische Autorin, erhielt 1938 den Nobelpreis, profitierte aber kaum davon. Sie war wenig beliebt, ihre Texte galten nicht als herausragend. Auch Thomas Mann, ausgezeichnet 1929, zeigte einen schwächeren Effekt, weil er bereits international etabliert war. "Der Nobelpreis ist keine notwendige Bedingung für den weltweiten Ruhm eines Autors, aber er begünstigt ihn", erklärt Richter.

Genre und Leserschaft spielen eine Rolle. Gibran Syed rechnet für Anne Carsons Bücher mit etwas weniger Nachfrage als bei Krasznahorkai. Lyrik und essayistische Literatur erreichen erfahrungsgemäß ein weniger breites Publikum. Doch Carsons Bedeutung im internationalen Literaturbetrieb und ihre langjährige, treue Leserschaft lassen solide Nachfrage über ihr gesamtes Werk hinweg erwarten. Wenn Carson am 10. Dezember den Preis überreicht bekommt, wird Dussmann vorbereitet sein. Die Buchhändler wissen aus Erfahrung, dass Nobelpreisträger gern als Weihnachtsgeschenk gekauft werden.

Der Nobelpreis ist keine notwendige Bedingung für den weltweiten Ruhm eines Autors, aber er begünstigt ihn.
— Sandra Richter, Leiterin des Literaturarchivs Marbach
Lyrik und essayistische Literatur erreichen erfahrungsgemäß ein weniger breites Publikum.
— Gibran Syed, Floormanager Moderne Literatur, Buchhandlung Dussmann
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