In Magdeburg vollzog sich am Dienstag ein historischer Einschnitt in der deutschen Parlamentsgeschichte: Tobias Rausch wurde als erster AfD-Politiker zum Landtagspräsidenten eines deutschen Bundeslandes gewählt. Das Ereignis wirft grundlegende Fragen über die Stabilität demokratischer Mehrheiten auf – denn die Zahlen deuten darauf hin, dass die Brandmauer der CDU gegenüber der AfD erstmals von innen durchbrochen worden sein könnte. Was in Sachsen-Anhalt als Abstimmung begann, endet als Prüfstein für die Frage, wie lange politische Disziplin gegen den Sog des Machterhalts standhält.
AfD stellt erstmals Landtagspräsidenten – CDU-Chef Schulze unter Druck
Die Fraktion hat ihm das heute signalisiert.
Warum ist es so bedeutsam, dass die AfD erstmals einen Landtagspräsidenten stellt?
Weil es ein symbolischer Wendepunkt ist. Die AfD war lange Zeit isoliert, und jetzt hat sie ein Amt, das Macht über das Haus selbst gibt – über Hausordnung, Personalentscheidungen, wer reden darf.
Aber Rausch wurde mit nur 58 Prozent der Stimmen gewählt. Das ist schwach. Nur Hardy Peter Güssau bekam weniger, und der trat zurück.
Richtig, aber die Schwäche der Wahl ändert nichts an den Befugnissen, die er jetzt hat.
Was ist das größere Problem für Schulze?
Dass möglicherweise vier seiner eigenen Abgeordneten für Rausch gestimmt haben, obwohl er Enthaltung angeordnet hatte. Das bedeutet, er hat die Kontrolle über seine Fraktion verloren.
Aber Schulze behauptet, die Fraktion habe geschlossen gegen Rausch gestimmt. Wir wissen nicht mit Sicherheit, dass CDU-Abgeordnete für ihn stimmten – wir wissen nur, dass die Zahlen nicht aufgehen.
Und was passiert jetzt?
Im Dezember wird ein neuer Ministerpräsident gewählt. Wenn Schulze nicht mehr die Unterstützung seiner Fraktion hat, könnte Siegmund von der AfD eine Chance bekommen.
Das ist aber noch Spekulation. Wir wissen, dass die Fraktionsdisziplin brüchig ist. Mehr nicht.
Was kann Rausch als Präsident konkret tun?
Er entscheidet über die Hausordnung, wer Zutritt bekommt – heute waren erstmals AfD-Streamer als Medienvertreter akkreditiert. Er kann Angestellte versetzten und einstellen. Er leitet die Sitzungen und kann Abgeordnete sanktionieren.
Wobei er selbst mehrfach Ordnungsrufe bekommen hat. Die Frage ist, ob er die Regeln jetzt durchsetzt oder ob er sie selektiv anwendet.
The Pulse
- Mit 48 Stimmen – mehr als AfD und BSW gemeinsam aufbringen konnten – wurde Rausch gewählt, was den Verdacht nährt, dass CDU-Abgeordnete entgegen der Weisung ihres Fraktionschefs für ihn stimmten.
- Ministerpräsident Sven Schulze steht vor einem Glaubwürdigkeitsproblem: Er behauptete geschlossene Ablehnung seiner Fraktion, doch die Arithmetik widerspricht ihm.
- Rausch übernimmt als Landtagspräsident erhebliche institutionelle Macht – von der Hausordnung über Akkreditierungen bis hin zu Personalentscheidungen im Landtag.
- Der Hardliner Hans-Thomas Tillschneider wurde trotz BSW-Widerstand zum Vizepräsidenten gewählt, während der SPD-Kandidat Willingmann mit deutlicher Mehrheit scheiterte.
- Die Verschiebung der Machtverhältnisse erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass AfD-Fraktionschef Ulrich Siegmund im Dezember als Ministerpräsidentenkandidat ernsthaft in Betracht gezogen werden könnte.
In Magdeburg vollzog sich am Dienstag ein historischer Einschnitt in der deutschen Parlamentsgeschichte: Tobias Rausch wurde als erster AfD-Politiker zum Landtagspräsidenten eines deutschen Bundeslandes gewählt. Das Ereignis wirft grundlegende Fragen über die Stabilität demokratischer Mehrheiten auf – denn die Zahlen deuten darauf hin, dass die Brandmauer der CDU gegenüber der AfD erstmals von innen durchbrochen worden sein könnte. Was in Sachsen-Anhalt als Abstimmung begann, endet als Prüfstein für die Frage, wie lange politische Disziplin gegen den Sog des Machterhalts standhält.
Am Dienstag in Magdeburg schrieb Tobias Rausch aus Staßfurt Geschichte: Als erster AfD-Politiker überhaupt wurde er zum Landtagspräsidenten eines deutschen Bundeslandes gewählt. Dass er gewählt werden würde, galt als wahrscheinlich – die AfD verfügte über 39 eigene Stimmen, das BSW über fünf und hatte Unterstützung zugesagt. Entscheidend war, dass CDU-Fraktionschef Schulze Enthaltung ankündigte, was die nötige Mehrheit rechnerisch senkte.
Doch das Ergebnis von 48 Stimmen ließ sich nicht sauber erklären. AfD und BSW zusammen kamen nur auf 44 – vier Stimmen fehlten in der Rechnung. Da SPD, Grüne und Linke eine Wahl Rauschs ausgeschlossen hatten, deutet vieles darauf hin, dass CDU-Abgeordnete gegen die Linie ihres Fraktionschefs stimmten. Schulze bestritt dies im MDR-Interview – die Zahlen aber erzählten eine andere Geschichte und stellten seine Autorität über die eigene Fraktion infrage.
Rausch selbst, sichtlich nervös im cremefarbenen Anzug, gab sich versöhnlich und sprach davon, für alle Fraktionen da sein zu wollen. Doch das Amt verleiht ihm reale Macht: Er bestimmt, wer das Landtagsgebäude betreten darf, trifft Personalentscheidungen und leitet die Sitzungen – auch jene, in denen er in der Vergangenheit selbst Ordnungsrufe kassiert hatte.
Bei den Vizepräsidentenwahlen setzte die AfD ihren Kurs fort: Die Geschäftsordnung wurde so geändert, dass Kandidaten im offenen Wettbewerb gewählt werden konnten. Tillschneider, Verfasser des AfD-Wahlprogramms und bekannt für seine Positionen zu Rüstung und Außenpolitik, wurde trotz BSW-Widerstand mit 44 Stimmen gewählt. Die SPD erlebte eine Demütigung: Ihr ehemaliger Spitzenkandidat Willingmann scheiterte mit 33 zu 48 Stimmen. Für Schulze war es ein Tag, der seine ohnehin geschwächte Stellung weiter erschütterte.
Am Dienstagmorgen vor dem Landtag in Magdeburg versammelten sich nur wenige Demonstranten beim Demobus des Zentrums für politische Schönheit. Auf der anderen Seite des Zauns stand Ulrich Siegmund, Fraktionschef der AfD, umgeben von Journalisten und parteinahen Streamern, und bot das Gespräch an. Doch an diesem Tag sollte ein anderer Mann Geschichte schreiben: Tobias Rausch aus Staßfurt, der erste Landtagspräsident der AfD in Deutschland.
Dass Rausch gewählt würde, galt vorher als sicher. Die AfD brachte 39 Stimmen aus eigener Kraft auf, das BSW – seit Oktober unter neuem Namen Bündnis Soziale Gerechtigkeit und Wirtschaftliche Vernunft – hatte fünf Abgeordnete und zugesagte Unterstützung. Entscheidend aber war eine andere Rechnung: CDU-Fraktionschef Sven Schulze, noch Ministerpräsident des Landes, kündigte an, dass seine Fraktion sich enthalten würde. Nach der Geschäftsordnung des Landtags zählen Enthaltungen nicht mit – das senkte die Hürde für Rausch erheblich. Bei 82 anwesenden Abgeordneten brauchte er nur die Mehrheit der abgegebenen gültigen Stimmen. Am Ende erhielt er 48 Stimmen.
Doch diese Zahl offenbarte ein Problem für Schulze. Die AfD und das BSW zusammen brachten nur 44 Stimmen auf. Das bedeutete, dass vier Stimmen von anderswo kamen – möglicherweise von CDU-Abgeordneten, die gegen die Anweisung ihres Fraktionschefs stimmten. SPD, Grüne und Linkspartei hatten mehrfach erklärt, Rausch nicht zu wählen. Wenn tatsächlich vier CDU-Politiker für ihn gestimmt hatten, dann hatte Schulze die Kontrolle über seine Fraktion verloren. Eine Wahl des AfD-Hardliners Ulrich Siegmund zum Ministerpräsidenten im Dezember würde damit deutlich wahrscheinlicher. Schulze selbst behauptete später im MDR-Interview, die Fraktion habe geschlossen gegen Rausch gestimmt – doch die Zahlen sprachen eine andere Sprache.
Rausch, in cremefarbenem Anzug und sichtbar nervös, versuchte, das Haus für sich einzunehmen. Er wolle für das Volk da sein, aber auch für alle Fraktionen, sagte er. Doch die Macht, die ihm das Amt gab, war erheblich. Als Landtagspräsident kontrolliert er die Hausordnung und entscheidet, wer das Gebäude betreten darf – eine Frage, die an diesem Tag neu relevant wurde, als erstmals auch AfD-nahe Streamer als "Medienvertreter" akkreditiert waren. Rausch kann Angestellte des Hauses versetzten und neue einstellen. In der Vergangenheit war er wegen Vorwürfen der Vetternwirtschaft kritisiert worden, nachdem er mehrere Spieler seines Vereins in seinem Abgeordnetenbüro beschäftigt hatte.
Als Sitzungsleiter müsste Rausch jene Abgeordneten sanktionieren, die den Ton im Landtag verschärft haben – viele davon aus der AfD, und Rausch selbst war mehrfach darunter. 2024 etwa kassierte er einen Ordnungsruf, als er mit anderen Abgeordneten im Landtag schimpfte. Dass dieser raue Ton nun folgenlos bleibt, fürchten die anderen Fraktionen.
Die Wahl der Vizepräsidenten wurde zum nächsten Machtspiel. Die AfD änderte die Geschäftsordnung so, dass die Stellvertreter nicht mehr von den Fraktionen nach Wahlergebnis vorgeschlagen werden, sondern in einem offenen Rennen gewählt werden können. Damit war klar: Hans-Thomas Tillschneider, Hardliner und Verfasser des AfD-Wahlprogramms, würde als Vizepräsident aufgestellt. Das BSW hatte angekündigt, gegen ihn zu stimmen – doch Tillschneider wurde mit 44 Stimmen gewählt, bei 38 Nein-Stimmen. Das BSW hielt Wort und wählte Rausch, zog aber eine Grenze bei Tillschneider. "Eine Wahl von Hans-Thomas Tillschneider zum Landtagsvizepräsidenten kommt für uns nicht infrage", erklärte John Lucas Dittrich, parlamentarischer Geschäftsführer des BSW, und verwies auf Tillschneiders Positionen zu Krieg und Frieden sowie Rüstungsindustrie.
Die CDU bekam ihren Kandidaten Carsten Borchert mit 64 zu 17 Stimmen ins Präsidium. Für die SPD endete der Tag mit einer Demütigung: Ihr ehemaliger Spitzenkandidat und Wissenschaftsminister Armin Willingmann fiel mit 33 Ja- zu 48 Nein-Stimmen durch. Auch hier könnte die CDU das Zünglein an der Waage gewesen sein. Schulze selbst stand unter Druck wie nie zuvor. Nach der Niederlage am Wahltag und dem Scherbengericht, das Teile seiner Partei keine 30 Minuten nach der ersten Prognose über seinen Spitzenkandidaten hielten, fehlte ihm der Rückhalt. Die Fraktion hatte ihm das an diesem Dienstag deutlich signalisiert.
Notable Quotes
Man hat manchmal das Gefühl, dass die Gesellschaft und Teile der Repräsentanten verlernt haben, dass man anderer politischer Meinung sein kann und trotzdem normal und fair miteinander umgehen kann.— Tobias Rausch, neu gewählter Landtagspräsident
Eine Wahl von Hans-Thomas Tillschneider zum Landtagsvizepräsidenten kommt für uns nicht infrage. Insbesondere bei Fragen von Krieg und Frieden sowie der Rüstungsindustrie hat Herr Tillschneider in der Vergangenheit Positionen vertreten, die unseren politischen Überzeugungen deutlich widersprechen.— John Lucas Dittrich, parlamentarischer Geschäftsführer des BSW