Sicherheitsstudie: Deutschland beim Schutz kritischer Infrastruktur zehn Jahre im Rückstand

Wer erst in der Lage klärt, wer entscheidet, hat verloren.
Studienleiter Bernhard Steimel über die Gefahr von Verzögerungen in Krisensituationen.
Mark

Was genau ist das Problem? Deutschland hat doch Drohnenabwehr, Cybersicherheit, Polizei – warum funktioniert das nicht zusammen?

Mimi

Weil sie nicht miteinander reden. Eine Drohne über Bremen – der Betreiber sieht sie, kennt sogar den Piloten, aber er darf nicht eingreifen. Die Polizei muss kommen. Bis sie da ist, ist die Drohne weg. Das ist nicht ein technisches Problem, das ist ein Koordinationsproblem.

Luke

Aber wie schlecht ist es wirklich? Die Studie sagt, 61 Prozent halten Deutschland für eingeschränkt handlungsfähig. Das bedeutet aber auch, dass 39 Prozent das nicht sagen. Wer sind diese 39 Prozent?

Mimi

Das ist eine gute Frage. Die Studie sagt nicht, wer genau diese Leute sind. Es könnten Optimisten sein, oder Leute, die nur einen Bereich kennen. Aber keiner – keiner – sagt, Deutschland sei vollständig handlungsfähig.

Mark

Und das Beispiel mit Polen und den Windkraftanlagen – zwei Wochen Verzögerung. Ist das typisch?

Mimi

Es ist symptomatisch. Ein deutscher Energiebetreiber erfährt von niederländischen Behörden von Angriffen auf Windkraftanlagen in Polen. Deutsche Stellen geben die Information erst zwei Wochen später weiter. Das zeigt: Die Informationen sind da, aber sie fließen nicht.

Luke

Aber wir wissen nicht, warum es zwei Wochen waren. War es Bürokratie? Fehlende Technik? Mangelndes Vertrauen? Die Studie sagt nicht, was die Verzögerung verursacht hat.

Mimi

Das ist der Punkt. Es gibt keine klare Verantwortlichkeit. Wenn niemand weiß, wer was weitergeben soll, passiert es nicht – oder zu spät.

Mark

Die Studie fordert 30 Maßnahmen. Das klingt nach viel Arbeit. Ist das realistisch bis 2030?

Mimi

Steimel sagt, Deutschland hat die Mittel und die Menschen. Es geht nicht um neue Technologie, sondern um Vernetzung. Gemeinsame Lagebilder, standardisierte Datenverbindungen, Krisenübungen.

Luke

Aber wer setzt das um? Wer hat die Autorität, Behörden zu zwingen, ihre Silos aufzugeben? Das ist eine politische Frage, nicht nur eine technische.

Mimi

Genau. Und das ist wahrscheinlich die größte Hürde.

  • 61 Prozent der befragten Sicherheitsexperten halten Deutschland in komplexen Krisenlagen für eingeschränkt handlungsfähig
  • Deutschland liegt beim Schutz kritischer Infrastruktur mehr als zehn Jahre hinter internationalen Standards zurück
  • Informationen über Angriffe auf Windkraftanlagen in Polen erreichten deutsche Stellen zwei Wochen später als niederländische Behörden
  • Die Studie formuliert 30 konkrete Maßnahmen zur Verbesserung der Koordination bis 2030

61 Prozent der befragten Sicherheitsexperten halten Deutschland in komplexen Krisenlagen für eingeschränkt handlungsfähig, keiner bewertet das Land als vollständig handlungsfähig. Behörden arbeiten in isolierten Strukturen ohne ressortübergreifendes Lagebild; Informationen zwischen Polizei, Militär und Infrastrukturbetreibern fließen zu langsam.

Eine Sicherheitsstudie warnt, dass Deutschland beim Schutz kritischer Infrastruktur über zehn Jahre hinter internationalen Standards zurückliegt. Hauptproblem ist nicht fehlende Technik, sondern mangelnde Koordination zwischen Behörden.

Eine Drohne kreist über einem Werksgelände in Bremen, das für die nationale Sicherheit relevant ist. Der Betreiber sieht sie, kann sogar den Standort des Piloten ausmachen. Aber handeln darf er nicht. Bis die Polizei ankommt, ist das Fluggerät verschwunden. Dieses Szenario ist kein Einzelfall – es ist das Symptom eines systematischen Problems, das eine neue Sicherheitsstudie des Bonner Netzwerks AFCEA offenlegt: Deutschland ist beim Aufbau eines integrierten Sicherheitssystems in entscheidenden Bereichen mehr als zehn Jahre im Rückstand.

Das Kernproblem ist nicht mangelnde Technologie oder fehlendes Fachwissen. Studienleiter Bernhard Steimel benennt es präzise: Die Übergänge zwischen den vorhandenen Fähigkeiten funktionieren nicht. Informationen müssen in Entscheidungen umgewandelt werden, Entscheidungen müssen schnell in Handlung münden. Doch genau hier reißt die Kette regelmäßig ab. Zwischen Warnung, Entscheidung und Umsetzung entsteht eine Lücke, die Zeit kostet – Zeit, die in einer Krise nicht vorhanden ist.

Die Studie basiert auf 55 Tiefeninterviews mit 61 Gesprächspartnern aus Bundeswehr, Politik, Rüstungsindustrie und Betreibern kritischer Infrastruktur, ergänzt durch eine Online-Befragung von 72 Fachleuten. Das Ergebnis ist ernüchternd: 61 Prozent der Befragten halten Deutschland in komplexen Krisenlagen für eingeschränkt handlungsfähig. Weitere 15 Prozent sagen, das Land sei überhaupt nicht handlungsfähig. Niemand bewertet Deutschland als vollständig handlungsfähig.

Generalmajor Armin Fleischmann, Vorsitzender von AFCEA Bonn, identifiziert die strukturellen Defizite mit militärischer Klarheit: Es gibt kein ressortübergreifendes Lagebild. Behörden und Organisationen sind technisch nicht interoperabel. Rechtliche Schranken greifen. Organisationen arbeiten in Silos. Vertrauen und Anreize zum Informationsaustausch fehlen. Ein konkretes Beispiel zeigt die Tragweite: Nach Angriffen auf Windkraftanlagen in Polen erhielt ein deutscher Energiebetreiber Informationen zunächst von niederländischen Behörden. Deutsche Stellen gaben die Information erst zwei Wochen später weiter.

Besonders problematisch wird es bei Bedrohungen, die mehrere Zuständigkeitsbereiche gleichzeitig berühren. Drohnen wechseln Lufträume und Verantwortlichkeiten. Stromausfälle beeinträchtigen Kommunikation und Versorgung zugleich. Bei hybriden Angriffen bleibt die Ursache zunächst unklar. Aus einer einzelnen Lage wird schnell eine ressortübergreifende Krise, für die niemand klar zuständig ist.

Die Studie schlägt nicht vor, einen zentralen Bundeskrisenstab zu schaffen. Stattdessen fordert sie, die verschiedenen Lagebilder von Feuerwehr, Polizei, Militär und Infrastrukturbetreibern besser miteinander zu verknüpfen. Entscheidungen sollen dort getroffen werden können, wo die Verantwortlichen handeln müssen. Studienleiter Steimel formuliert es scharf: "Wer erst in der Lage klärt, wer entscheidet, hat die Lage bereits verloren." Deshalb brauche es verbindliche Mandate, belastbare Übergaben und Krisenübungen, die vor der Krise eingeübt werden.

Nordrhein-Westfalens Wirtschaftsministerin Mona Neubaur unterstützt diese Analyse. Sie spricht von einer veränderten geopolitischen Lage, von hybriden Bedrohungen und Cyberangriffen, die Staat, Wirtschaft und Gesellschaft vor neue Herausforderungen stellen. Ein resilientes Sicherheitsökosystem, so Neubaur, lebt davon, dass unterschiedliche Kompetenzen wirkungsvoll ineinandergreifen. Das erfordert sichere Netze, verlässliche Energieversorgung, belastbare Lieferketten und handlungsfähige Unternehmen.

Die Studie formuliert 30 konkrete Maßnahmen zur Schließung dieser Lücken. Sie reichen von gemeinsamen Lagebildern über standardisierte Datenverbindungen zwischen militärischen und zivilen Stellen bis hin zu Krisenübungen für politische Entscheidungsträger. Auch Krankenhäuser, Betreiber kritischer Infrastruktur und ehrenamtliche Helfer sollen stärker eingebunden werden. Steimel betont, dass Deutschland die Mittel, Fähigkeiten und Menschen hat, um bis 2030 in Krisen handlungsfähig zu sein. Das zentrale Ziel ist, die Handlungskette zu schließen, die regelmäßig vor, während und nach Sicherheitslagen abreißt.

Vorhandene Fähigkeiten müssen so verbunden werden, dass aus Lageinformationen Entscheidungen und aus Entscheidungen rechtzeitig Wirkung entsteht.
— Bernhard Steimel, Studienleiter
Sicherheit lässt sich weder allein militärisch noch innerhalb einzelner Zuständigkeiten gewährleisten, sondern muss als gesamtgesellschaftliche Aufgabe gestaltet werden.
— Mona Neubaur, Wirtschaftsministerin Nordrhein-Westfalen
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