Frankreichs Schuldenquote liegt bei knapp 120 Prozent der Wirtschaftsleistung, Zinszahlungen kosten fast 80 Milliarden Euro jährlich. Die Regierung plant Kürzungen bei Entwicklungshilfe und Beschäftigungspolitik, will aber Verteidigungsausgaben erhöhen.
Frankreich beginnt Haushaltsdebatte: Regierung plant massive Sparmaßnahmen
Frankreich steht finanziell mit dem Rücken zur Wand
Warum ist die Situation in Frankreich so kritisch? 120 Prozent Schuldenquote – ist das wirklich so schlimm?
Es ist der Zinseffekt, der das Problem verschärft. Wenn Frankreich für Kredite fünf Prozent Zinsen zahlen muss, werden die Schulden selbst zum Budget-Killer. 80 Milliarden Euro pro Jahr nur für Zinsen – das ist Geld, das nicht für Schulen, Infrastruktur oder Soziales zur Verfügung steht.
Aber andere Länder haben auch hohe Schuldenquoten. Was macht Frankreich anders – oder schlimmer?
Der Unterschied ist die Dynamik. Frankreichs Defizit ist nicht gesunken, es ist gestiegen. Und die Märkte reagieren nervös, wenn sie sehen, dass ein großes Land keine stabilen Mehrheiten hat, um gegenzusteuern.
Die Regierung plant 40 Milliarden Euro Sparmaßnahmen. Ist das genug?
Das würde das Defizit von 5,4 auf 5,0 Prozent senken. Aber Ökonomen wie Mathieu Plane sagen: Das ist ein Anfang, aber ohne politische Stabilität wird es schwierig, das durchzuhalten.
Und die Opposition? Warum sollten sie mitziehen?
Die Linke sagt, die Lasten treffen die Falschen – Rentner und Mittelschicht statt Reiche. Die Rechte will noch radikaler sparen, aber auf andere Weise – weniger EU-Beitrag, weniger Sozialleistungen für Migranten.
Also Blockade von allen Seiten?
Genau. Und das alles ein halbes Jahr vor der Präsidentenwahl, wenn jede Partei ihre Wähler mobilisieren will, nicht Kompromisse eingehen.
Die Regierung rechnet mit einem Prozent Wachstum und sinkenden Zinssätzen. Wie realistisch ist das?
Der Rechnungshof sagt: Das sind optimistische Annahmen. Wenn die Zinsen nicht sinken oder die Wirtschaft schwächer wächst, wird die Rechnung nicht aufgehen.
Was passiert dann?
Dann muss Frankreich noch mehr sparen oder die Schulden wachsen weiter. Beides ist politisch und wirtschaftlich schmerzhaft.
Der Puls
- Schuldenquote: knapp 120 Prozent der Wirtschaftsleistung
- Zinszahlungen: fast 80 Milliarden Euro pro Jahr
- Geplante Sparmaßnahmen: gut 40 Milliarden Euro
- Defizitabbau angestrebt: von 5,4 auf 5,0 Prozent
- Präsidentenwahl: 2. Mai 2027
Frankreichs Schuldenquote liegt bei knapp 120 Prozent der Wirtschaftsleistung, Zinszahlungen kosten fast 80 Milliarden Euro jährlich. Die Regierung plant Kürzungen bei Entwicklungshilfe und Beschäftigungspolitik, will aber Verteidigungsausgaben erhöhen.
Frankreich startet Haushaltsberatungen für 2027 mit geplanten Sparmaßnahmen von 40 Milliarden Euro. Die Regierung will das Defizit senken, doch ohne parlamentarische Mehrheit wird die Debatte politisch schwierig.
Frankreich beginnt heute mit den Haushaltsberatungen für das kommende Jahr, und die Lage ist ernst. Die Schuldenquote des Landes liegt bei knapp 120 Prozent der Wirtschaftsleistung. Allein die Zinszahlungen auf bestehende Kredite verschlingen fast 80 Milliarden Euro pro Jahr aus dem Budget. Der Zinssatz, den Frankreich für zehnjährige Staatsanleihen zahlen muss, ist auf knapp fünf Prozent gestiegen. Das ist die Ausgangslage, mit der Finanzminister Roland Lescure vor zwei Wochen seinen Haushaltsentwurf für 2027 präsentierte – eine Beschreibung der französischen Finanzlage, die man bestenfalls als Untertreibung bezeichnen kann.
Der Ökonom Mathieu Plane von der Denkfabrik OFCE bringt es auf den Punkt: "Frankreich steht finanziell mit dem Rücken zur Wand." Plane unterrichtet an der Universität Sciences Po und kennt die französische Wirtschaftsgeschichte. Es gab bereits Zeiten mit höheren Defiziten – etwa während der Schuldenkrise 2010 – aber damals gab es politische Mehrheiten, um gegenzusteuern. Heute ist unklar, wer das schaffen kann und wie.
Die Regierung plant Sparmaßnahmen in Höhe von gut 40 Milliarden Euro. Das Defizit soll von derzeit 5,4 auf 5,0 Prozent der Wirtschaftsleistung gesenkt werden. Lescure nennt dies einen "sehr wichtigen Anker" für die Haushaltspolitik. Die geplanten Kürzungen treffen vor allem die Entwicklungshilfe und die Beschäftigungspolitik. Die Verteidigungsausgaben hingegen sollen deutlich steigen – ein Schwerpunkt, der die sicherheitspolitischen Prioritäten der Regierung widerspiegelt.
Doch hier beginnt das politische Problem: Die Regierung hat in der Nationalversammlung keine eigene Mehrheit. Premierminister Sébastien Lecornu kann nicht darauf rechnen, dass die Opposition aus Kompromissbereitschaft mitspielt – zumal die Präsidentenwahl nur noch ein halbes Jahr entfernt ist. Éric Coquerel, Vorsitzender des Haushaltsausschusses und Mitglied der linksradikalen Partei LFI, kritisiert scharf, dass die geplanten Steuererhöhungen vor allem Rentner und die Mittelschicht treffen, während Reiche verschont bleiben. "Es gibt für uns als Opposition keinen Grund, ein schlechtes Haushaltsgesetz mitzutragen", sagt Coquerel. "Wir werden uns also widersetzen."
Auch von rechts kommt Widerstand. Der Rassemblement National hat einen Gegenentwurf präsentiert, der unter anderem Frankreichs Beitrag zum EU-Budget kürzen will – ein Punkt, der gerade in Brüssel verhandelt wird – sowie Sozialleistungen für Migranten senken soll. Präsidentschaftskandidatin Marine Le Pen spricht von "radikalen" Sparmaßnahmen und verspricht, bis 2032 insgesamt 140 Milliarden Euro einzusparen, verglichen mit 2026. Sie deutet an, dass dieses Ziel noch verschärft werden könnte, sollte sich die wirtschaftliche Situation bis zum zweiten Wahlgang der Präsidentenwahl am 2. Mai weiter verschlechtern.
Wirtschaftsexperten sind skeptisch gegenüber vielen Vorschlägen des Rassemblement National – sie seien schwer durchsetzbar oder hätten nur begrenzte Spareffekte. Doch auch die Regierung steht unter Druck: Der Hohe Rat der Öffentlichen Finanzen, der zum französischen Rechnungshof gehört, weist darauf hin, dass der Budgetentwurf der Regierung auf optimistischen Annahmen basiert – etwa einem Wirtschaftswachstum von einem Prozent und sinkenden Zinssätzen auf französische Staatsanleihen. Beides ist angesichts der aktuellen wirtschaftlichen Unsicherheit fraglich.
Die politische Unsicherheit und die fehlenden stabilen Mehrheiten im Parlament machen es noch schwieriger, die notwendigen Sparanstrengungen durchzusetzen. Was folgt, ist ein Drahtseilakt zwischen fiskalischer Notwendigkeit und politischer Realität – und die Zeit drängt.
Bemerkenswerte Zitate
Frankreich steht finanziell mit dem Rücken zur Wand— Mathieu Plane, Ökonom der Denkfabrik OFCE
Es gibt für uns als Opposition keinen Grund, ein schlechtes Haushaltsgesetz mitzutragen. Wir werden uns also widersetzen.— Éric Coquerel, Vorsitzender des Haushaltsausschusses