Deutschland schrumpft, aber nicht überall – Studie zeigt wachsende regionale Unterschiede

Wirtschaftliche Stärke entscheidet, wer wächst und wer schrumpft
Die Studie zeigt, dass regionale Unterschiede künftig weniger von Geografie als von Wirtschaftskraft abhängen.
Mark

Warum ist es so wichtig, dass wir diese regionalen Unterschiede verstehen? Geht es nur um Zahlen?

Mimi

Nein, es geht um die Infrastruktur, die zusammenbricht. Wenn weniger Menschen durch die Rohre fließen, bleibt Wasser länger stehen, Keime vermehren sich, Leitungen müssen häufiger gespült werden. Ein Rückbau ist teuer. Schulen, Verkehr, alles muss mit weniger Menschen funktionieren.

Luke

Aber die Studie sagt, dass Großstädte wachsen. Wie passt das zusammen?

Mimi

Genau das ist der Punkt. Deutschland schrumpft insgesamt, aber nicht überall. Berlin wächst um fast zehn Prozent, während ostdeutsche Regionen bis zu 18 Prozent ihrer Erwerbstätigen verlieren. Die Ungleichheit wird größer.

Mark

Und was macht das mit den Menschen, die in diesen schrumpfenden Regionen bleiben?

Mimi

Sie konkurrieren um weniger Arbeitsplätze. Der Wettbewerb um Arbeitskräfte wird zur zentralen Herausforderung. Regionen, die wirtschaftlich schwach sind, können nicht mithalten.

Luke

Die Studie sagt, dass Zuwanderung nicht mehr ausreicht. Aber wie sicher ist diese Prognose? Könnte nicht eine neue Migrationswelle alles verändern?

Mimi

Das ist möglich, aber die Studie rechnet mit den aktuellen Trends. Selbst wenn mehr Menschen zuwandern, müssen Regionen wirtschaftlich attraktiv sein, um sie zu halten.

Mark

Was fordert die Studie konkret von der Politik?

Mimi

Maßgeschneiderte Lösungen statt starrer Vorgaben. Kommunen brauchen mehr Spielraum und Geld. Bayern und Baden-Württemberg zeigen, dass wirtschaftliche Stärke Menschen anzieht.

Luke

Aber die Kommunen fordern schon lange mehr Geld. Warum sollte sich das jetzt ändern?

Mimi

Weil die Alternative ist, dass die Ungleichheit wächst und der Verfassungsauftrag gleichwertiger Lebensverhältnisse verfällt. Das ist ein politisches Problem, nicht nur ein finanzielles.

  • Deutschlands Bevölkerung sinkt bis 2045 um 1,7 Millionen auf 81,8 Millionen
  • Erwerbstätige sinken bundesweit um 4,7 Prozent, in Ostdeutschland teilweise um 18 Prozent
  • Berlin wächst um fast zehn Prozent, während 12 der 20 schwächsten Kreise in Ostdeutschland liegen
  • Bayern und Baden-Württemberg haben die besten Chancen im Wettbewerb um Arbeitskräfte

Deutschlands Bevölkerung schrumpft bis 2045 auf 81,8 Millionen, während die Zahl der Erwerbstätigen bundesweit um 4,7 Prozent sinkt und Rentner zunehmen. Großstädte wie Berlin, Hamburg und München wachsen weiter, während viele ostdeutsche und westdeutsche Regionen dramatisch an Bevölkerung und Arbeitskräften verlieren.

Eine Studie prognostiziert, dass Deutschlands Bevölkerung bis 2045 um 1,7 Millionen Menschen sinkt und die Erwerbstätigen um 4,7 Prozent abnehmen. Während Großstädte wie Berlin wachsen, verlieren strukturschwache Regionen besonders im Osten massiv an Menschen und Arbeitskräften.

Die Bundesrepublik steht vor einer demografischen Umwälzung, die sich nicht gleichmäßig über das Land verteilt. Bis 2045 wird Deutschland insgesamt 1,7 Millionen Einwohner verlieren und auf rund 81,8 Millionen Menschen schrumpfen. Doch diese Zahl verdeckt eine tiefere Verschiebung: Die Zahl der Erwerbstätigen wird bundesweit um 4,7 Prozent sinken, während die Rentnergeneration wächst. Das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung hat diese Entwicklung zusammen mit der Wüstenrot-Stiftung untersucht und dabei 400 Landkreise und kreisfreie Städte analysiert. Das Ergebnis ist eine Landkarte der Ungleichheit, die bisherige Vorstellungen von Ost und West, Nord und Süd, Stadt und Land in Frage stellt.

Die Ursachen sind bekannt, aber ihre Wirkung wird dramatischer. Die Babyboomer-Generation, in den 1960er Jahren geboren, als jeder Jahrgang über eine Million Neugeborene zählte, geht in Rente. Dahinter folgen deutlich kleinere Jahrgänge. Die Geburtenrate ist praktisch auf die Hälfte gefallen. Zuwanderung aus dem Ausland hat diesen Trend lange abgefedert, reicht aber nicht mehr aus, um den wachsenden Sterbeüberschuss auszugleichen. Catherina Hinz, Präsidentin des Berlin-Instituts, fasst es so zusammen: Die Babyboomer verlassen den Arbeitsmarkt, kleinere Generationen rücken nach, die Geburtenzahlen sinken, und die Migration gleicht das Defizit nicht aus.

Was eine Region wachsen oder schrumpfen lässt, hängt künftig weniger von ihrer geografischen Lage ab als von ihrer wirtschaftlichen Kraft. Die Studie bewertet jede Region nach 26 Indikatoren: Demografie, Wirtschaft, Bildung, soziale Bedingungen. Das Ergebnis überrascht. Berlin wird Spitzenreiter und legt um fast zehn Prozent zu. Hamburg, Frankfurt am Main, München und Düsseldorf im Westen, Leipzig, Dresden und Potsdam im Osten ziehen Menschen an. Aber auch das Umland großer Städte wächst, während junge Menschen in die Metropolen ziehen und Familien mit Kindern ins Umland ausweichen. Zu den Verlierern gehören westdeutsche Großstädte wie Bremen, Duisburg, Dortmund und Kaiserslautern, die wirtschaftlich an Attraktivität verlieren. Am unteren Ende des Rankings stehen viele dünn besiedelte Gegenden, viele davon in Ostdeutschland.

Die regionale Spaltung wird dramatischer. Bei der letzten Untersuchung 2019 lagen fünf der 20 schwächsten Kreise in Ostdeutschland. Heute sind es zwölf. In diesen Regionen sinkt die Zahl der erwerbsfähigen Menschen bis 2045 um bis zu 18 Prozent. Der Wettbewerb um Arbeitskräfte wird zur zentralen demografischen Herausforderung. Bayern und Baden-Württemberg haben die besten Chancen in diesem Wettbewerb. Bayern punktet mit einer funktionierenden Wirtschaft und einem Arbeitsmarkt, auf dem nicht nur Männer arbeiten, sondern auch Frauen, Ältere und Menschen ohne deutschen Pass. Wirtschaftlich erfolgreiche Regionen binden verschiedene Bevölkerungsgruppen besser in den Arbeitsmarkt ein als schwache.

Doch was bedeutet das für die Verfassungsidee gleichwertiger Lebensverhältnisse? Manuel Slupina von der Wüstenrot-Stiftung stellt die Frage offen: Wie viel regionale Ungleichheit verträgt der politische Anspruch, dass Menschen unabhängig vom Wohnort vergleichbare Chancen auf ein gutes Leben haben? Die Wissenschaftler fordern maßgeschneiderte Lösungen statt starrer Vorgaben. Was für eine wachsende Großstadt richtig ist, muss nicht für einen schrumpfenden ländlichen Kreis gelten. Dafür brauchen Kommunen mehr gestalterischen Spielraum und finanzielle Möglichkeiten. Bürgermeister und Landräte fordern seit langem einen höheren Anteil am gesamtstaatlichen Steueraufkommen. Bund und Länder verweisen auf ihre eigenen Haushaltsprobleme. Doch beiden Seiten ist klar: An einer Reform der föderalen Finanzen führt künftig kein Weg vorbei. Der demografische Wandel vollzieht sich jetzt, und je länger die Politik wartet, desto kleiner wird der Handlungsspielraum.

Die Babyboomer gehen in Rente, deutlich kleinere Jahrgänge rücken nach, die Geburtenzahlen sinken und die Zuwanderung gleicht den wachsenden Sterbeüberschuss nicht aus
— Catherina Hinz, Präsidentin des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung
Was eine gute Antwort für eine wachsende Großstadt ist, muss nicht gleichzeitig auch gut für einen schrumpfenden ländlichen Kreis sein
— Manuel Slupina, Wüstenrot-Stiftung
Envie de l'histoire complète ? Lire l'original sur Deutsche Welle ↗
Nous contacter FAQ