Seit sechzehn Jahren hat Deutschland keine so karge Weinlese erlebt wie in diesem Jahr – und doch birgt die Knappheit eine stille Ironie: Was an Menge fehlt, verspricht an Güte zu glänzen. Hinter den nüchternen Zahlen des Deutschen Weininstituts – 6,96 Millionen Hektoliter, zwanzig Prozent unter dem Durchschnitt – verbirgt sich eine tiefere Verschiebung, die Klimahistoriker über Jahrhunderte hinweg verfolgen: Das Außergewöhnliche wird zum Gewöhnlichen, und der Weinberg wird zum Seismographen einer sich wandelnden Erde.
Deutsche Weinlese fällt auf niedrigstes Niveau seit 2010
Extreme Hitze tritt seitdem alle fünf Jahre auf
Warum ist eine Ernte mit zwanzig Prozent weniger Ertrag eigentlich ein Problem? Können Winzer nicht einfach höhere Preise verlangen?
Das ist nicht so einfach. Ja, hochwertige Weine können teurer verkauft werden, aber viele Betriebe haben Fixkosten – Personal, Maschinen, Pacht – die nicht sinken, wenn die Ernte kleiner ausfällt. Und nicht jeder Wein wird zur Spitzenqualität, nur weil der Sommer trocken war.
Genau. Und wir sollten hier präzise sein: Das Deutsche Weininstitut prognostiziert etwa 6,96 Millionen Hektoliter. Das ist eine Prognose, keine Gewissheit. Wie sicher ist diese Zahl?
Das ist eine erste Prognose, wie das Institut selbst sagt. Die Lese ist fast überall abgeschlossen, also basiert sie auf tatsächlichen Daten, nicht nur auf Modellen. Aber ja, es gibt noch Unsicherheiten.
Was ist mit den jüngeren Weinbergen? Wie schlecht hat es ihnen wirklich ergangen?
Sie mussten bewässert werden, wenn das möglich war. Das bedeutet zusätzliche Kosten und Arbeit. Aber ob das langfristig tragbar ist, wenn solche Dürren alle fünf Jahre auftreten – das ist die eigentliche Frage.
Und da kommt die Burgund-Studie ins Spiel. Aber Achtung: Das sind Daten aus einer französischen Region über 670 Jahre. Können wir das eins-zu-eins auf Deutschland übertragen?
Die Muster sind wahrscheinlich ähnlich, aber ja, das sind regionale Unterschiede. Dennoch zeigt die Studie einen globalen Trend: Extreme Jahre werden häufiger.
Also müssen Winzer ihre Strategien komplett überdenken?
Nicht nur überdenken – sie tun es bereits. Ältere Reben mit tieferen Wurzeln überstehen die Dürre besser. Das ist ein Hinweis darauf, dass Langzeitinvestitionen in robustere Sorten notwendig werden.
Aber das kostet Geld und Zeit. Nicht jeder kleine Betrieb kann sich das leisten. Das ist auch eine soziale Frage, nicht nur eine ökologische.
Genau. Und das ist der Grund, warum diese Ernte nicht nur eine Nachricht über Zahlen ist.
Le Pouls
- Die deutsche Weinlese 2024 bricht auf das niedrigste Niveau seit 2010 ein – fast 1,75 Millionen Hektoliter fehlen gegenüber dem zehnjährigen Durchschnitt.
- Ein extremer Dürresommer ließ Trauben verkümmern, traf junge Weinberge auf leichten Böden besonders hart und zwang viele Betriebe zur kostspieligen Notbewässerung.
- Ältere Rebstöcke mit tiefen Wurzeln trotzten der Trockenheit überraschend gut – ein Hinweis darauf, dass Langzeitinvestitionen in robuste Anlagen überlebenswichtig werden.
- Trotz der Mengenkrise erwarten Winzerinnen und Winzer Spitzenqualitäten, doch die Frage bleibt, wie lange Qualität die schwindende Quantität auffangen kann.
- Klimahistoriker belegen: Extreme Hitze-Ernten, die früher alle 53 Jahre auftraten, erschüttern den Weinbau heute alle zweieinhalb Jahre – die Ausnahme ist zur Regel geworden.
Seit sechzehn Jahren hat Deutschland keine so karge Weinlese erlebt wie in diesem Jahr – und doch birgt die Knappheit eine stille Ironie: Was an Menge fehlt, verspricht an Güte zu glänzen. Hinter den nüchternen Zahlen des Deutschen Weininstituts – 6,96 Millionen Hektoliter, zwanzig Prozent unter dem Durchschnitt – verbirgt sich eine tiefere Verschiebung, die Klimahistoriker über Jahrhunderte hinweg verfolgen: Das Außergewöhnliche wird zum Gewöhnlichen, und der Weinberg wird zum Seismographen einer sich wandelnden Erde.
Der deutsche Weinbau erlebt 2024 eine Ernte, die an die Knappheit des Jahres 2010 erinnert. Das Deutsche Weininstitut schätzt die Gesamtmenge auf rund 6,96 Millionen Hektoliter – etwa zwanzig Prozent unter dem zehnjährigen Durchschnitt von 8,7 Millionen Hektolitern. Die Lese ist in den meisten Regionen abgeschlossen, nur in Saale-Unstrut wird noch gearbeitet.
Die Ursache liegt in einem extremen Sommer: Trockenheit und intensive Sonneneinstrahlung hielten die Trauben klein. Doch die Ernte trägt eine paradoxe Qualität in sich – was an Menge fehlt, soll an Güte gewonnen werden. Ernst Büscher vom Deutschen Weininstitut betont, dass die Winzerinnen und Winzer trotz geringer Mengen hervorragende Qualitäten erwarten.
Die Dürre traf nicht alle gleich. Ältere Rebstöcke mit tief reichenden Wurzeln überstanden die Wasserknappheit bemerkenswert gut, während jüngere Anlagen auf leichten Böden sichtbar litten und vielerorts künstlich bewässert werden mussten. Die Ertragsunterschiede zwischen den Betrieben waren erheblich.
Das deutsche Bild fügt sich in ein weltweites Muster. Der Klimahistoriker Thomas Labbé analysierte Erntedaten aus dem burgundischen Beaune über mehr als 670 Jahre. Sein Befund ist eindringlich: Zwischen 1354 und 1719 traten extreme Hitze-Ernten alle siebzehn Jahre auf, von 1720 bis 1987 sogar nur alle 53 Jahre. Seit 1988 jedoch verdichtet sich der Rhythmus dramatisch – extreme Jahre folgen nun alle fünf Jahre, im einundzwanzigsten Jahrhundert bereits alle zweieinhalb Jahre.
Für deutsche Winzer bedeutet diese Beschleunigung nicht nur wirtschaftliche Unsicherheit durch sinkende Erntemengen und steigende Bewässerungskosten, sondern eine grundlegende Neuausrichtung ihrer Arbeit. Die Hoffnung, dass Qualität die Quantität dauerhaft ausgleichen kann, bleibt – doch wie lange dieser Ausgleich trägt, wenn das Extreme zur Normalität wird, ist eine Frage, auf die der Weinberg noch keine Antwort kennt.
Der deutsche Weinbau steht vor einer Ernte, die an Knappheit erinnert, wie sie zuletzt vor sechzehn Jahren herrschte. Das Deutsche Weininstitut prognostiziert für dieses Jahr eine Weinmenge von etwa 6,96 Millionen Hektolitern – rund zwanzig Prozent unter dem zehnjährigen Durchschnitt von 8,7 Millionen Hektolitern. Zum Vergleich: 2010 betrug die Ernte 7,1 Millionen Hektoliter, im vergangenen Jahr waren es 7,7 Millionen. Die Lese ist mittlerweile fast überall abgeschlossen, mit Ausnahme einiger Regionen wie Saale-Unstrut, wo die Arbeiten noch andauern.
Der Grund für diese magere Ausbeute liegt in einem extremen Sommer: Trockenheit und intensive Sonneneinstrahlung ließen viele Trauben klein bleiben. Doch hier zeigt sich die paradoxe Natur dieser Ernte. Während die Mengen niedrig ausfallen, erwarten die Winzer Spitzenqualitäten. Ernst Büscher, Sprecher des Deutschen Weininstituts, fasst die Situation zusammen: Trotz vergleichsweise kleiner Gesamtmengen gehen die Winzerinnen und Winzer von hervorragenden Qualitäten aus.
Die Auswirkungen der Dürre waren jedoch nicht gleichmäßig verteilt. Ältere Rebstöcke mit ihren tieferen Wurzelsystemen erwiesen sich als widerstandsfähig – sie haben sich in den vergangenen Jahren an zunehmende Trockenheit angepasst und überstanden die diesjährige Dürre bemerkenswert gut. Jüngere Weinberge und Anlagen auf leichten Böden litten dagegen sichtbar unter der Wasserknappheit. Viele dieser Betriebe mussten, wo möglich, künstlich bewässern. Die Ertragslage variierte also stark je nach Alter der Reben und der Wasserspeicherfähigkeit der Böden.
Das deutsche Phänomen ist Teil eines größeren Musters, das Klimaforscher weltweit dokumentieren. Im französischen Burgund begann die Lese für den Schaumwein Crémant in diesem Jahr früher als je zuvor in der Geschichte der Region. Der Klimahistoriker Thomas Labbé untersuchte Erntedaten aus der burgundischen Stadt Beaune von 1354 bis heute – eine Zeitreihe von mehr als 670 Jahren. Seine Analyse, veröffentlicht in der Fachzeitschrift Climate of the Past, offenbart eine beunruhigende Entwicklung: eine regelrechte Explosion extremer Jahre.
Zwischen 1354 und 1719 traten Phasen mit großer Hitze und verfrühten Ernten im Durchschnitt alle siebzehn Jahre auf. Von 1720 bis 1987 vergrößerte sich dieser Abstand auf durchschnittlich 53 Jahre. Doch seit 1988 hat sich das Muster dramatisch verdichtet: Extreme Hitze tritt seitdem alle fünf Jahre auf. Im einundzwanzigsten Jahrhundert allein hat Labbé bereits zehn solcher extremen Jahre registriert – statistisch entspricht das einem Rhythmus von etwa zweieinhalb Jahren. Die Beschleunigung ist unmissverständlich.
Diese Daten zeigen, wie tiefgreifend der menschengemachte Klimawandel den Weinbau verändert. Was früher eine Ausnahme war, wird zur Regel. Für deutsche Winzer bedeutet das nicht nur wirtschaftliche Unsicherheit – niedrigere Erntemengen, höhere Produktionskosten durch notwendige Bewässerung – sondern auch eine grundsätzliche Neuausrichtung ihrer Arbeit. Die Anpassung älterer Rebstöcke deutet darauf hin, dass Langzeitinvestitionen in robustere Sorten und Techniken notwendig werden. Gleichzeitig bleibt die Hoffnung, dass Qualität Quantität kompensieren kann. Doch die Frage, wie lange dieser Ausgleich haltbar ist, wenn extreme Jahre zur Normalität werden, bleibt offen.
Citations marquantes
Die Winzerinnen und Winzer hierzulande gehen zwar von vergleichsweise kleinen Gesamtmengen, aber von Spitzenqualitäten aus.— Ernst Büscher, Sprecher des Deutschen Weininstituts
Insbesondere ältere Reben haben sich in den letzten Jahren an die zunehmende Trockenheit angepasst und dank ihrer tiefen Wurzeln die diesjährige Dürre erstaunlich gut überstanden.— Ernst Büscher, Deutsches Weininstitut