Die CDU hat bei Wahlen in Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin massiv Stimmen an die AfD verloren. Manfred Weber und andere fordern, die 'Brandmauer' zu überdenken, während der CDU-Vorstand an strikter Abgrenzung festhält.
CDU ringt um Neuausrichtung: Bröckelt die Brandmauer zur AfD?
Mit der Brandmauer haben wir uns eingemauert, dahinter brennt es aber weiter
Warum ist diese Debatte jetzt plötzlich so laut geworden? Die Brandmauer existiert doch schon lange.
Weil die Wahlverluste konkret sind. Die CDU verliert Wähler an die AfD, sitzt in Minderheitenregierungen fest und muss täglich mit linken Parteien abstimmen. Das ist nicht abstrakt mehr, das ist Alltag.
Aber Webers Argument mit Frankreich – ist das wirklich vergleichbar? Macron hatte eine andere Ausgangslage, andere Wahlergebnisse. Wir wissen nicht, ob die Brandmauer die AfD wirklich gebremst hat oder ob sie ohnehin gewachsen wäre.
Das ist der Punkt. Weber sagt, die Strategie funktioniert nicht. Aber Prien sagt, ohne sie zerfällt die Partei. Beide könnten recht haben.
Was bedeutet es praktisch, wenn die CDU die Brandmauer aufweicht?
Das ist unklar. Heuer spricht von Fall-zu-Fall-Abstimmungen, nicht von Koalitionen. Aber wo verläuft die Grenze? Wann wird Zusammenarbeit zur Normalisierung?
Genau das ist das Risiko, das Prien meint. Wenn man anfängt, mit der AfD zu rechnen, verliert man die moralische Klarheit, die die CDU von rechts unterscheidet.
Und wenn die CDU nichts ändert?
Dann verliert sie weiter Wähler an die AfD. Aber das ist auch nur eine Vermutung. Niemand weiß wirklich, ob eine andere Strategie besser funktioniert.
Das ist das Dilemma. Die CDU sitzt zwischen zwei Risiken fest.
Le Pouls
- CDU verliert Stimmen an AfD bei Wahlen in Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin
- Manfred Weber fordert Aufweichung der Brandmauer; Karin Prien besteht auf strikter Abgrenzung
- Unvereinbarkeitsbeschluss verbietet jede Koalition und Kooperation mit AfD und Linkspartei
- CDU führt Minderheitenregierungen in Thüringen und Sachsen
Die CDU hat bei Wahlen in Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin massiv Stimmen an die AfD verloren. Manfred Weber und andere fordern, die 'Brandmauer' zu überdenken, während der CDU-Vorstand an strikter Abgrenzung festhält.
Das CDU-Präsidium berät über Konsequenzen aus Wahlniederlagen und diskutiert, ob die strikte Abgrenzung zur AfD aufgeweicht werden sollte. Unionspolitiker sind sich uneinig über die künftige Strategie.
Das CDU-Präsidium tritt an diesem Wochenende zu einer zweitägigen Klausur zusammen, um über die Folgen einer Serie von Wahlniederlagen nachzudenken. Bei diesen Beratungen rückt eine Frage in den Vordergrund, die die Partei seit Jahren zu vermeiden suchte: Sollte die CDU ihre strikte Abgrenzung zur AfD überdenken?
Die jüngsten Wahlen in Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin haben der CDU erhebliche Stimmenverluste gebracht – und die meisten dieser Stimmen sind zur AfD gewandert. Diese Tatsache hat eine Debatte ausgelöst, die innerhalb der Partei längst nicht mehr einhellig geführt wird. Während die Parteiführung bislang an ihrer sogenannten Brandmauer festhält – einem Unvereinbarkeitsbeschluss, der jede Koalition und Zusammenarbeit mit AfD und Linkspartei kategorisch ausschließt – mehren sich die Stimmen, die diesen Kurs für gescheitert halten.
Manfred Weber, Vorsitzender der europäischen Konservativen und CSU-Vizechef, hat sich in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung deutlich positioniert. Die bisherige Brandmauer-Strategie funktioniere nicht mehr, argumentiert er. Er verweist auf Frankreich, wo Präsident Emmanuel Macron jahrelang mit der Formel "Le Pen oder ich" operierte – und dennoch damit rechnen muss, dass die Rechtsextremistin Marine Le Pen ins Élysée-Palais einzieht. Weber fordert, dass die CDU "raus aus der reinen Ablehnungsdiskussion" muss. Wenn man wirklich über Inhalte spreche, könne man die AfD "entzaubern". Gleichzeitig betont er, dass die AfD wegen ihrer Ansichten nicht nur ein politischer Gegner, sondern "unser politischer Feind" sei.
Webbers Kritik am bisherigen Kurs zielt auch auf die praktischen Lähmungen, die sich aus der Brandmauer ergeben. In Bundesländern wie Thüringen und Sachsen, wo die CDU Minderheitenregierungen führt, muss sie regelmäßig mit linken Parteien abstimmen – und macht damit, wie Weber sagt, "noch linkere Politik". Umgekehrt bringt die AfD CDU-Inhalte zur Abstimmung, zwingt die CDU aber zur Ablehnung. Aus dieser Sackgasse heraus zu kommen, ist Webers Anliegen.
Andere Unionspolitiker teilen diese Sicht. Der sächsische CDU-Bundestagsabgeordnete Florian Oest sagt, die "starren Unvereinbarkeitsbeschlüsse" brächten die Partei nicht voran. Stattdessen sollte man sich an inneren Kompassnadeln orientieren – dem christlichen Menschenbild, der sozialen Marktwirtschaft, Freiheit und Verantwortung. Der sachsen-anhaltische Landtagsabgeordnete Guido Heuer formuliert es noch direkter: "Mit der Brandmauer haben wir uns eingemauert, dahinter brennt es aber weiter." Er schließt Koalitionen mit AfD und Linken weiterhin aus, sieht aber kein Problem darin, wenn diese Parteien CDU-Beschlussvorlagen zustimmen, die "zu echten Verbesserungen für die Menschen führen". Auch CSU-Chef Markus Söder hat sich skeptisch zur reinen Brandmauer-Rhetorik geäußert und fordert stattdessen mehr inhaltliche Auseinandersetzung.
Doch im CDU-Vorstand selbst herrscht deutlich mehr Vorsicht. Fraktionsvize Günter Krings sieht keinen Anlass, die Brandmauer aufzuweichen. Die These, dass die AfD ohne den Unvereinbarkeitsbeschluss nicht gewachsen wäre, hält er für "gewagt". Noch deutlicher äußert sich die stellvertretende CDU-Vorsitzende und Bundesbildungsministerin Karin Prien. Sie besteht darauf, dass die Partei eine "sehr klare Beschlusslage" hat, die Zusammenarbeit mit AfD und Linken kategorisch ausschließt. Wer sich nicht daran halte, gefährde die CDU selbst: "Sonst wird es die CDU, wird es die Union in dieser Form auf Dauer nicht mehr geben."
Die Klausur des Präsidiums wird zeigen, ob die Partei einen Weg findet, ihre Wahlverluste zu stoppen, ohne sich selbst zu zerreißen. Die Frage ist nicht mehr, ob die Brandmauer bröckelt – sie bröckelt bereits. Die Frage ist, ob die CDU diese Risse repariert oder ob sie sich zu einer neuen Architektur durchringt.
Citations marquantes
Die Brandmauer im Sinne von 'die oder wir' muss Geschichte sein— Manfred Weber, CSU-Vizechef und Fraktionschef der Europäischen Volkspartei
Sonst wird es die CDU, wird es die Union in dieser Form auf Dauer nicht mehr geben— Karin Prien, stellvertretende CDU-Vorsitzende und Bundesbildungsministerin