Bundestag debattiert emotional über AfD-Landtagspräsident in Sachsen-Anhalt

Dieses Wahlergebnis ist Demokratie. Dieses Wahlergebnis ist Volksherrschaft.
Martin Reichardt, AfD-Landesvorsitzender in Sachsen-Anhalt, verteidigte die Wahl von Tobias Rausch als legitimen demokratischen Prozess.
Mark

Warum ist die Wahl eines Landtagspräsidenten so wichtig, dass der Bundestag sich damit beschäftigt?

Mimi

Der Landtagspräsident ist das höchste Amt im Landtag - es geht um Würde und Symbolik. Aber hier geht es um mehr: Die Frage ist, ob die CDU ihren Unvereinbarkeitsbeschluss gegen die AfD einhält oder bricht.

Luke

Aber die CDU behauptet ja, dass sie gar nicht für Rausch gestimmt hat. Wie sicher ist die Anschuldigung der Linken wirklich?

Mimi

Das ist der Knackpunkt. Rausch bekam vier Stimmen mehr, als AfD und BSW zusammen Sitze haben. Das BSW hat angekündigt, für ihn zu stimmen. Mathematisch müssen die Extra-Stimmen von irgendwo kommen.

Mark

Und die CDU sagt, das war nicht sie?

Mimi

Die CDU sagt, es seien "unbewiesene Behauptungen". Aber Reichinnek hat konkret gezählt: neun von fünfzehn CDU-Abgeordneten hätten durch Zustimmung oder Enthaltung dafür gesorgt.

Luke

Das ist aber eine Anschuldigung, keine Beweis. Wir wissen nicht, wer genau gestimmt hat - die Abstimmung war nicht öffentlich.

Mark

Was ist mit Merz' "False flag"-Aussage? Das klingt ja auch wie eine Anschuldigung ohne Beweis.

Mimi

Genau. Merz hat suggeriert, dass andere Fraktionen die Stimmen inszeniert haben könnten, um die CDU zu beschädigen. Das hat die Debatte noch mehr aufgeheizt.

Luke

Und das ist auch unbewiesen. Aber es zeigt, dass beide Seiten im Moment eher Vorwürfe machen als Fakten zu klären.

Mark

Was passiert im Dezember?

Mimi

Dann wird der neue Ministerpräsident gewählt. Wenn die CDU gegen Siegmund stimmt, wie Müller verspricht, kann die AfD ihn nicht wählen. Aber die CDU ist zerstritten.

Luke

Und ob Müller das durchsetzen kann, ist völlig offen. Das ist die eigentliche Geschichte.

  • Vier überzählige Stimmen für den AfD-Kandidaten Rausch entfachen den Verdacht, dass CDU-Abgeordnete den eigenen Unvereinbarkeitsbeschluss gebrochen haben.
  • Kanzler Merz' Andeutung einer 'False flag-Operation' verwandelt eine ohnehin hitzige Debatte in einen Eklat – Grüne und SPD fordern öffentlich eine Rücknahme.
  • Bundestagsvizepräsident Nouripour muss dreimal eingreifen und Rügen erteilen, während Zwischenrufe und Vorwürfe den Saal dominieren.
  • Die CDU bestreitet jede Mitverantwortung, doch ihr Landesverband in Sachsen-Anhalt ist intern so zerstritten, dass selbst die Zusage für Dezember fragwürdig bleibt.
  • Im Dezember steht die eigentliche Nagelprobe an: Ulrich Siegmund, AfD-Spitzenkandidat, bewirbt sich um das Ministerpräsidentenamt – ein historisches Novum, das die Republik in Atem hält.

In einem aufgewühlten Bundestag rang Deutschland am Freitag mit einer Frage, die weit über Sachsen-Anhalt hinausweist: Wo endet der Grundsatz der Unvereinbarkeit, und wo beginnt die stille Duldung? Die Wahl des AfD-Politikers Tobias Rausch zum Landtagspräsidenten in Magdeburg hinterließ eine arithmetische Lücke – vier Stimmen, die niemand öffentlich beansprucht, die aber jeder irgendwo verortet. In der Spannung zwischen Beschluss und Wirklichkeit offenbart sich, wie fragil demokratische Selbstverpflichtungen werden können, wenn Machtverhältnisse sie auf die Probe stellen.

Der Bundestag erlebte am Freitagnachmittag eine der aufgeregtesten Debatten des Jahres. Auslöser war die Wahl des AfD-Politikers Tobias Rausch zum Landtagspräsidenten in Sachsen-Anhalt – und vor allem die Frage, wie er vier Stimmen mehr erhalten konnte, als AfD und BSW zusammen Mandate besitzen.

Heidi Reichinnek, Fraktionschefin der Linken und selbst aus Sachsen-Anhalt, zog die naheliegende Schlussfolgerung: Neun von fünfzehn CDU-Abgeordneten hätten durch Zustimmung oder Enthaltung mitgeholfen, einen Rechtsextremen ins höchste Landesamt zu heben. Die Union wies das als haltlose Unterstellung zurück. Ottilie Klein verwies auf den Unvereinbarkeitsbeschluss ihrer Partei – das einzige solche Dokument im deutschen Parteiensystem. Reichinnek zweifelte laut daran, dass dieser Beschluss noch trägt.

Besonders viel Empörung löste Kanzler Friedrich Merz aus, der nach der Abstimmung in Magdeburg eine mögliche 'False flag-Operation' ins Spiel gebracht hatte – die Andeutung, andere Fraktionen könnten die Verwirrung inszeniert haben. Grünen-Chef Felix Banaczak nannte das 'eines Kanzlers unwürdig', die SPD-Abgeordnete Franziska Kersten appellierte direkt an Merz, auf seine Parteikolleginnen und -kollegen einzuwirken.

Die eigentliche Bewährungsprobe steht im Dezember bevor, wenn der Landtag den Ministerpräsidenten wählt. AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund würde als erster AfD-Regierungschef in die Geschichte eingehen. Sepp Müller, Kandidat für den CDU-Landesvorsitz, versprach klare Ablehnung – doch der Landesverband ist tief gespalten, und ob alle 15 Abgeordneten der Parteilinie folgen werden, bleibt offen. Die AfD selbst beobachtete den Schlagabtausch gelassen: Für Martin Reichardt spiegelt das Ergebnis schlicht die Mehrheitsverhältnisse wider – Demokratie, wie er sie versteht.

Der Bundestag war am Freitagnachmittag ein Ort der Anspannung. Die Linksfraktion hatte eine Aktuelle Stunde beantragt, um über die Wahl des AfD-Politikers Tobias Rausch zum Landtagspräsidenten in Sachsen-Anhalt zu sprechen. Was folgte, war eine Debatte voller Vorwürfe, Zwischenrufe und rhetorischer Grenzüberschreitungen. Bundestagsvizepräsident Omid Nouripour musste mehrfach eingreifen und erteilte drei Abgeordneten aus verschiedenen Parteien eine Rüge. Der Grünen-Politiker appellierte an alle Fraktionen, "in einer aus sehr, sehr guten Gründen sehr emotionalen Debatte die Würde und Ordnung des Hohen Hauses zu wahren und zu schützen".

Den Ton setzte Heidi Reichinnek, die Fraktionschefin der Linken und selbst aus Sachsen-Anhalt stammend. Ihre Partei hatte die Sitzung unter dem Titel "Zäsur in Sachsen-Anhalt - Zusammenarbeit mit Rechtsextremen" angemeldet. Der Kern des Konflikts war schnell benannt: Bei der Abstimmung am Dienstag in Magdeburg hatte Rausch vier Stimmen mehr erhalten, als die AfD und das Bündnis Sahra Wagenknecht zusammen Sitze im Landtag besaßen. Das BSW hatte angekündigt, für den AfD-Kandidaten zu stimmen. Für Reichinnek war die Schlussfolgerung unvermeidlich: Die fehlenden Stimmen mussten von der CDU gekommen sein.

"Als es darum ging, einen Rechtsextremen ins höchste Amt des Landes Sachsen-Anhalt zu heben, haben sich neun von fünfzehn Abgeordneten der CDU bewusst dafür entschieden - durch Zustimmung oder durch Enthaltung", sagte Reichinnek. Die Union reagierte mit Empörung. Ottilie Klein, Bundestagsabgeordnete aus Berlin, nannte dies "wüste Unterstellungen" und "unbewiesene Behauptungen". Die CDU, betonte Klein, sei die einzige Partei mit einem Unvereinbarkeitsbeschluss gegen die AfD. "Extreme bleiben Extreme. Egal, ob von rechts oder von links."

Reichinnek zweifelte öffentlich daran, dass dieser Beschluss hielt. Die CDU sei in den vergangenen eineinhalb Jahren "stramm nach rechts marschiert", sagte sie. Sie kritisierte Kanzler Friedrich Merz scharf, der nach der Abstimmung in Magdeburg von einer möglichen "False flag-Operation" gesprochen hatte - einer inszenierten Täuschungsaktion anderer Fraktionen. "Erbärmlich und durchschaubar", nannte Reichinnek diese Äußerung. Felix Banaczak, Parteichef der Grünen, bezeichnete Merz' Worte als "eines Kanzlers unwürdig" und forderte eine Rücknahme. Auch aus der SPD, dem Koalitionspartner der Union in Berlin, kamen mahnende Töne. Die Abgeordnete Franziska Kersten, ebenfalls aus Sachsen-Anhalt, appellierte an Merz: "Wirken Sie auf ihre Parteikolleginnen und Parteikollegen ein." Sie ergänzte: "Der Landtagspräsident mag gewählt sein, der Ministerpräsident ist es noch nicht."

Die nächste Bewährungsprobe steht im Dezember an. Dann wählt der Landtag den neuen Ministerpräsidenten. Ulrich Siegmund, der Spitzenkandidat der AfD, wird sich zur Abstimmung stellen - zumindest für den ersten Wahlgang. Sollte er gewählt werden, wäre er der erste Regierungschef der AfD in der Geschichte der Bundesrepublik. Sepp Müller, stellvertretender Fraktionsvorsitzender der Union und Kandidat für den CDU-Landesvorsitz in Sachsen-Anhalt, kündigte an, dass jeder CDU-Abgeordnete gegen Siegmund stimmen werde. "Die kriegen von uns eine Nein-Stimme. Das ist ganz klar, das erwarte ich von jedem Einzelnen der 15 Abgeordneten." Doch Müllers Ankündigung steht unter einem großen Fragezeichen. Der CDU-Landesverband Sachsen-Anhalt ist völlig zerstritten, und unklar ist, ob sich alle Abgeordneten an die Parteilinie halten werden.

Die AfD beobachtete den Schlagabtausch im Bundestag mit Genugtuung. Martin Reichardt, Landesvorsitzender der AfD in Sachsen-Anhalt, verteidigte die Wahl von Rausch als "völlig normalen Vorgang, der die Mehrheitsverhältnisse widerspiegelt". "Dieses Wahlergebnis ist Demokratie. Dieses Wahlergebnis ist Volksherrschaft", sagte er. Die Debatte endete, wie sie begonnen hatte: emotional, ungelöst, und mit offenen Fragen darüber, wie die CDU in Sachsen-Anhalt im Dezember abstimmen wird.

Als es darum ging, einen Rechtsextremen ins höchste Amt des Landes Sachsen-Anhalt zu heben, haben sich neun von fünfzehn Abgeordneten der CDU bewusst dafür entschieden - durch Zustimmung oder durch Enthaltung.
— Heidi Reichinnek, Fraktionschefin der Linken
Die kriegen von uns eine Nein-Stimme. Das ist ganz klar, das erwarte ich von jedem Einzelnen der 15 Abgeordneten.
— Sepp Müller, stellvertretender Fraktionsvorsitzender der Union
Möchten Sie die ganze Geschichte? Das Original lesen bei tagesschau ↗
Kontakt FAQ