Drei Kandidaten treten zur Wahl an: Der Mufti von Mostar Salem Dedovic, der Mufti von Sarajevo Nedzad Grabus und Mensur Malkic mit unterschiedlichen Schwerpunkten. Die bosnische Islamische Gemeinschaft ist einzigartig strukturiert mit eigenem Parlament, Verfassungsgericht und Unabhängigkeit vom Staat seit 1892.
Bosniens neue Islamische Führung: Bedeutung für Europas Muslime
Wir sind autochthone europäische Muslime mit mehr Gemeinsamkeiten mit Deutschen als mit Muslimen aus Afghanistan
Warum ist die Wahl eines religiösen Führers in Bosnien für Muslime in ganz Europa wichtig?
Weil der Reis-ul-Ulema etwas verkörpert, das es sonst nirgends gibt – eine muslimische Institution, die seit 150 Jahren in einer europäischen Demokratie funktioniert, unabhängig vom Staat ist und dabei ihre religiöse Identität bewahrt hat. Das ist ein Modell.
Aber wie viele Muslime in Europa orientieren sich tatsächlich an Sarajevo? Die IGBD hat hundert Moscheegemeinden in Deutschland – das ist eine kleine Organisation. Wie groß ist dieser Einfluss wirklich?
Der Einfluss ist weniger zahlenmäßig als symbolisch. Es geht darum, dass es eine etablierte, funktionierende Alternative zu anderen Modellen gibt – nicht nur für Bosniaken, sondern als Beweis, dass Integration und religiöse Autonomie zusammengehen können.
Die drei Kandidaten haben unterschiedliche Schwerpunkte. Welcher Unterschied ist am größten?
Dedovic will politischer werden, Grabus will die Gemeinschaft in schwierigen Zeiten stabilisieren, Malkic konzentriert sich auf religiöse Stärkung. Das sind echte strategische Unterschiede darüber, wie die Gemeinschaft sich nach außen darstellt.
Aber wer wählt eigentlich? Das Wahlgremium hat 398 Mitglieder, aber nur 13 sind Frauen. Wie repräsentativ ist diese Wahl überhaupt?
Das ist ein berechtigter Punkt. Die Struktur ist demokratischer als viele andere religiöse Institutionen, aber die Unterrepräsentation von Frauen ist ein echtes Problem, das der neue Reis-ul-Ulema adressieren sollte.
Was sind die größten Herausforderungen für den neuen Amtsinhaber?
Drei Dinge: Erstens muss er die Unabhängigkeit der Gemeinschaft gegen Einflussnahmen von außen – aus der Türkei, Saudi-Arabien, aber auch aus dem Westen – verteidigen. Zweitens muss er gegen wachsenden antimuslimischen Rassismus in Europa argumentieren. Drittens muss er sicherstellen, dass die Imame, die in Bosnien ausgebildet werden, auch in Deutschland wirksam sind.
Aber kann ein religiöser Führer wirklich gegen Rassismus argumentieren, wenn die politischen Kräfte, die ihn treiben, nicht religiös sind? Das ist ein strukturelles Problem, nicht eines der Rhetorik.
Das stimmt. Aber der Reis-ul-Ulema kann zumindest zeigen, dass es einen europäischen Islam gibt, der mit demokratischen Werten kompatibel ist. Das ist nicht nichts.
Der Puls
- Wahl des neuen Reis-ul-Ulema am 10. Oktober 2026
- Drei Kandidaten: Salem Dedovic (Mufti Mostar), Nedzad Grabus (Mufti Sarajevo), Mensur Malkic (Rijaset-Leiter)
- Islamische Gemeinschaft Bosniens seit 1892 als unabhängige Religionsgemeinschaft strukturiert
- Rund 400.000 Muslime bosnischer Herkunft leben in Deutschland
- Wahlgremium hat 398 Mitglieder, davon nur 13 Frauen
Drei Kandidaten treten zur Wahl an: Der Mufti von Mostar Salem Dedovic, der Mufti von Sarajevo Nedzad Grabus und Mensur Malkic mit unterschiedlichen Schwerpunkten. Die bosnische Islamische Gemeinschaft ist einzigartig strukturiert mit eigenem Parlament, Verfassungsgericht und Unabhängigkeit vom Staat seit 1892.
Die Wahl des neuen Oberhaupts der bosnischen Islamischen Gemeinschaft am 10. Oktober 2026 hat Bedeutung für Muslime in ganz Europa, da der Reis-ul-Ulema einen europäisch geprägten Islam verkörpert.
Am 10. Oktober 2026 wählt Bosnien und Herzegowina ein neues Oberhaupt seiner Islamischen Gemeinschaft – ein Amt, das weit über die Grenzen des Landes hinaus Bedeutung trägt. Der Reis-ul-Ulema in Sarajevo verkörpert etwas Seltenes in Europa: eine Form muslimischer Selbstorganisation, die seit 150 Jahren in einer demokratischen, pluralistischen Gesellschaft funktioniert und dabei ihre religiöse Unabhängigkeit bewahrt hat. Für Muslime auf dem gesamten Kontinent ist diese Wahl deshalb mehr als eine innere Angelegenheit – sie ist ein Signal darüber, wie Islam und europäische Werte zusammenpassen können.
Der amtierende Reis-ul-Ulema Husein Kavazovic tritt nach zwei siebenjährigen Amtszeiten ab. Drei Kandidaten bewerben sich um seine Nachfolge: Salem Dedovic, der Mufti von Mostar, setzt auf eine politischere Ausrichtung und möchte sich stärker in gesellschaftliche Debatten einmischen. Nedzad Grabus, langjähriger Vorsitzender der Muslime in Slowenien und jetzt Mufti von Sarajevo, bringt die meiste internationale Erfahrung mit und will die Gemeinschaft in Zeiten von Globalisierung und Säkularisierung stabilisieren. Mensur Malkic, Leiter der religiösen Angelegenheiten im Verwaltungsgremium der Islamischen Gemeinschaft, konzentriert sich auf religiöse und institutionelle Stärkung. Jeder Kandidat verkörpert eine unterschiedliche Vision für die Zukunft.
Das Amt selbst ist einzigartig in Europa. Der Reis-ul-Ulema vertritt die Muslime gegenüber dem Staat, äußert sich zu politischen, moralischen und gesellschaftlichen Fragen und schützt die Unabhängigkeit der Islamischen Gemeinschaft vor äußeren Einflussnahmen. Diese Struktur entstand 1892, als Österreich-Ungarn Bosnien übernahm und den Islam – nach dem Vorbild der christlichen Kirchen – als offizielle Religionsgemeinschaft anerkannte. Seitdem hat die bosnische Islamische Gemeinschaft zahlreiche politische Systeme überlebt: das Osmanische Reich, die Monarchie, das Königreich Jugoslawien, Titos Kommunismus, den Zerfall Jugoslawiens und den Bosnienkrieg. Sie hat sich jedes Mal neu angepasst, ohne ihre Unabhängigkeit zu verlieren.
Heute funktioniert die Islamische Gemeinschaft wie eine etablierte Religionsgemeinschaft mit eigenem Parlament – dem Sabor – und einem Verfassungsgericht, das die Einhaltung der Landesverfassung überwacht. Der Verwaltungsapparat Rijaset setzt die Beschlüsse um. Die Gemeinschaft finanziert sich selbst durch Spenden, Mitgliedsbeiträge und Zakat, die freiwilligen Gaben der Gläubigen. Der Reis-ul-Ulema wird von einem Wahlgremium aus 398 Mitgliedern gewählt – Vertreter des Sabor und Rijaset, Muftis, Hauptimame, Schulleiter und Vertreter der Diaspora. Allerdings sind Frauen mit nur 13 Mitgliedern stark unterrepräsentiert.
Für Muslime in Deutschland hat diese Wahl besondere Bedeutung. Rund 400.000 Menschen bosnischer Herkunft leben hier, viele von ihnen organisiert in der Islamischen Gemeinschaft der Bosniaken in Deutschland (IGBD), die etwa hundert Moscheegemeinden betreut. Zenahir Mrakovic, Vorstandsvorsitzender der IGBD, betont: Die Bosniaken sind mit der Islamischen Gemeinschaft in Sarajevo historisch, theologisch und institutionell eng verbunden. Esnaf Begic, ehemaliger Imam und Wissenschaftler am Institut für Islamische Theologie der Universität Osnabrück, sieht in der bosnischen Erfahrung ein Modell für ganz Europa. "Wir sind autochthone europäische Muslime", sagt er, "und haben in manchen Belangen mehr Gemeinsamkeiten mit den Deutschen als mit Muslimen aus Afghanistan, Iran oder Saudi-Arabien." Die bosnische Islamische Gemeinschaft zeigt, wie religiöses Leben in einer demokratischen Gesellschaft funktioniert – ohne Radikalismus, mit selbstverständlicher Koexistenz zwischen Muslimen, Christen und Juden.
Doch der neue Reis-ul-Ulema tritt sein Amt in schwierigen Zeiten an. Die Staatlichkeit Bosniens ist fragil, ausländische Akteure – aus Ankara, Riad, Washington, Berlin und Brüssel – versuchen, Einfluss auszuüben. Gleichzeitig wächst antimuslimischer Rassismus in Europa. Rechtspopulisten erstarken, extremistische Parteien gewinnen an Zulauf und bestreiten Muslimen das Recht auf gesellschaftliche Teilhabe. In dieser Situation gibt es die Erwartung, dass der neue Reis-ul-Ulema mit der ganzen demokratischen Legitimität seines Amtes stärker in europäische Debatten über den Islam eingreift. Imam Benjamin Idriz aus Penzberg in Bayern sagt: "Keine andere islamische Persönlichkeit in Europa hat eine Position wie der Reis-ul-Ulema in Sarajevo." Der neue Amtsinhaber könnte nicht nur den Bosniaken, sondern allen Muslimen in Europa Zuversicht vermitteln und der Mehrheitsgesellschaft zeigen, dass der Islam ein Bestandteil Europas ist – und dass Rechtsstaatlichkeit, Geschlechtergerechtigkeit und Meinungsfreiheit vom Islam bejaht werden.
Bemerkenswerte Zitate
Keine andere islamische Persönlichkeit in Europa hat eine Position wie der Reis-ul-Ulema in Sarajevo. Daher hat diese Wahl eine besondere Bedeutung über Bosnien hinaus für Muslime, aber auch für Nicht-Muslime in Europa.— Imam Benjamin Idriz, Penzberg
Wir sind autochthone europäische Muslime und haben in manchen Belangen mehr Gemeinsamkeiten mit den Deutschen als mit Muslimen aus Afghanistan, Iran oder Saudi-Arabien.— Esnaf Begic, ehemaliger Imam und Wissenschaftler