20 Jahre nach Politkowskaja-Mord: Nowaja Gaseta kämpft ohne Lizenz weiter

Anna Politkowskaja wurde am 7. Oktober 2006 ermordet; sechs weitere Journalisten der Nowaja Gaseta wurden seit ihrer Gründung bis 2021 getötet, andere wurden verletzt.
In Russland gibt es keine Presse mehr, nur noch Inseln
Chefredakteur Sokolow beschreibt den Zustand der Medienlandschaft in Russland zwei Jahrzehnte nach Politkowskajas Mord.
Mark

Warum ist die Nowaja Gaseta nach zwanzig Jahren noch immer so wichtig? Die Zeitung hat keine Lizenz mehr, sie kann nicht legal drucken.

Mimi

Weil es in Russland kaum noch andere gibt, die unabhängig berichten. Sokolow sagt es selbst: Es gibt keine Presse mehr, nur noch Inseln von Medienprojekten unter staatlicher Zensur. Die Nowaja Gaseta ist eine dieser Inseln.

Luke

Aber wie viele Menschen erreichen sie noch? Wenn die Drucklizenz weg ist und die Webseite auch – wer liest das noch? Das ist eine wichtige Frage, die der Text nicht beantwortet.

Mark

Politkowskaja wurde vor zwanzig Jahren ermordet. Hat sich seitdem etwas geändert, oder ist es schlimmer geworden?

Mimi

Sokolow sagt, es ist schlimmer geworden. Damals warfen ihr viele vor, sie übertreibe. Jetzt sieht er, dass sie recht hatte – und dass es noch schlimmer kam. Sechs Journalisten der Zeitung sind seit ihrer Gründung bis 2021 ermordet worden.

Luke

Das ist eine wichtige Unterscheidung: Sechs bis 2021. Der Text sagt nicht, ob es seitdem weitere Morde gab. Das ist ein Loch in der Berichterstattung.

Mark

Warum konnte die Zeitung überhaupt gegründet werden? Das war doch auch unter Zensur?

Mimi

Die 1990er-Jahre waren anders. Es gab mehr Spielraum. Aber die Gründer – Sokolow, Muratow – sie wussten aus Sowjetzeiten, wie man mit Zensur umgeht. Das gibt ihnen einen Vorteil gegenüber jüngeren Journalisten.

Luke

Das ist interessant, aber es wirft eine Frage auf: Wenn die älteren Journalisten ausscheiden, wer macht dann weiter? Der Text sagt, dass es für junge Menschen schwieriger ist. Das ist ein Zukunftsproblem, das nicht gelöst wird.

Mark

Muratow hat den Friedensnobelpreis bekommen. Hat das der Zeitung geholfen?

Mimi

Nein. Ein Jahr später entzog der Staat ihr die Lizenz. Der Nobelpreis war kein Schutz.

Luke

Das ist ein wichtiges Detail. Es zeigt, dass internationale Anerkennung in Russland unter Putin keine Schutzfunktion hat.

  • Anna Politkowskaja wurde am 7. Oktober 2006 ermordet
  • Sechs Journalisten der Nowaja Gaseta wurden bis 2021 ermordet
  • 2022 entzog der Staat der Zeitung Druck- und Webseiten-Lizenz
  • Dmitri Muratow erhielt 2021 den Friedensnobelpreis

Anna Politkowskaja wurde am 7. Oktober 2006 ermordet, nachdem sie über Gräuel des Tschetschenien-Krieges berichtete und sich nicht der Zensur unterordnete. Sechs Journalisten der Nowaja Gaseta wurden seit ihrer Gründung bis 2021 ermordet; 2022 entzog der Staat der Zeitung ihre Druck- und Webseiten-Lizenz.

Zwei Jahrzehnte nach der Ermordung der Journalistin Anna Politkowskaja setzt sich die Nowaja Gaseta trotz Zensur und Lizenzentzug für unabhängige Berichterstattung in Russland ein.

Der Himmel über Moskau ist grau an diesem Oktobernachmittag, und vor dem Gebäude der Nowaja Gaseta in der Potapowski-Gasse 3 stehen Vasen mit gelben Sonnenblumen und weißen Chrysanthemen. Sie sind die einzigen Farbtupfer vor den Gedenktafeln für Anna Politkowskaja, die hier ermordet wurde – vor zwanzig Jahren, am 7. Oktober 2006. Oben in den Redaktionsräumen wird gerade eine neue Tafel angebracht, in dem Zimmer, wo Politkowskajas Schreibtisch noch immer mit Papieren und Büchern bedeckt ist, ihr Computerbildschirm ihr Foto zeigt, ihre Arbeiten an den Wänden hängen.

Eine frühere Gedenktafel, die vor ihrem Wohnhaus hing, wurde von Unbekannten zerstört. Nach der Restaurierung durfte sie nicht wieder aufgehängt werden. Die Inschrift war einfach: "In diesem Haus lebte Anna Politkowskaja, die am 7. Oktober 2006 brutal ermordet wurde." Sergej Sokolow, heute Chefredakteur der Nowaja Gaseta, sieht darin ein Muster – die Erinnerung an eine Journalistin soll verblassen, die weit mehr war als eine Chronistin der Gräuel des Tschetschenien-Krieges. Sie beschäftigte sich mit dem Widerstand der menschlichen Freiheit gegen den Staatsapparat, ob dieser in Form von Beamten, paramilitärischen Einheiten oder der Armee auftrat.

Sokolow ist selbst im fortgeschrittenen Alter, einer der Gründer dieser Zeitung, und er hat bereits zu Sowjetzeiten angefangen zu arbeiten. Das gibt ihm und seinen Kollegen einen Vorteil, den junge Journalisten nicht haben: Sie wissen, wie man mit Zensur umgeht, wie man Hindernisse umschifft, weil sie es bereits getan haben. "Die Erfahrungen aus jener Zeit ermöglichen es uns, uns schneller anzupassen", sagt er. Politkowskaja war damals schon eine erfahrene Reporterin, aber eine, die sich mit Zensur nicht abfinden wollte – und auch nicht mit der Tatsache, dass ihre Berichte sie in Lebensgefahr brachten. Als Sokolow ihr zu erklären versuchte, warum man bestimmte Dinge nicht so schreiben könne, flogen ihm, wie er sich mit einem Lächeln erinnert, sehr dicke Bücher entgegen.

Viele warfen ihr damals vor, sie denke zu katastrophal, sie übertreibe ihre Einschätzungen. Hätte sie länger gelebt, hätte sie gesehen, dass es noch schlimmer kommen würde, als sie sich vorgestellt hatte. Niemand konnte zu Beginn der 2000er-Jahre den Wahnsinn vorhersehen, der sich jetzt vor aller Augen abspielt. Für die Nowaja Gaseta wurde es eine Katastrophe: Sechs Journalisten der Zeitung wurden seit ihrer Gründung bis 2021 ermordet, andere wurden aufgrund ihrer Arbeit verletzt. Der Mitgründer Dmitri Muratow erhielt 2021 den Friedensnobelpreis für seine unabhängige Berichterstattung – ein Schutz für das Blatt war das nicht. 2022 entzog der Staat der Nowaja Gaseta zunächst die Drucklizenz, dann auch die Lizenz für ihre Webseite.

Trotzdem machen sie weiter. Unabhängig, aber ohne Lizenz, im Internet und mit aller Vorsicht. Sokolow sagt es deutlich: "Man kann nur dann von Pressefreiheit sprechen, wenn es überhaupt eine Presse gibt. In Russland gibt es keine Presse." Es gibt nur vereinzelte Inseln von Medienprojekten, die unter staatlich auferlegter Zensur existieren, aber noch in der Lage sind, nicht nur Propaganda zu verbreiten. Um zu zeigen, wie wenig unabhängige Information es gibt, fragt er: Wenn man in Jekaterinburg eine beliebige Person anspreche und sie nach dem Schicksal der Flüchtlinge aus dem Gebiet Kursk, aus Belgorod oder aus Schebekino frage, werde die Person nicht verstehen, wovon man spricht. Sie wisse nichts davon.

Bei der Gedenkveranstaltung für Politkowskaja füllen sich die Säle mit Pressevertretern. Muratow und Sokolow halten Reden, dann läuft ein langer Film über Leben und Tod von Anna Politkowskaja. Zu sehen sind auch kurze Ausschnitte ihrer letzten Lebensminuten: Überwachungskamerabilder vom Betreten ihres Hauses, dann verschwommen ein Mann, der das Haus verlässt. Es dauerte lange, bis es Festnahmen und Verurteilungen gab. "Doch dann tat die Ermittlungsbehörde so, als sei der Fall abgeschlossen", sagt Sokolow. "Es war von Anfang an klar, dass niemand sich zum Ziel gesetzt hatte, den tatsächlichen Auftraggeber zu suchen." Die Suche nach den Hintermännern des Mordes an Anna Politkowskaja soll weitergehen – und auch die Suche nach einer Zukunft in Freiheit. "Die journalistische Pflicht besteht nicht darin, ins Gefängnis zu gehen", meint Sokolow. "Man muss mittendrin sein, um zu verstehen, was mit dem eigenen unglücklichen Land, mit dem eigenen unglücklichen Volk geschieht."

Man kann nur dann von Pressefreiheit sprechen, wenn es überhaupt eine Presse gibt. In Russland gibt es keine Presse.
— Sergej Sokolow, Chefredakteur der Nowaja Gaseta
Die journalistische Pflicht besteht nicht darin, ins Gefängnis zu gehen. Man muss mittendrin sein, um zu verstehen, was mit dem eigenen unglücklichen Land geschieht.
— Sergej Sokolow
Quieres la nota completa? Lee el original en tagesschau ↗
Contáctanos FAQ